Politisches Feuilleton
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15.1.2005
Was heißt heute Identität?
Von Karlheinz Weißmann

Identität ist ein seltsames Wort. Es wird häufig gebraucht und taucht in allen möglichen Zusammenhängen auf. Da ist die Rede von persönlicher Identität, von der Entfaltung kindlicher Identität, von der Identität eines Fanclubs, einer Marke, einer Nation, von Identitätskrise, Identitätsfindung und corporate identity. Aber wenige wüssten genau anzugeben, was das Wort Identität bedeutet und welchen Sinn es in dem jeweiligen Zusammenhang hat.

Folgt man der Auskunft des Lexikons, dann heißt Identität soviel wie "Übereinstimmung mit sich selbst". In diesem Sinn hat die Philosophie den Begriff traditionell gebraucht. Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde von Identität nur in dem Sinn gesprochen, dass ein- und dieselbe Sache mit sich selbst identisch ist. Das leuchtet jedem im Hinblick auf tote Gegenstände ein, wahrscheinlich auch auf einfache Organismen, Pflanzen und Tiere. Aber seit den fünfziger Jahren wurde es üblich, von Identität auch in Bezug auf menschliche Größen zu sprechen: Einzelnen oder Gruppen wurde eine Identität zugeschrieben. Damit trat der Begriff seinen Siegeszug an, wurde gleichzeitig aber unscharf. "Identität" kann sich seitdem auf vieles beziehen, was man sonst früher als "Wesen" einer Sache bezeichnet hat. Identität heißt dann soviel wie unverlierbarer Kern, eigentlicher Charakter. Aber "Identität" ist nicht statisch wie "Wesen", sondern labil, wandelbar und dauernd gefährdet.

Sigmund Freud sprach von der "Kränkung der menschlichen Eigenliebe" dadurch, dass uns bewusst wurde, wie wenig wir Herr im eigenen Haus sind, dass nicht unser stolzer Verstand bestimmt, was wir sind, sondern daneben auch noch eine Menge von Unbewusstem und Triebhaftem. Das Bewusstsein, nicht mit sich selbst identisch zu sein, ist aber ohne Zweifel älter als die Psychoanalyse. Den Apostel Paulus führte schon Selbstbeobachtung zu der Erkenntnis, dass er tue, was er nicht wolle und nicht tue, was er wolle. Das Gefühl von Entfremdung - also des Fehlens von Identität - begleitet die menschliche Spezies seit ihren Anfängen. Sie hat allerdings gelernt, gegen die Gefahr des Identitätsverlusts Sicherungen aufzubauen. Die wichtigste ist die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Wer wir als Einzelne sind, lernen wir in hohem Maß dadurch, dass wir lernen, zu welcher Gruppe wir gehören. Das gilt für die Familie ebenso wie für den Freundeskreis, für die Zugehörigkeit zu einer Clique, einem Verein, einer Korporation, einer militärischen Einheit, einer Partei, einer Gewerkschaft, einer Firma, einer Glaubensgemeinschaft, einem Volk oder einer Kultur. Alle diese Einheiten besitzen eine stabilere Identität als der Einzelne. Deshalb kann er sich an sie anlehnen.

Die Möglichkeit der Orientierung für die Identität bieten soziale Ordnungen allerdings nur, weil sie den Einzelnen überdauern und auf lange Zeit ihre Lebensdienlichkeit unter Beweis gestellt haben. Wenn diese Lebensdienlichkeit fragwürdig wird, erlischt auch die identitätsstiftende Funktion. Man hat diesen Prozess sehr genau beobachten können am Prestigeverlust der großen Institutionen. Und man hat diesen Prozess als Befreiung des Individuums gefeiert, das ohne Hemmung seine Identität entfalten sollte: "Selbstfindung" und "Selbstverwirklichung" waren eine Art Massensport der siebziger und achtziger Jahre.

Aber die Vorstellung, dass der Mensch ganz Herr seiner Identität werden kann, hat sich als wirklichkeitsfremd erwiesen. Man muss gar nicht an die oben erwähnte Gefahr von Identitätszerfall erinnern oder auf die problematische Identitätssuche in extremistischen Kreisen Bezug nehmen, es genügt ein Blick auf das allgemeine Unbehagen an Prozessen der Entwurzelung. Das verstärkt die Suche nach Gegenmitteln. Vor allem in der Pädagogik ist die Einsicht in die Notwendigkeit von Identitätsstiftung durch wiederkehrende Muster und Vorbilder gewachsen, alle möglichen Institutionen - von den Unternehmen bis zu den Universitäten und den Kirchen - bemühen sich um Bindung durch Identität, und wenn man die Nebenabsichten bei der aktuellen Debatte über "Patriotismus" und "Leitkultur" außer Acht lässt, steht dahinter die Erkenntnis, dass auch eine politische Ordnung Zugehörigkeitsgefühle braucht.

Vielleicht lässt sich in allen diesen Vorgängen eine Gesamttendenz ablesen, die nur allmählich ins Bewusstsein tritt. Immerhin erregte die Mainzer Philosophin Karen Joisten mit ihrem vor kurzem erschienenen Buch "Philosophie der Heimat" auch außerhalb von Fachkreisen erhebliches Aufsehen. Joisten hält das Pendeln zwischen Vertrautem und Neuem, Identität und Nichtidentität für ein Wesensmerkmal des Menschen. Beides gehöre dazu. Allerdings sei in der Gegenwart die Neigung übermächtig geworden, das Bekannte aufzulösen, die Einzelnen in eine Unübersichtlichkeit zu entlassen, der sie nicht gewachsen seien. Die Rückgewinnung von Lebenswelt könne deshalb nur durch Beheimatung gelingen, Zulassung und Förderung dessen, was Identität gründen und festhalten lässt.


Karlheinz Weißmann, Jahrgang 1959, Historiker u. Studienrat, lebt in Göttingen. Er schreibt u. a. für die Beilage 'Das Parlament' und veröffentlichte zahlreiche Bücher.


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