Politisches Feuilleton
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18.1.2005
Reden wir über Geld und Leistung
Von Reinhard Kreissl

Wie sieht es aus mit leistungsbezogener Bezahlung? (Bild: AP)
Wie sieht es aus mit leistungsbezogener Bezahlung? (Bild: AP)
Leistung muss sich lohnen und Lohn hängt von der Leistung ab. Generationen von Volkspädagogen haben uns dieses Mantra der Leistungsgesellschaft eingebläut. Nun hat das Volk, dieser störrische Lümmel, die Lektion zwar gelernt - aber in listiger Verkehrung die falschen Schlüsse daraus gezogen. Gehalt steht dem zu, der etwas leistet.

So richtig geglaubt haben die wenigsten an die Leistungsgerechtigkeit, die Verhältnisse vor der Haustüre sahen anders aus. Aber wir wurden vertröstet. Die unsichtbare Hand des Marktes werde die Parasiten herauspicken. Irgendwann herrsche dann das einzig gerechte Leistungsprinzip: jedem nach seiner Leistung, abzüglich Profit, Steuern und Abgaben. Das Volk hat verstanden, krempelt die Ärmel hoch und beginnt auf Teufel komm raus Leistung zu erbringen, denn nicht mehr Gnade und Vorsehung, Klasse und Stand, sondern einzig die individuell erbrachte Leistung bestimmt das Gehalt.

So könnte also alles zum Besten stehen: die Arbeitskraftunternehmer treiben im Schweiße ihres Angesichts das Bruttosozialprodukt in immer neue Höhen und alle sind erschöpft und glücklich. Bei soviel Arbeit bleibt keine Zeit für andere Dinge, daher lässt das Volk sich in vielen Angelegenheiten vertreten.

Und da beginnt das Problem. Es stellt sich heraus, dass Volksvertreter, die für ihre Arbeit angemessen bezahlt werden, zusätzlich von anderer Seite Geld kassieren - ohne etwas dafür zu leisten. Das Volk rechnet nach. Einfachste Arithmetik und Grundkenntnisse im Katechismus der Leistungsideologie genügen, um Verdacht zu schöpfen. Schnell verdichten sich unangenehme Überlegungen zu Überschriften, Köpfe rollen, Kommissionen werden eingesetzt, Reformen gefordert.

Die Volksseele kocht. Das Leistungsprinzip ist verletzt worden! Die Gehälter der gut Verdienenden sind zu hoch - unsere Parlamentarier, eine Bande von hinterhältigen Abzockern. Unsere Topmanager - Esser, Ackermann, Schrempp e tutti quanti - überbezahlte Nieten in Nadelstreifen. Wie konnte das passieren? Müssen wir uns das bieten lassen? Was ist zu tun?

Die deutsche Antwort ist vorhersehbar: neue Regelungen müssen her, Deckelungen werden gefordert - denn mit leistungsgerechter Besoldung, so die Stimme des Volkes, hat das nichts mehr zu tun. Und selbst die Vorstände großer Konzerne werden nervös: Volkswagen stellt pressewirksam die Zahlung an eine Hand voll Parlamentarier ein, die für das Unternehmen arbeiteten. Andere werden folgen. Man zeigt sich reumütig, hofft auf Verständnis und opfert den einen oder anderen Bauern.

Hier hilft der Blick über den Tellerrand ins gelobte Land Amerika. Schon Tocqueville hatte erkannt, dass die amerikanische Version von Gleichheit einem Feudalismus des Mammon Vorschub leistet. Wer viel Geld kassiert, hat dort kein Legitimationsproblem. Im Gegenteil: je mehr einer hat, je teurer seine Leistung bezahlt wird, desto angesehener ist er. Exorbitante Gehälter, Tantiemen und Gagen sind das stolz zur Schau getragene Lametta der amerikanischen Erfolgsmenschen. Geld zu verdienen ist keine Schande.

Selbst die führenden Köpfe der Regierung bedienen - wir würden sagen: schamlos - ihre ehemaligen Arbeitgeber mit profitablen Aufträgen der öffentlichen Hand und die lassen sich im Gegenzug nicht lumpen und pumpen unverblümt Geld in die Kampagnen derjenigen, denen sie das verdanken. Solidarität bedeutet hier: eine Hand wäscht die andere.

In Amerika ist es gelungen, Geld und Moral zu entkoppeln. Bigotterie und Intoleranz feiern überall fröhliche Urständ, nur die wunderbare Welt des Geldverdienens bleibt davon verschont. Eine Figur des öffentlichen Lebens kann sich hemmungslos unter den bewundernden Blicken ihrer Mitmenschen bereichern. Aber wehe, es stellt sich heraus, dass sie den Sonntagsgottesdienst geschwänzt hat.

Positiv gewendet ist der Reichtum für den Amerikaner zugleich eine moralische Verpflichtung: er spendet steuermindernd für wohltätige Zwecke. Die Namen der großen amerikanischen Vermögen, Ford, Sloane, Vanderbilt, Getty, sind mit Stiftungen verbunden, die hierzulande staatlich bereitgestellte Leistungen für die Gesellschaft erbringen. Und so bekommt das Geld auch in Amerika eine moralische Aura. Man kauft sich damit die Anerkennung derjenigen, die keins haben. Wie es erworben wurde, danach fragt keiner.

Während also hierzulande das politische Führungsduo einen öffentlich kommentierten Wettkampf in serieller Monogamie austrägt - im Moment führt Joschka Fischer vor Gerhard Schröder - was die Karriere eines amerikanischen Politikers sofort beenden würde, dürfen sie sich nicht inkognito mit jenen Kofferträgern aus der Wirtschaft erwischen lassen, die im Weißen Haus ungeniert ein und aus gehen.

Wie es aussieht, haben wir die Wahl zwischen moralischer Bigotterie gepaart mit ökonomischem Laissez Faire oder weitgehender Toleranz in Kombination mit moralisch begründeter Kritik an hemmungsloser Bereicherung. Beide Formen scheinen überlebensfähig zu sein. Ausgestorben ist mit dem real existierenden Sozialismus nur der Doppelpack von Intoleranz und Bereicherungsverbot. Und da sind wir doch auch irgendwie froh drüber.


Dr. Reinhard Kreissl, geb. 1952, ist Soziologe und Publizist. Studium in München, Promotion in Frankfurt/Main. Habilitation an der Universität Wuppertal. Kreissl hat u.a. an den Universitäten San Diego, Berkeley und Melbourne gearbeitet. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Publikationen verfasst und schrieb regelmäßig für das Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung". Letzte Buchpublikation: "Die ewige Zweite. Warum die Macht den Frauen immer eine Nasenlänge voraus ist".

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