Politisches Feuilleton
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4.2.2005
Zukunftsthema Nr. 1: Kinder!
Von Ulrich Deupmann

Ulrich Deupmann
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Die Autorin Donata Elschenbroich hat vor einigen Jahren einen Satz formuliert, der so viel Wahrheit enthält, dass er sich immer wieder zum Zitieren eignet. "Kinder", so schrieb sie, "sind der Schlüssel zum Verständnis eines Landes - nicht nur der Sitten einer Gesellschaft, sondern auch ihrer kollektiven Intelligenz, ihrer Zukunftsfähigkeit."

Bei uns sind Kinder aus dem öffentlichen und kollektiven Bewusstsein beinahe 30 Jahre lang verschwunden. Es ist uns kaum aufgefallen, dass sich in den 70er Jahren noch sechs Millionen Kinder mehr in den Gärten, auf den Spielplätzen und in den Straßen unseres Landes tummelten. Nur noch in drei von zehn Haushalten lebt heute ein Kind. Bundesfamilienministerin Renate Schmidt hat Recht, wenn sie sagt: "Wir sind kein kinderfeindliches, aber ein kinderentwöhntes Land."

Dabei müsste der Kindermangel in Deutschland längst unser wichtigstes Thema sein. Nicht das Dosenpfand und auch nicht die Praxisgebühr werden unser Leben verändern - wohl aber der Kindermangel. Seine Auswirkungen werden in den kommenden Jahrzehnten unsere Gesellschaft gründlich durcheinander wirbeln - nicht nur die Politik und die Wirtschaft, sondern die Lebensplanung jedes einzelnen Menschen. Das ist leicht erklärt: Millionen weniger Kinder essen zuerst weniger Babybrei, dann brauchen sie weniger Schulranzen und weniger Fahrräder, mit 18 werden sie weniger Führerscheinprüfungen ablegen und weniger Autos kaufen. Die "Generation Kindermangel" wird weniger Häuser bauen, weniger Reisen buchen, weniger Umsatz in Restaurants machen - und am Ende wird sie wohl sogar den Bestattungsunternehmen die gute Laune vermiesen.

Sinkende Geburtenziffern lassen sich in fast allen führenden Wohlfahrtsstaaten beobachten. Die Entscheidung für ein Kind passt immer weniger in Gesellschaften, die einen tiefen Wandel von Werten und Lebensentwürfen, besonders auch in der Berufswelt erleben. Mindestens in den deutschen Städten sind intakte Systeme von Verwandtschaft und Nachbarschaft, die gleichermaßen wichtig sind für Eltern und Kinder, häufig zerfallen. Mit den industriellen Schichtarbeitsplätzen sind auch die festen Arbeitszeiten dahingegangen. Frauen und Männer unter 30 müssen sich häufig mit Zeitverträgen durchschlagen. Neue Jobs gibt es nicht mehr mit tariflichen Arbeitszeiten, sondern meist als niedrig bezahlte Rund-um-die-Uhr-Dienste, ob in Call-Centern, in Internet-Redaktionen von Zeitungen, in ambulanten Pflegediensten oder im Tourismusgewerbe. Weltweit agierende Konzerne erwarten von ihren Leuten, dass sie zeitzonengerecht am Laptop sitzen. Masern und Mittelohrentzündungen von kleinen Kindern haben in dieser Welt keinen Platz.

Früher waren viele Kinder die beste Gewähr, um im Alter sicher zu leben. Heute sind sie das höchste Risiko, beim Sozialamt bald jeden Flur von innen zu kennen. Deutschlands Sozialpolitiker haben so lange die Altersarmut von Rentnern bekämpft, dass sie völlig übersehen haben, wer die Bedürftigen des beginnenden 21. Jahrhunderts sind: Viermal so viele Kinder leben inzwischen von Sozialhilfe wie Rentner von sozialer Grundsicherung.

Anders als zum Beispiel in Skandinavien hat die Politik in Deutschland sich mit den veränderten Lebensläufen von jungen Frauen und Müttern kaum auseinander gesetzt: Die erfolgreichen Länder geben das Geld nicht mit der Gießkanne in Form von Kindergeld, sondern bezahlen daraus Infrastruktur: Kinderkrippen, ganztägige Kindergärten und Ganztagsschulen. Das ermöglicht Frauen, trotz Kindern weiter im Berufsleben zu stehen. Länder mit hoher Geburtenrate wie die Franzosen geben direkte Finanzhilfen vor allem an junge Frauen, die das erste Kind erwarten, und an Mütter, die sich mit dem Gedanken tragen, ein drittes Kind in die Welt zu setzen.

In Deutschland beginnen wir gerade erst, uns mit Vorbildern im Ausland zu beschäftigen. Wenn nicht alles täuscht, wird der Wahlkampf zur Bundestagswahl 2006 sich auch ganz wesentlich um Kinder und ihre Ausbildung drehen. Endlich, kann man da nur sagen. Eine vernetzte ressortübergreifende Kinderpolitik fehlt schon viel zu lange. Seit 50 Jahren hat sich der Staat aus keinem Bereich der Gesellschaft so sehr herausgehalten wie aus der Politik für Kinder. Kinder gehörten in die private Lebensführung, waren gewissermaßen zur privaten Liebhaberei geworden, in die Kategorie von Lifestyle-Entscheidungen gerutscht.

Die Entscheidung für oder gegen Kinder gilt in Deutschland noch immer als der denkbar unpolitischste Akt. Mit dieser Einschätzung betrügen wir uns seit Jahrzehnten. Jedes Ja und jedes Nein zu einem Kind verändert und beeinflusst die Zukunft unseres Landes - politisch, wirtschaftlich und sozial. Wir brauchen keine Kinderbeauftragten und derlei symbolische Politik, sondern eine massive Umverteilung von staatlichen Ressourcen zugunsten von Kindern, Müttern und Vätern. Nicht die Zahl der Kinderwünsche sinkt in Deutschland - oder jedenfalls nur geringfügig. Gesunken ist vor allem die Zahl der Chancen, diese Kinderwünsche zu verwirklichen. Wenn wir zeigen, dass Kinder in Deutschland willkommen sind - wie dies in Frankreich, Finnland oder Norwegen geschieht -, dann wird auch die Geburtenrate wieder steigen.


Ulrich Deupmann, Jahrgang 1963, studierte Politik, Geschichte und Journalismus in Münster, München und Madrid. Seit 1990 arbeitete er als Parlamentskorrespondent und Büroleiter für verschiedene Zeitungen und Magazine, u. a. für die 'Süddeutsche Zeitung' und den 'Spiegel'. 2003 übernahm er die Leitung des Hauptstadtbüros der 'Bild am Sonntag'. Ulrich Deupmann wurde 1994 mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Im März 2005 wird sein Buch 'Die Macht der Kinder' im S. Fischer Verlag erscheinen.


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