Politisches Feuilleton
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3.2.2005
Jahrestage
Auf der Suche nach neuen Gedenkformen
Von Jürgen Busche

Das Marmordenkmal, geschaffen von Reinhold Begas, zu Ehren des Dichters Friedrich Schiller auf dem Gendarmenmarkt in Berlin (Bild: AP Archiv)
Das Marmordenkmal, geschaffen von Reinhold Begas, zu Ehren des Dichters Friedrich Schiller auf dem Gendarmenmarkt in Berlin (Bild: AP Archiv)
Jahrestage häufen sich. Zwei ganz einfache Gründe dafür kann man sogleich nennen. Je länger die Geschichte dauert, umso mehr passiert, woran man sich bei runden Jubiläen erinnert. Sodann: Wenn rund im Sinne von Jahrestagen auch schon 40 oder 60 Jahre sind, ist ohnehin kein Halten mehr auf der Jagd nach Gedenkterminen. Das kann man sich gegenüber einfallsarmen Veranstaltern so ausdenken! Aber warum wird es akzeptiert? Weil die Veranstalter zwar arm an Einfällen, jedoch stark im Inszenieren ihrer Jubiläen sind? Wohl kaum.

Der Grund für die inflationäre Zunahme von Jahrestagen beziehungsweise der Jubiläumsfeiern in den Medien ist woanders zu suchen. Vielleicht an unterschiedlichen Orten, bei unterschiedlichen Interessen. Hier ein Vorschlag: Jahrestage sind Angebote zur Begegnung mit Geschichte. Dabei - und das ist jetzt anders als in der Schule - erscheint Geschichte, richtiger: das historische Datum, sogleich in einem überzeugenden Sinnzusammenhang mit kräftigen Wertungen: Der Ausbruch des Krieges war schlimm, seine Beendigung ein Segen. Der Naturforscher Humboldt war ein Gelehrter und Weltreisender, der anders als viele sonst berühmte Deutsche zum Vorbild geeignet ist. Ob der Dichter Friedrich Schiller dazu taugt - immer noch oder wieder - ist zu überprüfen. Einstein hat uns viel zu sagen, die Physik der Relativitätstheorie muss nach wie vor den meisten erst erklärt werden. Die Schule hat das einmal geleistet. Leistet sie es immer noch? Vielleicht - egal! Das ist lange her.

Man hat vieles vergessen. Man musste ja auch seither vieles hinzulernen. Vergessen von Gelerntem kann da Entlastung bedeuten. "Das kannst du vergessen", lautet ein - oft bitterer - Trostspruch, der so alt noch nicht ist. Das Feiern von Jahrestagen hält dagegen: Das kannst du, das darfst du nicht vergessen. Die Zeitungen, die Rundfunkfeatures, die Fernseh-Talkshows erklären dir, warum. Der Geschichtsunterricht wandert in die Schule des Lebens. Und zu ihren Unterrichtsstunden gehören die Jahrestage. Dass diese Deutung so falsch nicht sein kann, wird schon aus dem Umstand bestätigt, dass die Medien dazu übergegangen sind, Jahrestage weit vor den Jahrestagen zu feiern. Man feiert gewissermaßen auf sie zu. Der Termin, ob Friedensschluss, Dichtergeburtstag, Bucherstveröffentlichung oder Staatsgründung: Wenn der Termin herangekommen ist, weiß der durchschnittlich gebildete Mitteleuropäer schon längst wieder alles, was es zu diesem Anlass zu wissen gibt. Er darf sich als kundiger Jubiläumsgast fühlen. Schillers 200. Todestag ist noch nicht auf dem Kalender in Sichtweite, da hat in gedenkmäßig schon Albert Einstein verdrängt, der vor 100 Jahren wegweisende Veröffentlichungen zur Physik vorlegte. Wenn aber am 9. Mai der Schiller-Termin pünktlich registriert wird - ein Tag, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor 60 Jahren - dann sind wir alle Schiller-Experten, Weltkrieg II-Experten und verstehen etwas von Relativität. Viel Zeit, sich in dem des geistigen Besitzes zu freuen, bleibt allerdings nicht. Rasch ist 2005 vorbei. Und 2006 ist schon ein Mozart-Jahr. Schon im Januar ist der 250. Geburtstag des Komponisten zu feiern. Und wir wissen alle, die Zeiten, in denen das mit einer Briefmarke erledigt war, die sind vorbei. In zwei Jahren sind wir alle Mozart-Experten.


Jürgen Busche, geboren 1944, studierte Alte Geschichte, Philosophie und Germanistik in Münster. 1972 wurde er Redakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", 1987 wechselte er zur "Hamburger Morgenpost". 1989 bis 1990 war er Redenschreiber für den Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, anschließend leitete er das Ressort Innenpolitik bei der "Süddeutschen Zeitung". 1996 wurde er Chefredakteur der Wochenpost in Berlin, danach der "Badischen Zeitung" in Freiburg. Heute arbeitet er als freier Autor. Buchveröffentlichungen u. a. 'Die 68er. Eine Biografie' und 'Heldenprüfung. Das verweigerte Erbe des Ersten Weltkriegs'.
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