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22.1.2005
Wille zur Weltliteratur
Von Dirk Knipphals

Das Marmordenkmal, geschaffen von Reinhold Begas, zu Ehren des Dichters Friedrich Schiller auf dem Gendarmenmarkt in Berlin (Bild: AP Archiv)
Das Marmordenkmal, geschaffen von Reinhold Begas, zu Ehren des Dichters Friedrich Schiller auf dem Gendarmenmarkt in Berlin (Bild: AP Archiv)
Zum ersten Mal las ich Friedrich Schiller während des Deutschunterrichts. Doch scheint das zunächst bei mir keine tieferen Spuren hinterlassen zu haben.

Das änderte sich dann allerdings auf der Universität, wo ich dem seltsamen Schicksal, Literaturwissenschaft zu studieren, nicht entging.
Es war mein sechstes Semester, als mich ein Seminar neugierig machte mit dem Titel "Anti-bürgerliche Klassiker-Inszenierungen". Ein Titel, der inzwischen selbst historisch geworden ist. Dass irgendwelche Klassiker-Inszenierungen in irgendeiner Weise "anti" sein könnten, das würde heute sowieso kein Mensch mehr glauben.

Ich übernahm damals ein Referat zu einer Theateraufführung aus dem Jahre 1979 in Stuttgart; es ging um Schillers Drama "Don Carlos". Der Regisseur hieß Hansgünther Heyme und er leistete volle Entlarvungsarbeit, wie das zu der Zeit angesagt war. Den Klassikern die klassische Hülle vom Gesicht reißen - das war der Geist, den diese Aufführung atmete.

Ich fand sie klasse. Es ging hier nicht mehr um bildungsbürgerliche Sprüche wie: "Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire!" Stattdessen ging es um Ketzerei und Wollust, um Vater-Sohn-Konflikte und um den gnadenlosen Ehrgeiz junger Männer. Großes Gefühlstheater - damit konnte ich etwas anfangen. Man spürte, wie Schiller als Autor gebrannt haben muss, was für ein Wille zur Weltliteratur ihn beherrscht hat. So drängend schreibt nur einer, der sein Leben von seinem Schreiben abhängig macht.

Inzwischen habe ich gelernt, solche pathetischen Schreibhaltungen nicht mehr gar so ernst zu nehmen. Manchmal erscheint mir Schiller wie ein Autor der großen Sprüche und starken Wörter. Was aber nichts daran ändert, dass sein Freiheitspathos heute noch beeindruckend ist. Dass seine Briefe zur ästhetischen Erziehung eine Grundlage der modernen Kulturkritik darstellen. Dass er früh die Bedeutung der Geschichte erkannte. Und dass er als Lyriker sowieso immer wieder zu entdecken ist.

Inszenierungen wie die von Heyme wurden damals als Versuch wahrgenommen, Schiller vom Denkmal zu stoßen. Bei mir war das anders. Mich hat sie verspätet zum Schillerleser gemacht.

Zwei Dinge habe ich dabei erfahren. Erstens: Man muss Klassiker stark schütteln, um herauszukriegen, was sie einem heute noch zu sagen haben.
Bei den meisten Klassikern klappt das auch ganz gut. Zweitens: Man muss aufpassen, wenn es mal wieder um einen Schiller-Gedenktag geht. Denn die Rezeptionsgeschichte dieses Klassikers ist eine einzige Katastrophe aus Erbauungsseligkeit und nationaler Eingemeindung. Und allzu leicht arbeitet diese Geschichte hinter dem eigenen Rücken weiter.

Im deutschen Kaiserreich wurde Schiller hochgejubelt zu dem patriotischen deutschen Dichter schlechthin. Die Nazis betrieben einen regelrechten Schiller-Kult. Und zu allen Zeiten hatte die Rezeption etwas Tanten- und Onkelhaftes, wie etwas Auswendiggelerntes und dann artig Aufgesagtes - das angebliche Land der Dichter und Denker, ein Kitschwort der Bildungsbeflissenheit, haben die Deutschen immer auch bei Schiller gesucht.

Und heute? Und das Schillerjahr 2005? Das Patriotische und Weihevolle ist natürlich raus aus der Klassikerfeier. Es gibt keinen pathetischen Geniekult mehr, und das ist unbedingt zu begrüßen. Auf der anderen Seite ist die Zeit der Denkmalstürze auch vorbei. Aber was ist an die Stelle getreten von Geniekult und Genieentlarvung? Gar nichts, sagen manche und fügen hinzu: Schiller ist heutzutage so tot, wie es nur irgend geht - trotz aller Anstrengungen des gegenwärtigen Schiller-Jahres.

Stimmt das?

Ich glaube es nicht. Vielmehr meine ich einen guten Willen erkennen zu können, sich diesem Klassiker noch einmal unverstellt zu nähern - und zwar nicht nur bei Verlagen, Feuilletons und Biografen, sondern auch beim Lesepublikum.

Nur sind das jetzt die ersten Schiller-Feierlichkeiten in Deutschland, die ohne Rahmenerzählung auskommen müssen. Es geht nicht mehr um eine Verteidigung des Geistigen selbst, wie noch 1955. Erst recht geht es nicht mehr um Patriotismus. Es geht nur noch um Schiller - und um die Bedeutung, die dieser Autor für Leser haben kann. Wer heute für Schiller einnehmen will, muss das allein aus dem Werk heraus begründen. Das ist eine neue Situation - und nicht jeder zeigt sich ihr gewachsen.

Mancher Verlag tut immer noch so, als sei es von vornherein selbstverständlich, Klassiker zu lesen. Das ist es aber nicht mehr, und dahin führt auch kein Weg zurück.
Hin und wieder hat man auch den Eindruck, der Kulturbetrieb wolle eigentlich gar nicht Schiller feiern, sondern im Grunde nur sich selbst.

Als Rettungsanker für eine Hochkultur, die sich anders nicht mehr begründen kann, wird Schiller aber kaum noch funktionieren. Zumal die Inflation der Gedenkjahre bereits Ermüdungserscheinungen nach sich zieht: gerade hat man sich vom Hype um Alexander von Humboldt erholt, da soll man schon wieder Schiller hoch aktuell finden und das Einstein-Jahr gibt es ja auch noch: Diese Häufung von Anlässen wirkt nicht in jedem Fall souverän.

Ich glaube: Das Schillerjahr 2005 kann nur funktionieren als Test, ob Schiller uns tatsächlich etwas zu sagen hat. Schillerfans können in dieser Sache, finde ich, ganz selbstbewusst auftreten.

Dirk Knipphals, geboren 1963, hat Germanistik und Philosophie in Kiel und Hamburg studiert. 1994 Kulturredakteur der "taz hamburg". 1996 bis 1999 beim "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt", zuletzt als Ressortleiter Kultur und Gesellschaft. Ab 1999 Literaturredakteur der "tageszeitung". Dirk Knipphals lebt in Berlin.
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