Politisches Feuilleton
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26.1.2005
Das Drama ums deutsche Theater
Euro-Trash und organisierte Unverantwortlichkeit
Von Jürgen Kesting

Theater nur für selbstgefällige Regisseure?  In einer Szene des Theaterstücks "Die Zehn Gebote" des Regisseurs Johann Kresnik sitzen in der Kirche der Friedensgemeinde Bremen Frauen nackt an Nähmaschinen (Bild: AP)
Theater nur für selbstgefällige Regisseure? In einer Szene des Theaterstücks "Die Zehn Gebote" des Regisseurs Johann Kresnik sitzen in der Kirche der Friedensgemeinde Bremen Frauen nackt an Nähmaschinen (Bild: AP)
Auf der Festplatte der Erinnerungen ist gespeichert, dass die Theater in Deutschland schon seit Jahrzehnten in Not sind. Wann immer es "Wozu das Theater?" in Frage gestellt wurde, erscholl ein antikisches Heldenjammergeschrei. Als "Ort geistiger Auseinandersetzung" oder als "notwendige Stätte der Humanität" sei es "unverzichtbar" für die Gesellschaft.

Für welche Gesellschaft? Oder für wen in der Gesellschaft? Für das bisherige kulturtragende Publikum? Für das junge Publikum? Für Event-Voyeurs, denen es um einen steilen Jux geht - am besten um einen geilen?

Schon im Oktober des vergangenen Jahres stellten sich Intendanten, Regisseure Dramaturgen und Schauspieler, eingeladen von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die Frage: "Wohin treibt das Theater?". Ob sie sich auch der Frage gestellt haben, wohin sie es haben treiben lassen, wurde von der deutschen Theaterkritik und an den Abendkassen angezweifelt. Geklagt wurde ob der Gleichgültigkeit gegenüber den Inhalten der Stücke, ob der willkürlich verluderten und verschluderten Sprache; über entstellende Eingriffe und zeitungeist-flotte Aktualisierungen.

Nach Jahren oft zugespitzter Angriffe haben die Kritisierten die Gegenoffensive begonnen. Bei der Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft vertraten zumindest einige Dramaturgen die Meinung, dass das gegenwärtige Theater keine Zukunftschance mehr habe, wenn es, den Erwartungen des "aussterbenden Bildungsbürgertums" entsprechend, an tradierten Werk- oder Kunst-Begriffen, gar an Bildung festhalte.

Kaum hatte Gerhard Stadelmaier in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" das Lamento glossiert, ruderte der Vorstand der Gesellschaft zurück. Die Glosse habe Einzelmeinungen verallgemeinert; es sei falsch, dass "der aussterbende Bildungsbürger" den Dramaturgen verhasst sei.

Aber gleichzeitig mit diesem Versuch der Schadensbegrenzung veröffentlichte Beate Heine, die Dramaturgin der Berliner Schaubühne, in der "Welt" eine Polemik gegen die Übellaunigkeit der deutschen Theaterkritik. Kritikern sowohl wie einem konservativem Publikum schwindele es ob der "Hochtourigkeit" der Gesellschaft wie des Theaters. Die Banalität der Gegenwart bereite ihnen Übelkeit. Nur darin liege der Grund für die "Sehnsucht nach Drama und Tragödie" und der "Wunsch, eine widerspruchsvolle Welt mit einer harmonischen zu vertauschen".

In der Rückschau auf eine gestrige Theater- und Kunstwelt, so polemisiert sie, spiegele sich "die Furcht eines zerzausten Bürgertums wider, das verzweifelt sein Selbstverständnis sucht, Angst vor Verlust und sozialer Deklassierung hat".

Was muss in einer Dramaturgin Köpfchen vorgehen, dass sie sich dem Wahn hingibt, dass irgendjemand - sei es nun der verirrte Bürger oder der ans Ziel gelangte Manager - immer noch auf dem Theater nach einem humanistischen Selbstbild oder nach seinem Selbstverständnis oder gar nach sozialem Trost sucht.

Der flagrante Widerspruch der Polemik von Beate Heine liegt darin, dass sie einerseits die existentielle Bedeutung von Theater supponiert, es zugleich aber für die Beliebigkeit der Mittel öffnet und der ubiquitären Trash-Produktion elektronischer Medien angleicht. Seit Jahren toben sich auf den Sprech- wie den Musikbühnen Spießer der Unmoral aus, indem sie ihren Ekel, ihren Hass, ihre Verachtung, ihre Wut, ihre Gewalt- und Sex-Phantasien in einem Allesschlucker entsorgen: im Zuschauerraum.

Wer sich darob ekelt - was sonst kann das Ziel solcher Provokationen sein? - hat sich in den Augen selbstgefällig-zynischer Dramaturgen als kleingeistiger Bildungsbürger erwiesen. Vielleicht sind viele Theaterbesucher einfach nur der Erfolgswindbeuteleien egomanischer Regisseure überdrüssig.

Von amerikanischen und englischen Kollegen wird man immer öfter auf den Euro-Trash angesprochen. Hilton Als, Theater-Kritiker des "New Yorker", fasste in einem Brief an die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" einige Beobachtungen zusammen. Er erlebte eine "dramatisch zurechtgestutzte Version" von Goethes "Faust":

"Für Michael Thalheimer waren seine Ideen das wichtigste, nicht das Stück, nicht die Schauspieler. Wir sollten uns für sein Konzept begeistern und seine Manipulation der Schauspieler, die völlig verschwanden hinter ihren Rollen. Nach einer Weile erschienen sie mir wie Figuren in einem Schach, das der Regisseur spielte ... Als dieser am Ende der Vorstellung auf die Bühne kam, konnte ich seiner ganzen Selbstgefälligkeit ins Gesicht sehen - ich erkannte eine Person, die mich an den Duce erinnerte. Die Show war ein Schwindel, aufgeputscht von seinem Ruf als Regisseur."

Wohin ist das Theater getrieben? Vielerorts ins Abseits. Es verprellt sein altes Publikum, ohne das neue schon zu kennen. Gustav Gründgens war ein amoralischer Mann, aber kein unmoralischer Theaterleiter. Als eine Nachmittagsvorstellung des "Faust" in Hamburg nicht ausverkauft war, strich er seine Vorstellungsgage. Heute streichen Regisseure in diesem System der organisierten Unverantwortlichkeit bei ihren Abgängen Abfindungen ein.


Jürgen Kesting, einer der renommiertesten deutschen Musik-Kenner und -Autoren, wurde 1940 in Duisburg geboren. Nach dem Studium der Germanistik, Anglistik und Philosophie arbeitete er zunächst für Schallplattenfirmen, wechselte dann aber in den Journalismus. Er schreibt unter anderem für den STERN, die FAZ und die BERLINER ZEITUNG. Außerdem publiziert er regelmäßig in Fachblättern wie OPERNWELT und MUSIK UND THEATER. Zu seinen wichtigsten Büchern zählt das dreibändige Standard-Werk "Die großen Sänger". Viel Beachtung fanden auch seine Biographie/Monographie über Maria Callas und sein Essay über Luciano Pavarotti.

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