Politisches Feuilleton
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5.2.2005
Leben nach Liste
Wider den Verlust der eigenen Urteilskraft
Von Uwe Bork

Uwe Bork (Bild: privat)
Uwe Bork (Bild: privat)
Dem 'roten Buch' zu widersprechen, erfordert einigen Mut, nicht umsonst wird es der Bibel gleichgesetzt. Das 'rote Buch' hat Autorität und immer mehr Menschen in immer mehr Ländern hören - und schwören - auf seine Worte. Die stammen nun allerdings keineswegs vom großen Steuermann Mao, nein, bei dem roten Buch, von dem hier die Rede ist, handelt es sich um ein genuin kapitalistisches Produkt, einen Wälzer mit einer Seitenzahl im vierstelligen Bereich, der sich durch und durch dem Gedanken des Marktes und des Wettbewerbs verschrieben hat: Möge der Beste gewinnen!

Die Rede ist vom Guide Michelin, wir könnten aber auch vom GaultMillau sprechen, vom Aral-Schlemmeratlas oder von einem jener sonstigen Führer durch die bessere kulinarische Welt, die mit den von ihnen verteilten Sternen, Kochmützen oder -hauben Ordnung in Küchen und Keller bringen wollen. Wer sagt denn, dass man über Geschmack nicht streiten kann? Überholt, man kann ihn sogar messen, vergleichen und bewerten! Offensichtlich gibt es auch bei Küchenchefs einen Zieleinlauf wie bei olympischen Sprintstars und Marathonläufern, und wessen Lammcarrée nicht zart auf der Zunge zergeht, der reißt dann eben die Latte wie die deutschen Stabhochspringer in Athen. Das ist für alle ersichtlich, und darüber kann und muss man nicht diskutieren. Oder doch?

Es scheint, als sei aus dem, was einst als freundlicher Fingerzeig für den reisenden Geschäftsmann begann, nun tödlicher Ernst geworden: Den französischen Sternekoch Bernard Loiseau soll eine Herabstufung durch den GaultMillau vor Jahresfrist sogar in den Freitod getrieben haben, so zumindest der Vorwurf seines Freundes und Kollegen Paul Bocuse.

Auch auf Verbraucherseite ist längst Schluss mit lustig. Wer sich hier kraft eigenen Gaumens gegen den schriftlich niedergelegten Gusto der Gastrokritiker stellen will, der braucht schon beträchtliche Standfestigkeit. Wer will denn schon als unsensibler Simpel ohne jegliche Geschmacksknospen auf der Zunge dastehen und sein eben genossenes Menu loben, wenn die Fresspäpste von GaultMichelin und Guide Millau nur "plastikzähen Hummer" und "brühwarmen Wein" wahrnehmen konnten?

Wer die Hitlisten auch nur flüchtig überfliegt, in denen inzwischen sogar schon Fast-Food-Restaurants nach ihrer Güte sortiert werden, bekommt schnell den Eindruck, dass unser Geschmack, dieses bis dato für unangreifbar gehaltene Residuum bürgerlicher Freiheit, langsam normiert und reglementiert wird. Wir empfinden nicht mehr selbst, wir verlassen uns darauf, dass andere das für uns tun. Sie übernehmen die Rolle gesellschaftlicher Vorkoster, die die servierten Speisen nicht mehr auf mögliches Gift prüfen, die uns aber quasi ex cathedra culinaria und damit nahezu unfehlbar zu sagen wissen, was uns schmeckt, respektive: was uns zu schmecken hat.

Unsere eigene Meinung tritt zurück gegenüber dem Urteil diverser Vorinstanzen, die scheinbar kompetenter sind als unser eigener Gaumen oder überhaupt unser eigener Kopf. Das Leben nach Liste, die Egalisierung unserer Vorlieben und Abneigungen, durchdringt als freiwillig zugelassene Bevormundung immer mehr Bereiche unseres Daseins. Nicht nur, dass die privaten Empfindungen einer Frau Heidenreich inzwischen zur millionenfachen Kaufempfehlung geronnen sind, auch die Hit- und Ranglisten der spritzigsten Champagner, besten Mediziner oder schlechtesten Universitäten sind mittlerweile fast allgegenwärtig und erwarten Beachtung bei der nächsten Kaufentscheidung, dem fälligen Gang zum Arzt oder der anstehenden Wahl des Studienortes.

Selbst im politischen Bereich geht es nicht mehr ganz ohne Courage, will der eben noch mündige Bürger sich gegen regelmäßig veröffentlichte Umfragen etwa als Freund des Kanzlers outen, Hartz IV verteidigen oder gar wirtschaftliches Heil anderswo als nur in mehr Arbeit für weniger Geld suchen. Hier heißt es, das 'Polit-Barometer' im Auge zu behalten, will man sich im vorherrschenden Meinungsklima nicht schnell eine Erkältung holen. Umso peinlicher, wenn plötzlich einmal einer der Geschmacksguides dazustehen scheint wie jener Kaiser aus dem Märchen, dem alle Welt prunkvolle Kleidung attestierte, obwohl er doch nur nackt war. Hatte der nach seinen Enthüllungen inzwischen entlassene Guide-Michelin-Kritiker Pascal Remy doch behauptet, zur Kontrolle der 3800 in Frankreich bewerteten Restaurants würden von seinem Arbeitgeber nur ganze fünf 'Inspektoren' eingesetzt. Auch bei vollstem Körpereinsatz wären diese Berufsgourmets wohl kaum in der Lage, in jeweils 760 Etablissements pro Jahr wenigstens einmal Fleisch und Fisch, Suppen und Saucen verlässlich auf ihre Qualität zu überprüfen und im ebenso berühmten wie gefürchteten 'roten Buch' den einen Küchenchef zum neuen Halbgott in Weiß zu erheben und den anderen in die Vorhölle der Mittelmäßigkeit hinabzustoßen.

Sollten Remys Behauptungen wahr sein, was sein ehemaliger Arbeitgeber übrigens vehement bestreitet, stünde nicht nur der einigermaßen blamiert da. Auch wir als durchschnittliche Küchen-, Kultur- und Politik-Verbraucher hätten Grund zum Nachdenken. Vielleicht sollten wir unserem eigenen Urteil doch mehr vertrauen als der fragwürdigen Meinung unausgewiesener Vordenker und Vorkoster. Und zwar nicht nur beim Lammcarrée.


Uwe Bork, geboren 1951 im niedersächsischen Verden (Aller), studierte an der Universität Göttingen Sozialwissenschaften. Nach dem Studium arbeitete Bork zunächst als freier Journalist für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und ARD-Anstalten. Seit 1998 leitet er die Fernsehredaktion 'Religion, Kirche und Gesellschaft' des Südwestrundfunks in Stuttgart. Für seine Arbeiten wurde er unter anderem mit dem Caritas-Journalistenpreis sowie zweimal mit dem Deutschen Journalistenpreis Entwicklungspolitik ausgezeichnet. Bork ist Autor zahlreicher Glossen und mehrerer Bücher, in denen er sich humorvoll-ironisch mit zwischenmenschlichen Problemen auseinandersetzt. Gerade erschienen ist sein Buch "Paradies und Himmel. Eine Reise an die Schwellen des Jenseits".
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