Politisches Feuilleton
Politisches Feuilleton
Montag bis Samstag • 7:20
29.1.2005
Die Ambivalenz des Mahnmals
Eine Besichtigung
Von Iris Hanika

Das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas, aufgenommen am Mittwoch, 15. Dezember 2004 in Berlin wenige Stunden vor dem Errichten der letzten der 2751 Stelen (Bild: AP)
Das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas, aufgenommen am Mittwoch, 15. Dezember 2004 in Berlin wenige Stunden vor dem Errichten der letzten der 2751 Stelen (Bild: AP)
Die Straße vom Brandenburger Tor zum Potsdamer Platz ist aufgerissen und von Baustellen gesäumt. Erst kommt die der amerikanischen Botschaft, wo noch nichts zu sehen ist. Auch an der benachbarten Baustelle ist erst einmal nichts zu sehen, dabei ist der Bau fast fertig. Doch geht dieser Bau in die Tiefe, nicht in die Höhe, so dass der Blick frei darüber schweifen kann.

Ein sehr großes buntes Schild am Rande der Baustelle gibt kund, dass es die des Denkmals für die ermordeten Juden Europas ist. Was man sieht, sind, auf einem wild gewellten Untergrund, mehrere tausend unterschiedlich große, dunkelgrau gefärbte Betonquader, die zum Teil nicht ganz gerade stehen. Am Bauzaun hängen weitere, mit Farbfotos geschmückte Schilder, die erläutern, wie es dazu kam, dass dieses Denkmal hier gebaut wurde. Dabei müsste man das eigentlich gar nicht erklären, ist es doch seit Jahren stets präsent.

Wenn man von diesem Bauzaun aus zu den neu gebauten Landesvertretungen und weiter zum Potsdamer Platz mit seinen neuen Hochhäusern hin schaut, dann sieht man nur die oberen Ränder der Betonquader, die von den Bauherren als Stelen bezeichnet werden. Sie nennen überhaupt die ganze Anlage ein "Stelenfeld". Davon ließ sich ein Zeitungsschreiber bereits dazu hinreißen, von einem "Seelenfeld" zu sprechen, während ein anderer nach einem der zahllosen Pressetermine auf dem Gelände dichtete: "Und seh'n wir uns nicht in dieser Welt, / dann seh'n wir uns auf dem Stelenfeld". Wie auch immer: Wer über die dunkelgrauen Quader zum Potsdamer Platz hinüberblickt, meint, vor dem expressionistischen Architekturmodell einer Hochhausstadt zu stehen, einer abstrakten Version von Marzahn oder des Märkischen Viertels. In seiner Verspieltheit hat das durchaus etwas Bezauberndes.

Und es ist auch bezaubernd, durch das Denkmal hindurchzugehen, denn da geht es immer auf und ab, und an der tiefsten Stelle fühlt man sich wie in einem Wald aus Betonquadern, eben weil manche etwas schief stehen, aber nie so, dass es bedrohlich wirkte. Überhaupt muss man hier keine Angst haben, denn die Wege sind in einem streng rechtwinkligen Raster angelegt, so dass man von jeder Stelle aus die Straße und die Leute dort sieht; auch hört man immer den Verkehr. Wenn es erst eröffnet sein wird, wird man hier sowieso nie alleine sein, schon wegen der vielen Touristen, die die Gegend bevölkern. So könnte dieser Ort tatsächlich einer werden, zu dem man gerne hingeht. Weil es dort so schön ist.

Auf den Völkermord an den europäischen Juden muss eigentlich nicht mehr hingewiesen werden: Es gibt nichts, was den Deutschen bewusster wäre als der. Dafür ist das Denkmal ein Sinnbild, indem es, kaum übers Straßenniveau erhoben, in den Grund der Hauptstadt eingesunken liegt, wie die Erinnerung an das Verbrechen am jüdischen Volk eingesunken ist in die Verfasstheit der Bundesrepublik Deutschland. Vielleicht darum, um sich durch ideologischen Mehrwert zu rechtfertigen, sprechen sogar die Mitarbeiter der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, die sein Bauherr ist, nicht von einem Denkmal, sondern vom "Holocaust-Mahnmal". Es fragt sich nämlich durchaus, ob, wenn die großen bunten Schilder erst einmal entfernt sein werden, der unwissende Passant begreifen wird, was diese Betonquaderversammlung soll. Peter Eisenman, der Architekt, möchte gerne, dass man sich darin fühlt, als wäre man in Auschwitz. Indes wird man damit wohl kaum dienen können, dazu ist die Anlage nun wirklich zu verspielt. Und wer je die Gedenkstätte Auschwitz besucht hat, weiß, dass es vermessen ist zu glauben, man könne durch das Aufstellen von Betonquadern dieses bodenlose Grauen erzeugen, das einem in Auschwitz das Herz abdrückt, bis einem schlecht wird.

Man könnte das Denkmal, das sich so bescheiden ins Zentrum der Hauptstadt hineinkuschelt und dadurch den Blick auf die vielen Neubauten in seiner Umgebung frei lässt, auch für eine Leerstelle halten, die in der steinernen Stadt daran erinnert, was die Vertreibung und Ermordung des größten Teils seiner Judenheit für die Geschichte Europas und vor allem für die Deutschlands bedeutet: Dass da ein großes Loch klafft, über das kein Gras wachsen kann, weil zu viele Tote darin liegen. Auch dieses Bild übersetzt das Denkmal aus der Vorstellungskraft in eine Wirklichkeit aus Beton. Dadurch macht es das Gedenken zu einer materiellen Realität: Was bislang in den einzelnen Köpfen stattfand, hat jetzt ein nicht nur greifbares, sondern sogar begehbares Symbol. Und damit ist es abgeschlossen, das Gedenken. Ob das gut oder schlecht ist, wird sich weisen.

Iris Hanika, geboren 1962 in Würzburg, lebt seit 1979 in Berlin und studierte dort Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Germanistik. Sie war ständige Mitarbeiterin der "Berliner Seiten" der "F.A.Z." bis zu deren Einstellung. 1992 erschien ihre Erzählung "Katharina oder Die Existenzverpflichtung"; im Frühjahr 2003 veröffentlichte sie ihre im "Merkur" geführte Chronik unter dem Titel "Das Loch im Brot" als Buch. Zudem gab sie (zusammen mit Stefanie Flamm) "Berlin im Licht. 24 Stunden Webcam" heraus, eine Auswahl aus den Webcams der "Berliner Seiten".
-> Politisches Feuilleton
-> weitere Beiträge