Politisches Feuilleton
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24.1.2005
Erbarmen mit den Vätern!
Ein Beitrag von Jörg Lau
Von Jörg Lau

Vater mit Kindern (Bild: dradio.de)
Vater mit Kindern (Bild: dradio.de)
Warum erregt dieses Verbot den Widerwillen so vieler Männer, weit über den kleinen Kreis der Betroffenen hinaus? Viele Männer würden am liebsten auch heimlich einen solchen Test machen. Sie empfinden es als ungerecht, dass das Interesse an Klarheit über die Vaterschaft anderen Rechtsgütern wie selbstverständlich untergeordnet wird. Das Interesse an biologischer Vaterschaft wird in der Debatte wie ein böser Atavismus behandelt und unter Generalverdacht gestellt. Aber es ist naiv zu glauben, man könne das archaische Interesse an Abstammungsfragen einfach wegwischen. Männer stört es auch, dass das Verhalten der Mütter, die die "Kukuckskinder" unterschieben, nicht als Vertrauensbruch gegenüber dem Mann behandelt wird, sondern als Verfolgung des Kindeswohls unter widrigen Umständen oder gar als eine kleine subversive Guerilla-Tat gegen das Patriarchat. "Das größte Problem sind in der Regel nicht die Frauen, die ihren Männern Kinder unterschieben", weiß ein Kommentator. "Die größten und häufigsten Familienschweine sind Männer, die von ihren Kindern nichts wissen wollen (...) und sich in ein fröhliches Junggesellenleben fliehen." Ach, wenn es nur immer so einfach wäre!

Männer, die Gewissheit über die Abstammung ihrer Kinder suchen, müssen also im Grunde umerzogen werden. Sie sollen fortschrittliche "soziale Väter" werden, die auf die Biologie pfeifen. Darum muss man sie durch Zwangsberatung von ihrem Wunsch nach einem Test abbringen. Wenn sie sich dann immer noch unverbesserlich zeigen, so wollen es die Verteidiger des Gesetzes, muss Strafe her - in jedem Fall der Verlust des Rechts, Unterhalt beim biologischen Vater einzuklagen, schlimmstenfalls gar Haftstrafen.

Das ist unverhältnismäßig und ungerecht. Und hier liegt vielleicht der eigentliche Glutkern der Empörung. Geht es den testenden Vätern wirklich um die genetische Legitimation, sich aus dem Staub zu machen - als "Familienschwein" mit Attest, gewissermaßen? Das kommt zwar leider vor. Aber wer sich entziehen will, braucht eigentlich keinen Laborbefund. Und oft löst dieser Befund bei den vermeintlichen Vätern eine tiefe Krise aus. Sie wollten sich lossagen, vielleicht auch rächen für einen Betrug - und stehen am Ende selbst als "Gehörnte" da. Die Enthüllung, dass ihre vermeintlichen Kinder einen anderen Vater haben, wird oft als schwere Kränkung und als Verlust des Lebensinhalts empfunden.

Wenn die Überprüfung der Vaterschaft an die Zustimmung der Mutter gebunden wird, wird die Gleichberechtigung der Eltern gefährdet. Eine Frau darf - auch um der Kinder willen - nicht zur Mutterschaft gezwungen werden. Die Frau trifft letztlich die Entscheidung, ob sie Mutter wird. Dass sie dann auch noch entscheidet, wer der Vater sein soll, kommt offenbar vor. Muss sich nun aber das Recht auch noch zum Hüter dieser Mutter-Souveränität machen? Oder muss es nicht vielmehr darauf achten, dass annähernde Waffengleichheit herrscht, wenn die Familie zur Kampfzone wird? Es kann nicht gerecht sein, schon die Neugier der Männer an der Triftigkeit ihrer Vaterschaft zu bestrafen, während Abtreibung im Interesse selbst bestimmter Mutterschaft straffrei ausgeht.

Die Befürworter des Gesetzes glauben, sie kämpfen gegen den rückständigen Biologismus der Männer, der sich gentechnisch aufgerüstet hat. Sie irren sich. Denn indem sie eine vermeintlich natürwüchsig engere Bindung der Mutter an das Kind festschreiben, konterkarieren sie gerade die Bemühungen der so genannten "neuen Väter".

Die "neuen Väter" sind das Produkt mehrerer Durchgänge männlicher Selbstkritik und einer allgemeinen Krise der Väterlichkeit. Sie legen Wert auf intensive Gefühlsbeziehungen zu ihren Kindern und wollen an ihrem Alltagsleben teilhaben. Wer diesen neuen Vätern helfen will, damit sie die Mütter noch mehr als bisher entlasten können, der muss die Vaterrechte stärken, statt die biologische Gewissheit der Mütter zu privilegieren.

Die kulturelle Norm des heutigen Familienlebens entfernt sich immer mehr von der kruden Biologie. Man denke an die Patchworkfamilie unseres Bundeskanzlers, der mit seiner Frau nicht nur die leibliche Tochter seiner Frau und eines anderen Mannes erzieht, sondern seit kurzem sogar noch ein russisches Adoptivkind, zu dem beide keine biologische Beziehung haben. Eine Gesellschaft wie die unserige, die mit neuen Liebesverhältnissen experimentiert, in denen biologische Elternschaft mit sozialer Elternschaft in vielen Varianten kombiniert wird, braucht Offenheit und Vertrauen. Die archaische Macht der biologischen Tatsachen kann man nur bändigen, wenn man sie nicht verleugnet oder tabuisiert. Das ist die wahre Bedeutung der Debatte um die heimlichen Vaterschaftstests.

Es haben sich jetzt alle Parteien verschworen, die berufstätige Mutter zu entdämonisieren. Das ist auch für Väter ein wichtiger Kampf, weil ihr Glück und das ihrer Kinder nicht zuletzt davon abhängt, dass Mutter sich nicht mit permanent schlechtem Gewissen zwischen Beruf und Familie zerreißt. Wenn der Komplex der "Rabenmutter" zerfällt, werden Frauen mehr Mut haben, Mutter zu werden. Sie müssen ihre eigene Ambivalenz in Fragen der Mutterschaft dann nicht mehr auf die "ungeeigneten Männer" projizieren. So wie die Rabenmutter sollte man aber auch das Klischee vom "Familienschwein" endlich abräumen. Genau wie die Frauen brauchen Männer heute vor allem mehr Zuversicht und Vertrauen, damit aus vermeintlich ungeeigneten Partnern doch noch gute Väter werden können.

Jörg Lau war Literaturredakteur der "tageszeitung" und ist Mitarbeiter der "Zeit" in Berlin. Letzte Buchveröffentlichung: "Hans Magnus Enzensberger. Ein öffentliches Leben".
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