Politisches Feuilleton
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1.2.2005
Enttäuscht, Empört, Vertröstet.
Der Streit um die Fußball-WM-Karten
Von Peter Zudeick

Peter Zudeick (Bild: WDR)
Peter Zudeick (Bild: WDR)
Ach, waren das noch Zeiten. Als man sich eine Viertelstunde vor Anpfiff in eine Schlange vor einem Kassenhäuschen stellte, gegen ein überschaubares Entgelt ein schmales Stück Karton mit perforiertem Abriss bekam, der vom Abreißer dann auch prompt und korrekt abgerissen wurde - und man war drin.

Im Fußballstadion. Was Sitzplatz oder Stehplatz, was Nord- oder Südkurve oder Rang kosteten, das war auf Schildern über den Kassenhäuschen angeschrieben, alles schön übersichtlich und verständlich. Gut, eine Fußballweltmeisterschaft muss etwas anders organisiert werden als ein Punktespiel in der Bezirksliga - aber musste es tatsächlich so weit kommen?

Bestellung per Internet, in der billigsten Preisklasse maximal zwei Karten für höchstens drei Spiele, in den teureren Kategorien etwas mehr - ja, gut, haben wir gedacht, das ist für Ausländer. Der Puertoricaner kann ja schlecht am 1. Februar morgens um sieben am Fifa-Kassenhäuschen anstehen und auf Karten warten. Aber wir. Die Veranstalter.

Ja, um Himmels willen, was treibt dieser Otto Schily denn die ganze Zeit. Der deutsche Sportminister muss doch in der Lage sein, für deutsche Fußballfans in deutschen Stadien deutsche Kartenkontingente zu organisieren. Und wenn der das nicht schafft, dann doch bitte sehr der Stellvertreter des Fußballgotts auf Erden, seine Majestät Kaiser Franz von Bayern. Nichts da. Das ist keine deutsche Veranstaltung, sagt der, sondern eine Fifa-Veranstaltung. Und da wird es natürlich Enttäuschungen geben, weil weniger Karten da sind als Kartenwünsche. Ja, den Schmarren hätt' ich euch auch erzählen können. Wofür haben wir einen eigenen Fußballkaiser, wenn der nicht in der Lage ist, das mal eben zu regeln? Dann soll er doch zurücktreten.

Gut, es wird nicht ganz so schlimm kommen, die größte Not ist gelindert. Der deutsche Kanzler und die deutschen Minister - ja, auch Otto Schily - und die deutschen Volksvertreter bekommen Karten. Irgendwie gibt's da ein Prominenten-Kontingent, obwohl es das offiziell nicht gibt. Vermutlich kommen die Jungs und Mädels über das "Hospitality"-Programm der Fifa in die Stadien rein. Da kann man zum Beispiel eine "Sky Box" mieten. Für 20 Personen im Berliner Olympia-Stadion kostet das 336.000 Euro, inklusive vier Erstrundenspiele, eins im Viertelfinale und das Endspiel. Das wär' schon mal was für das Bundeskabinett. Privater Gastronomiebereich ist dabei, eigene Bar, eigenes Serviceteam, reservierte Parkplätze - all inclusive, wie der erfahrene Urlauber zu sprechen pflegt.

Es geht auch ein bisschen billiger: Das "Elite-Hospitality"-Programm mit sechs Spielen inklusive Finale kostet 13.200 Euro pro Person, das geht dann runter bis zu 1.900 Euro, dafür gibt's auch nur drei Spiele zum Beispiel in Nürnberg, beim Achtelfinale ist Sense, und die Bewirtung ist dann eher auf Snack-Niveau an "Buffet-Inseln".

So was kannste den Schiedsrichtern natürlich nicht anbieten, die müssen da schon "Sky Box"-Niveau bekommen, damit sie in das deutsche Pfeif- und Wett-System einbezogen werden können - internationale Schiedsrichter verpfeifen so'n Spiel ja nicht für'n Taschengeld wie eine deutsche Bundesliga-Pfeife, und die lassen sich zur Anbahnung solcher Geschäfte auch nicht in ein "King's Café" locken - das Ambiente muss schon stimmen, und da ist die "Sky Box" im Olympia-Stadion schon das Richtige. Respektive in Dortmund, Hamburg, Köln, München, man muss ja von Fall zu Fall sehen, wo die Spiele laufen, die für die internationale Wett-Mafia interessant sind. Da sind dann ja nicht nur Kroaten zugange, die haben nur das Feld bereitet, haben bundesliga-mäßig ein bisschen geübt, Erfahrungen gesammelt für ihre Auftraggeber aus Übersee - ich nenn' jetzt keine Namen, aber das läuft während der WM natürlich in ganz großem Rahmen weiter, da wird dann auch richtig Geld verdient beim Wetten auf verpfiffene Spiele.

Und jetzt frag' ich mich: Wieso geht so was nicht auch mit den Eintrittskarten? Was ist aus dem guten alten Schwarzmarkt geworden? Wenn ich die Karten übers Internet bestelle, dann muss ich gleich die Kreditkartennummer angeben - was macht eigentlich der Fußballkumpel aus dem Ruhrpott, der noch nie ne Kreditkarte in der Hand gehabt hat? Oder gibt's den gar nicht mehr? Wie auch immer: Dann wird ausgelost, und wenn das Glück auf mich herniederprasseln sollte, dann kriegt die Karte einen Chip mit meinem Namen, und ich kann das Ding nicht gewinnbringend weiterverticken, weil ich am Stadiontor meinen Ausweis vorzeigen muss - ja, haben die noch alle Tassen im Schrank? Wo bleibt denn da der Sportsgeist.

Ich appelliere an alle kriminellen Elemente in diesem unserem Lande und drum herum, vor allem drum herum: Lasst euch was einfallen, damit es einen ordentlichen WM-Karten-Schwarzmarkt gibt, auf dass derselbe blühe. Denn sonst muss Otto Normalverbraucher tatsächlich noch ein Hospitality-Paket kaufen - und kommt dann vielleicht noch beim Endspiel neben dem anderen Otto zu sitzen, dem Schily. Und das muss doch nun wirklich nicht sein.

Dr. Peter Zudeick, langjähriger Korrespondent in Bonn und jetzt in Berlin. Buchveröffentlichungen unter anderem "Der Hintern des Teufels. Ernst Bloch - Leben und Werk", "Alternative Schulen" und "Saba - Bilanz einer Aufgabe".
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