Politisches Feuilleton
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13.1.2005
Ach, Rudi…Dutschke und die politische Sentimentalität
Von Alan Posener

Alan Posener (Bild: privat)
Alan Posener (Bild: privat)
Zugegeben, ich bin parteiisch. Rudi Dutschke gehörte zu meinen Jugendidolen, neben John Lennon und Mick Jagger. Wegen Dutschke bin ich als Teenager auf Demonstrationen gegangen, habe mich von Wasserwerfern bespritzen, von Tränengas halb ersticken, von Polizisten verprügeln lassen. Wenn jetzt die Kochstraße in Berlin umbenannt werden soll in "Rudi-Dutschke-Straße", habe ich also eine ziemlich entschiedene Meinung dazu. Im Gegensatz zu meinem Arbeitgeber, dem Axel-Springer-Verlag. Der ließ erklären, er werde jede demokratisch legitimierte Entscheidung respektieren. Was er ja ohnehin muss. Rudi Dutschke freilich sah das anders.

Gerade weil ich damals dabei war, finde ich die sentimentale Geschichtsklitterung unerträglich, mit der Dutschke zu einer Art Martin Luther King verklärt wird. Bei Walter Jens etwa hört sich das so an: "Dutschke war ein friedliebender, zutiefst jesuanischer Mensch, und er wusste, auf welcher Seite sein Herr Jesus steht." Friedliebend? Wo Dutschke hinkam, da war Action. Da wurden Gebäude besetzt, Sperrgitter beiseite geräumt, Polizeiketten gestürmt. Da war nichts von Bergpredigt. Da war allerdings die Selbstgerechtigkeit dessen, der das Werk des Herrn vollbringt. Kam das dem ehemaligen NS-Studentenbündler Walter Jens nicht bekannt vor?

Dutschke war, trotz seines eloquenten Umgangs mit dem Jargon der Frankfurter Schule, kein Theoretiker, sondern ein Propagandist der Tat. Seine Frau Gretchen erzählt, dass der ehemalige Leistungssportler in jedem Film einschlief - außer bei Louis Malles Revolutions-Komödie "Viva Maria!" mit Brigitte Bardot und Jeanne Moreau, der 1965 in die Kinos kam. Der Film um zwei Stripperinnen, die sich in Südamerika auf die Seite antiimperialistischer Rebellen schlagen, hat als Höhepunkt eine Szene, in der Bardot und Moreau mit einem Maschinengewehr reihenweise Regierungssoldaten umnieten. Den Film schaute sich Dutschke mit seinen Genossen von der "Subversiven Aktion" mindestens ein halbes Dutzend Mal an. Im SDS nannte man die Dutschkisten darum die "Gruppe Viva Maria". Jesuanisch? Allenfalls marianisch.

Trotzdem greift Peter Unfried in einer Stellungnahme der "taz"-Redaktion das Jesus-Motiv wieder auf. Dutschke habe "sein Leben gegeben für jenen gesellschaftlichen Fortschritt, den wir heute als selbstverständlich betrachten". Wie bitte? Dutschke hielt nichts von Kapitalismus und Konsum, Liberalismus und Parlamentarismus. Für ihn waren die USA und die Sowjets gleichermaßen imperialistische Besatzer. Es ist kein Zufall, dass sein Weggefährte Horst Mahler bei der NPD gelandet ist. Und sein Genosse Bernd Rabehl wäre vermutlich auch dort, hätte er nicht Angst um seine Professorenpension.

"Rechts zu landen ist diesen Linkskonservativen immanent", schrieb Dutschke selbstkritisch kurz vor seinem Tod. Doch die Bewegung, deren Idol er war, hatte er zehn Jahre zuvor anlässlich des Berliner Vietnamkongresses in ein Bündnis mit eben diesen Linkskonservativen geführt: Mit den westlichen Ablegern der SED. Wie konnte man glaubwürdig gegen den Krieg in Vietnam, gegen die Ausbeutung der Dritten Welt, gegen die Entrechtung der Arbeiterklasse und der "Volksmassen in den Metropolen" eintreten, wenn man sich zusammentat mit den Apologeten der organisierten Gewalt gegen die Arbeiter und das Volk in der UdSSR und der DDR, der brutalen Unterdrückung der Menschen in Nordkorea, China, Tibet, den verbündeten arabischen Diktaturen oder Kuba - und der nackten Aggression gegen die Menschen in Südvietnam durch die nordvietnamesische Armee und den Vietkong? Die antiautoritäre Bewegung hatte die überholten Kategorien "links" und "rechts" überwunden zugunsten der Unterscheidung zwischen "frei" und "unfrei". Dutschke machte diesen Fortschritt rückgängig. Und so ist es kein Wunder, dass gerade die poststalinistische PDS den Vorschlag der taz aufgriff, die Straße, die am Checkpoint Charlie vorbeiführt, nach Rudi Dutschke zu benennen.

Es gibt allerdings einen Haken: Neulich hat die Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg mit den Stimmen der PDS beschlossen, keine Straßen mehr nach Männern zu benennen, bis die Frauenquote von fünfzig Prozent erfüllt ist. Was tun? Wie wär's damit: Die Kochstraße in Brigitte-Bardot-Boulevard umbenennen. Die Bardot war ja Dutschkes Muse. Und sie hat mehr für die Emanzipation weiblicher Sexualität getan als all die SDS-Machos und ihre frustrierten Groupies zusammengenommen. Und denkt an die niedlichen Baby-Robben. Jesus - ich meine Rudi - wäre bestimmt auch dafür.


Alan Posener, 1949 in London geboren, aufgewachsen in London, Kuala Lumpur und Berlin, studierte Germanistik und Anglistik an der FU Berlin und der Ruhr-Universität Bochum. Er arbeitete anschließend im Schuldienst, dann als freier Autor und Übersetzer. Von 1999 bis 2004 war er Mitarbeiter der "Welt", zunächst als Autor, dann als Redakteur. Seit März 2004 ist er Kommentarchef der "Welt am Sonntag". Posener publizierte neben Schullektüren u.a. Rowohlt-Monographien über John Lennon, John F. Kennedy, Elvis Presley, William Shakespeare und Franklin D. Roosevelt, die "Duographie" Roosevelt-Stalin und den "Paare"-Band über John und Jacqueline Kennedy.
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