Politisches Feuilleton
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25.1.2005
Outen, bekennen - belästigen?
Öffentlichkeit und sexuelle Geständnisse
Von Tilman Krause

Der Münchner Modedesigner Rudolph Moshammer wurde ermordet (Bild: AP)
Der Münchner Modedesigner Rudolph Moshammer wurde ermordet (Bild: AP)
Man muss es ihm ja nicht gleichtun und ihn umstandslos mit Ludwig II. von Bayern vergleichen. Aber ein König war er schon. Zumindest ein König der Selbstdarstellung. Ein Fürst des gekonnt inszenierten Auftritts. Ein Meister der Publikumswirksamkeit.

Wir sprechen vom Münchner Modemacher Rudolph Moshammer, der, wie bekannt, von einem jungen Iraker aus dem Rotlichtmilieu erdrosselt und nun am Wochenende unter dem Gepränge wahrhaftiger "pompes funèbres" zu Grabe getragen wurde. Über vier Millionen Zuschauer haben ihm zu Hause am Fernseher das letzte Geleit gegeben, auch wenn die Bussi-Gesellschaft der bayerischen Metropole zum Trauergottesdienst schon nur mehr sehr spärlich erschienen ist.

Auch andere Menschen gingen zu "Mosi" auf Distanz. In vielen Medien wurde hämisch auf sein Doppelleben hingewiesen, das doch jenem Glanz und Glamour, den Moshammer zu Lebzeiten um sich verbreitete, einen deutlichen Stich ins Grelle, um nicht zu sagen Gruselige verleihe. Am bedenklichsten stimmen dabei die nachgetragenen guten Ratschläge, zu deren prominentestem Sprachrohr sich niemand anderes als Münchens Oberbürgermeister Ude gemacht hat. Er rief dem teuren Toten sinngemäß nach:

"Armer Mosi, hätt'st Du fei brav Dein Schwulsein öffentlich gemacht, dann wärst Du von lauter verständnisvollen Freunden umgeben gewesen, und die hätten Dich dann auch vor einem so fürchterlichen Tod bewahrt."

Das idyllische, noch dazu öffentlich plakatierte Homo-Glück von Wowi, Westerwelle & Co. scheint inzwischen derart stilbildend zu sein, dass sogar die Bayern aufs Outing schwören. Mein Gott, wie spießig soll Deutschland eigentlich noch werden?

Und wie viele Bekenntnisse über salonfähige und weniger salonfähige Leidenschaften müssen wir uns noch anhören? Es ist wahrscheinlich jemandem, der lange mit sich gerungen hat, bevor er der einen oder anderen dieser Leidenschaften zum Durchbruch verhalf, schwer verständlich zu machen, aber die vielen gesinnungsfrohen Outings sind schlicht und ergreifend eine Belästigung. Sollen die Outer das doch mit ihrem Beichtvater abmachen!

Die Öffentlichkeit für private Geständnisse zu instrumentalisieren, ist im Grunde eine Zumutung. Kommen solche Geständnisse von Politikern, so liegt darüber hinaus natürlich der Verdacht nahe, dass diese sensationshascherischen Mitteilungen aus dem Intimleben vom Eigentlichen ablenken sollen.

Nirgendwo ist dies deutlicher geworden als bei dem politischen Leichtgewicht Wowereit. Bevor er sich ganz auf sein ureigenes Metier, das Partyfeiern, verlegte, musste er ja wenigstens ein Minimum an genuin politischer Kompetenz vorweisen, und da kam ihm sein gut inszeniertes schwules Outing natürlich zupass, weil es sich gleichzeitig als "Herz für Minderheiten" verkaufen ließ, und das geht in Berlin immer.

Schon bei Westerwelle wirkte das Outing dann ganz und gar überflüssig, weil rein kosmetisch. Und bei Moshammer, bei dem ohnehin kein Mensch, der Augen hat zu sehen, auf die absurde Idee verfallen konnte, er sei möglicherweise NICHT homosexuell gewesen, wäre Outing geradezu lächerlich gewesen.

Jemand, der soviel von sozialen Rollenspielen verstand wie "Mosi", hat sich also sehr zu Recht nicht geoutet. Er hatte etwas begriffen, was ihn in der Tat als Wahlverwandten des legendären Bayernkönigs Ludwig II. auswies. Er wusste nämlich um den Zauber des Ungesagten. Er wusste um die Aura des Geheimnisvollen. Er hielt es, ob er das Zitat nun kannte oder nicht, mit Schiller, welcher mit Goethe zusammen gedichtet hat: "Spricht aber die Seele, spricht, ach, schon die Seele nicht mehr." Alles spricht dafür, dass es "Mosi" vielmehr darum ging, seinen Phantasmen treu zu bleiben und sexuelle Erfüllung zu finden im Rausch des Risikos.

Nehmen wir also Abschied von "Mosi" als einem der letzten Anarchisten. Er scheint tatsächlich gemacht zu haben, was er (und nur er) wollte und was ihm gemäß war. Wer geglaubt hat, dass diese Kunstfigur allenfalls noch zum Verkehr mit seinen Meißner Porzellanfiguren fähig war, ist nun eines Besseren belehrt: Da konnte also ein plumper, dumpfer Stricher bei ihm landen!

Schaudern wir vor soviel Geschmacklosigkeit! Gruseln wir uns vor soviel Widersinn! Aber rufen wir ihm, belehrt, wie wir nun wieder einmal sind, halb wehmütig und halb respektvoll nach, was einmal der Schweizer Dichter Conrad Ferdinand Meyer von einer seiner Figuren gesagt hat: "Er war kein ausgeklügelt Buch/Der Mensch in seinem Widerspruch!"

Tilman Krause, 1959 in Kiel geboren, Studium der Germanistik, Geschichte und Romanistik in Tübingen. 1980/81 erster von vielen Frankreich-Aufenthalten, beginnend mit einer Stelle als Deutschlehrer am Pariser Lycée Henri IV. 1981 Fortsetzung des Studiums an der Berliner FU. Dortselbst 1991 Promotion zum Dr. phil. mit einer Arbeit über den Publizisten Friedrich Sieburg, den ersten "Literaturpapst" der Bundesrepublik. Seitdem diverse Lehraufträge an der FU, der Humboldt-Universität, an der Universität Hildesheim und am Leipziger Literatur-Institut. Sein journalistischer Werdegang führte Tilman Krause über die FAZ (1990-1994) und den Tagesspiegel (1994-1998) zu seinem jetzigen Posten als leitendem Literatur-Redakteur bei der WELT.


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