Politisches Feuilleton
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28.1.2005
Nächstenliebe, Fernstenliebe. Das moderne Geben
Von Bernd Wagner

Wovon hängt die Hilfsbereitschaft der Menschen ab? Auf dem Bild nehmen Überlebende der Flutkatastrophe im indonesischen Banda Aceh Lebensmittelpakete entgegen. (Bild: AP)
Wovon hängt die Hilfsbereitschaft der Menschen ab? Auf dem Bild nehmen Überlebende der Flutkatastrophe im indonesischen Banda Aceh Lebensmittelpakete entgegen. (Bild: AP)
An einem trüben Sonntag saß ich in einer Berliner Kirche. Die Wände darin waren weiß getüncht, so dass der Pfarrer an sie Lichtbilder von mittelalterlichen Darstellungen der Sintflut werfen konnte, auf denen Noah die Tiere dieser Welt rettete, obwohl sich gerade herausgestellt hatte, dass die Tiere eher uns, wenn nicht vor der großen Welle zu retten, so doch zu warnen in der Lage sind als wir sie. Der Pfarrer predigte, die Gemeinde sang, und ein beleibter Mann las Stellen aus der Bibel vor. Nachdem wir alle das Vaterunser gebetet hatten, trat dieser Mann noch einmal ans Mikrophon und forderte uns angesichts der großen Not auf, uns heute beim Einsammeln der Kollekte als "Schein"-Christen zu bewähren.

Hatte ich richtig gehört? Am Ausgang lief ich auf den Mann zu, der mir ein Körbchen entgegenstreckte, und fragte: "Waren Sie es, der so schön aus der Bibel vorgelesen hat?" - "Jaha." - "Und Sie haben gesagt, dass wir Schein-Christen sein sollen?" - "Jaha." - "Und damit haben Sie Geldscheine gemeint?" - "Jaha."

Daraufhin sagte ich nichts mehr und ging nach draußen. Einen Schein, den ich hätte in den Korb werfen können, hatte ich nicht in der Tasche. Doch die Kollekte war ja nicht der Grund, weshalb es mich in das Gotteshaus getrieben hatte: Der Winter nahm kein Ende, Krankheit hatte mich heimgesucht und das Alter stand vor der Tür, kurzum, wie die meisten Kirchenbesucher war ich gekommen, weil mir die Kraft zum Geben ausgegangen war und ich etwas empfangen wollte, nämlich Zuspruch und Trost.

Auf dem Weg durch die menschenleeren Straßen hatte ich genügend Gelegenheit, über die damit zusammenhängenden Probleme nachzudenken. Zweifellos ist es beeindruckend, wie in dem gleichen Maße, in dem die Fluten - sei es an der Elbe oder im Indischen Ozean - steigen, auch die Spendenbereitschaft meiner Mitmenschen zunimmt. Also ist das Land, in dem ich lebe, keineswegs ein "armes Deutschland", und seine Bewohner haben durchaus das löbliche Bedürfnis, einander zu helfen. Allerdings ist erstaunlich, dass diese Hilfsbereitschaft sofort im Falle von Katastrophen in aller Welt mobilisiert werden kann und andererseits die Klagen über leere Kassen nicht verstummen, wenn es um alltägliche Nöte im eigenen Land geht. Verdienen diese weniger Zuwendung, weil sie weniger spektakuläre Fernsehbilder liefern und damit weniger gefühlsbeladene Appelle an die Fähigkeit zum Mitleiden? Sind wir überhaupt nur noch durch Großaufnahmen im Fernsehen, durch aufwendig inszenierte Spendengalas zu erreichen, während uns der reale Penner vor dem U-Bahneingang eher abstößt? Ist die anonyme, weil durch die mediale Berichterstattung organisierte Solidarität eine Entsprechung unseres anonymisierten Daseins, ist sie ein Ersatz für die fehlende Nähe zu unserem Nachbarn, der in erster Linie als Konkurrent wahrgenommen wird?

Das lobenswerte Ziel des Sozialstaates ist es, die Solidarität in der Gesellschaft gesetzlich zu verankern. Doch hat er sie durch Einziehung von Steuern, "Solidaritätszuschlag" und Pflichtzahlungen in die Krankenkassen zu einem bürokratischen Akt gemacht, der vor allem den mit seiner Verwaltung beschäftigten Angestellten Brot zu geben scheint. Und er hat eine Mentalität geschaffen, die die Lösung der uns selbst betreffenden Probleme vom Staat fordert und sich private Hilfe für offensichtliche Katastrophen aufspart, besonders wenn sie in sehr fernen Ländern spielen. Wäre der vorhandene Reichtum und die Bereitschaft, von ihm etwas abzugeben, nicht auch für den Kampf gegen die um sich greifende Verarmung im eigenen Lande nutzbar?

Obwohl ich in diesem Moment nichts gegen ein kostenloses Mittagessen einzuwenden gehabt hätte, dachte ich nicht an die Einrichtung von Suppenküchen und die Verteilung von Almosen. Aber warum führen gemeinnützige Organisationen auf Plakatwänden wahre Schlachten um Paten für Kinder in aller Welt? Lässt sich nicht eine ähnliche Energie für mehr Kindergärten, Ausbildungsplätze oder die Stiftung von Stipendien aufwenden? Letzteres, nämlich die Förderung unbemittelter Kinder beim Studium, gehörte übrigens über Jahrhunderte zu den vornehmsten Aufgaben jener Organisation, die mich soeben zum "Schein"-Christentum aufgefordert hatte. Zum Fest der Liebe sammelte die eine Kirche wie immer "Brot für die Welt", die andere für katholische Kirchgemeinden in Peru. Ein zentrales Gebot des Christentums lautet "Liebe deinen NÄCHSTEN wie dich selbst". Wahrscheinlich ist es schwerer zu befolgen, als sich ein gutes Gewissen durch Teilnahme an einer Spendenpraxis zu erkaufen, die immer mehr einem modernen Ablasshandel ähnelt.


Bernd Wagner , Schriftsteller, 1948 im sächsischen Wurzen geboren, war Lehrer in der DDR und bekam durch seine schriftstellerische Arbeit Kontakt zur Literaturszene in Ost-Berlin. 1976 erschien sein erster Band mit Erzählungen, wenig später schied er aus dem Lehrerberuf. Von Wagner, der sich dem Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns anschloss, erschienen neben einem Gedichtband mehrere Prosabände und Kinderbücher. Als die Veröffentlichung kritischer Texte in der DDR immer schwieriger wurde, gründete Wagner gemeinsam mit anderen die Zeitschrift 'Mikado'. Wegen zunehmender Repression der Staatsorgane siedelte er 1985 nach West-Berlin über. Zu seinen wichtigsten Büchern zählen 'Die Wut im Koffer. Kalamazonische Reden 1-11' (1993) sowie die Romane 'Paradies' (1997) und 'Club Oblomow' (1999). Zuletzt erschien 'Wie ich nach Chihuahua kam'.
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