Politisches Feuilleton
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27.1.2005
Nach Auschwitz: Juden und Deutsche heute
Von Michael Wolffsohn

Michael Wolffsohn (Bild: AP Archiv)
Michael Wolffsohn (Bild: AP Archiv)
Juden buchstabieren den Anfang von Auschwitz so: A-p-p-e-a-s-e-m-e-n-t. Appeasement, das Nachgeben der Demokratien Europas gegenüber Hitler und seinen Mitverbrechern, habe die deutschen Nationalsozialisten ermutigt, den Weg von der Aggression zum Völkermord zu beschreiten.

Die jüdische Lehre aus der Vorgeschichte und Geschichte von Auschwitz: "Nie wieder Opfer!" und "Nie wieder Gewaltlosigkeit als Prinzip!". Ganz anders die Lehre "der Deutschen" nach Auschwitz: "Nie wieder Täter!" und "Nie wieder Gewaltanwendung, wenn nur irgend möglich!" Beide, Juden und Deutsche, haben Recht - nach Auschwitz und wegen Auschwitz. Aber die jeweiligen "Lehren aus der Geschichte" sind fundamental verschieden und deshalb trennen nach Auschwitz Lichtjahre die deutsche und die jüdische Welt.

Die nationalsozialistischen Verbrechen mahnen, und wir machen uns Gedanken. Mein Hauptgedanke: Juden und Deutsche waren 1945 weit, weit voneinander entfernt. Nach 1945 gingen sie trotz aller Riesen-Probleme aufeinander zu, aneinander vorbei und nun sind sie wieder weit voneinander entfernt. An vier Begriffen oder Beispielen können wir diese traurige These verdeutlichen.

Am Begriff der politischen Gewalt.
Am Begriff Nation, Staat, Nationalstaat.
Am Begriff "Land".
Am politischen Gewicht der Religion.

Stichwort "Gewalt": Anders als "die Deutschen", genauer: die meisten Deutschen sind die (meisten) Juden durchaus bereit, aus der Geschichte lernend, Gewalt anzuwenden, notfalls auch vorwegnehmend. Israels Strategie - lange, lange vor Scharon - beweist dies ständig. Die große Mehrheit der außerhalb Israels lebenden Juden befürwortet diese Strategie. Ohne Gewalt keine Selbstverteidigung. Ohne Selbstverteidigung Verfolgung, Vernichtung, Untergang. Das haben "die Juden" gelernt.

"Die Deutschen" haben durch den von Deutschland verschuldeten Zweiten Weltkrieg und Auschwitz gelernt: Die Anwendung von Gewalt führt zum Untergang anderer Völker und zum eigenen Untergang. Daher "Nie wieder Täter!" Wir sehen: Juden und Deutsche sind wieder weit voneinander entfernt. Sie leben, so gesehen, auf unterschiedlichen Planeten.

Stichwort "Nation", Staat, Nationalstaat: Deutschland ist eher post-national. In Deutschland fühlen sich die Menschen eher als Gesellschaft, weniger als nationale Gemeinschaft. Der Grund ist klar. Erstens wurde der Begriff des Nationalen von den Nazis schamlos überhöht und verbrecherisch missbraucht. Zweitens: Deutschland wird im Rahmen der Europäisierung Europas immer europäischer. Ganz anders Israel und "die Juden". Sie fühlen sich - gerade nach und wegen Auschwitz mehr denn je - als Gemeinschaft, Schicksalsgemeinschaft. Sicherheit verleiht ihnen letztlich allein ihr jüdischer Nationalstaat. Wir sehen: Das post-nationale Deutschland und die letztlich national-jüdische Gemeinschaft sind wieder weit voneinander entfernt.

Stichwort "Land" bzw. Boden als Faktor der Politik. Käme jemand in Deutschland auf die Idee, den Faktor "Land" als Teil deutscher Politik, Deutschland als der Deutschen Land zu betonen, riefe man zurecht: "Blut und Boden!" = Nazi-Ideologie. Ganz anders in Israel und bei "den" (meisten) Juden: Das Land Israel, "Eretz Israel", das ist ein Begriff, der fast libidinöse Schwingungen auslöst - gerade wegen Auschwitz, denn mit der Juden Land, Israel, hätten 6 Millionen Juden überleben, weil dorthin fliehen können. Wieder: Juden und Deutsche sind Lichtjahre voneinander entfernt.

Stichwort "Religion": Deutschlands Gesellschaft ist, im Osten noch mehr als im Westen, doch auch im Westen, weitgehend areligiös. Wieder ganz anders bei "den" (meisten) Juden und Israelis: Selbst nichtreligiöse Juden räumen - gerade nach und wegen Auschwitz - ein: ohne jüdische Religion kein Seinsgrund für einen jüdischen Staat und ohne jüdischen Staat keine Sicherheit, kein Überleben für Juden.

Fazit: Nach Auschwitz sind Juden und Deutsche nicht mehr einander feindlich gesonnen, aber wirklich nahe gekommen sind sie sich nicht. Die Last der Geschichte kann man nicht einfach abbürsten.


Michael Wolffsohn, Historiker, wurde 1947 in Tel Aviv als Sohn deutsch-jüdischer Emigranten geboren. Er kam als Siebenjähriger mit seiner Familie nach Deutschland. Nach dem Studium der Geschichte, Politikwissenschaft und Volkswirtschaft in Berlin, Tel Aviv und New York arbeitete er bis zu seiner Habilitation an der Universität in Saarbrücken. 1981 wurde er Professor für Neuere Geschichte an der Bundeswehrhochschule in München. Zu seinen Veröffentlichungen zählen ‘Keine Angst vor Deutschland!', ‘Die Deutschland-Akte - Tatsachen und Legenden in Ost und West' und ‘Meine Juden - Eure Juden'.

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