Politisches Feuilleton
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20.1.2005
Hartz IV und die Künstler
Von Bernd Cailloux

Bernd Cailloux (Bild: privat)
Bernd Cailloux (Bild: privat)
In Schillers Gedicht "Die Teilung der Erde" kommt der Künstler, der Poet, bekanntlich zu spät - die Verteilung war längst geschehen, der Kaufmann, der Abt, der König hatte sich bedient, der Ackermann schon nach den Früchten gegriffen. Die Welt ist weggeben, sprach der damals noch sprechende Gott Zeus und schlug dem klagenden Dichter vor, bei ihm im jederzeit offen stehenden Himmel zu leben. Im gerade angelaufenen Schiller-Gedenkjahr kommt es im Rahmen der reformierten Sozialgesetze zumindest teilweise zur neuerlichen Verteilung der Erde. 2005 wird das ominöse Hartz-Vier-Gesetz seine Bedeutung entfalten - natürlich auch für Künstler.

Aller Voraussicht nach können sich einige von ihnen wieder vor Jovis Thron werfen. Für Schauspieler beispielsweise besteht bereits seit den weniger beachteten Regelungen von Hartz zwei und drei Grund zur Klage. Danach erhalten Arbeitslosengeld nur jene, die ununterbrochen 360 Tage im Jahr beschäftigt waren. Film- und Theaterleuten ist es somit nicht mehr möglich, zwischen ihren Engagements die bisher gewohnte Unterstützung zu beziehen, sondern nur deren Schwundform, die gekürzte Arbeitslosenhilfe in der Version Hartz Vier. Da darf bis zum nächsten Stückevertrag oder Tanztheater-Festival gerechnet werden. Schon in den darstellenden Künsten zeigt sich, wie undifferenziert die Hartz-Gesetze sind, was die berufliche Qualifikation und Biografie der dort Beschäftigten betrifft.

Auch die Sparte Musik zeigt sich verstimmt. Angesichts Hartz Vier befürchtet sie, dass sich neben den allgemeinen Rahmenbedingungen für Kunst und Kultur ihre Existenzmöglichkeiten verschlechtern. Die "Neue Musik-Zeitung" schreibt in ihrer Januarausgabe: "Der implizite Ehevertrag zwischen Musik und Gesellschaft platzt wie ein ungedeckter Scheck." Sie beklagt den immer weniger werdenden Musikunterricht, schließende Opern und Orchester, die sich daraus ergebenden Veränderungen im Arbeitsmarkt Kultur. Und sie malt für ihre Abonnenten ein Schreckensszenario ins Blatt: entlassene, Hartzgeld empfangende Balletteusen und Cellisten, die in ihren zwangsverpflichteten Ein-Euro-Jobs Laub harken.

Für die Kulturschaffenden werfen die reformierten Sozialgesetze ohnehin genug neue Fragen auf.
Nebenverdienste sind anzugeben, klar. Die Anrechnung von Vermögen, das heißeste Eisen im Hartz-Paket, birgt für sie dagegen absurde Züge. Wird der teure Flügel eines arbeitslosen Klavierspielers in Bares umgerechnet? Treibt seine im Regal stehende, wertvolle Erstausgaben-Bibliothek den Not leidenden Schriftsteller endgültig in den finanziellen Ruin? Und - das allerschärfste - werden die unverkauften Bilder eines sozialhilfeempfangenden Malers jetzt nicht nur in die Atelierecke, sondern zugleich auf seinem Konto ins geldwerte Plus gestellt? Kulturstaatsministerin Frau Weiss meint: Ja - es sind Vermögensgegenstände. Es soll ja viele solcher Bilder geben - also, liebe Malerinnen und Maler, Vorsicht am Pinsel. Ganz abgesehen von der Taxierung jener Kunstwerke und Klaviere durch die Sachbearbeiter der Job-Agentur lauert in Hartz Vier jede Menge Stoff für Tragik-Komödien.

Auch für freie Schriftsteller, Autoren, Dichter? In der Regel haben sie nichts in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt, und so manchem mag in honorarschwachen Monaten die Absicherung durch Hartz-Geld sogar traumhaft erscheinen. Ihre Verdienstmöglichkeiten schrumpfen von Jahr zu Jahr: Verlage kürzen die Programme, Zeitschriften verschwinden, Kultursender fusionieren, wo einst viel Wort war, läuft heut' viel Musik; Kostensenkung, Sparzwang, kommerzielle Anpassung lautet die Devise der Medien. Literatur gilt da als riskant, deutsche zeitgenössische Belletristik und Lyrik als kaum verkäuflich, Buchvorschüsse, jüngst noch sechsstellig hoch-pe-ert, befinden sich im freien Fall in Richtung des Schillerschen Gotteslohns - Interessierten teile ich die gängige Höhe gern brieflich mit, Rückporto bitte beilegen.

Vor allem aber reißt Hartz Vier Löcher ins Portemonnaie des Publikums, sein Kultur-Budget geht als erstes flöten - in Zukunft werden sich immer weniger Menschen Kultur leisten können. Folglich verringern sich die Einnahmen der Künstler weiterhin. Mir sind jetzt bereits etliche Schriftsteller bekannt, die in Lexika und Nachschlagewerken verzeichnet sind - und zugleich auch in den Listen der Sozialämter. Sie können ihre Existenz in einer einzigen Zeile verdichten: Ich stehe im Brockhaus und lebe von Stütze. Höchstwahrscheinlich werden sie in diesem Jahr noch ein paar mehr.


Bernd Cailloux lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Mehrere Bücher von ihm sind im Frankfurter Suhrkamp Verlag erschienen - darunter Erzählbände wie "Intime Paraden" und "Der gelernte Berliner". Im nächsten Frühjahr wird der Roman "Das Geschäftsjahr 1968/69" bei Suhrkamp herauskommen.



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