Politisches Feuilleton
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7.2.2005
Otto Normalabweicher
Vom Aufstieg der Minderheiten
Von Jürgen Kaube

Lauter Individualisten? - Szene in einer deutschen Fußgängerzone (Bild: AP)
Lauter Individualisten? - Szene in einer deutschen Fußgängerzone (Bild: AP)
Soziologen diskutieren seit längerem schon, dass es den "Otto Normalverbraucher" nicht mehr gibt. Und auch die "Otto Normalfamilie" und den "Otto Normalwähler" nicht. Früher, sagen sie, konnte man aus wenigen Merkmalen eines Bürgers noch recht zuverlässige Schlüsse auf seine Weltanschauung und sein Verhalten ziehen. Angenommen also, es war von jemandem bekannt, dass er protestantisch ist, in Gelsenkirchen lebt und kein Abitur hat. Dann habe man mit ziemlicher Sicherheit auch sagen können, wo auf dem Wahlzettel er sein Kreuz machen würde. Oder wie er wohnt. Oder was er in seiner Freizeit treibt. Zwischen Beruf und politischer Einstellung, Religion, Familienstand und Freizeitverwendung hat es ziemlich enge und ziemlich stabile Beziehungen gegeben.

Heute ist das alles anders. Die Soziologen sprechen von "Individualisierung". Damit meinen sie, dass es nicht mehr möglich sei, sich in all diesen Dimensionen des eigenen Lebens an einem durchschnittlichen Verhalten, also am Normalfall zu orientieren. Ob man Kinder hat oder nicht, ob man sich kirchlich bindet, welche Partei man wählt und welche Kleidung man trägt, ja im äußersten Extrem sogar die Geschlechtszugehörigkeit - schlechterdings alles sei zu einer Frage eigener Entscheidungen geworden.

"So machen es alle" ist deshalb keine Entschuldigung mehr. Denn alle machen ganz unterschiedlich. Und selbst wer sich heute zu einer überlieferten, konventionellen Lebensweise entschließt, der entschließt sich eben für sie und übernimmt sie nicht einfach nur deshalb, weil sowieso nichts anderes in Betracht kommt.

Diesem Bild ist vorgeworfen worden, es übertreibe die Wahlfreiheit des modernen Individuums. Das mag sein. Eine viel größere Übertreibung liegt aber darin, dass hier überhaupt von "Individualisierung" gesprochen wird. Denn aus dem Zerfall des Typischen und Durchschnittlichen, also aus dem Zerfall eines klaren Mehrheitsverhaltens ergeben sich nicht Individuen, sondern - Minderheiten.

Und eben dies war in den letzten Jahrzehnten auf vielen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens zu beobachten: der Aufstieg der Minderheiten. Man könnte auch sagen: der Aufstieg von "Otto Normalabweicher". Denn es ist normal geworden, dem Durchschnitt nicht zu entsprechen.

Unter "Minderheit" sind dabei ganz unterschiedliche Gruppen zu verstehen. Zunächst kann man an besondere Lebensstile und ihre Prominenz in den Massenmedien denken. In dem Maße, in dem sich das Fernsehen und der Boulevard mehr für das Auffällige, Neue, Bunte und Skandalisierbare interessieren, in dem Maße befassen sie sich zunehmend mit Minderheiten. Einst wurden auf den Jahrmärkten doppelköpfige Kälber, bärtige Jungfrauen und Moritaten von unerhörten Vorfällen dargeboten. Sie stärkten als Extremfälle das Normalitätsbewusstsein des Publikums. Heute teilen Talkshows und Reportagen vor allem mit: Die Welt ist voller Sonderexistenzen, voll von Leuten mit anstrengenden Hobbys und extremen Ansichten. Früher zeigten das Fernsehen und der Trivialroman, dass das Normale seltsam ist. Das war die Welt von "Ekel Alfred", Loriot und Agatha Christie. Heute zeigen sie, dass alle möglichen Seltsamkeiten normal sind.

Doch aus diesseits der bunten Welt des Fernsehens haben Minderheiten eine öffentliche Gleichstellung erfahren. Der ebenso berühmte wie rätselhafte Ausruf eines späteren Berliner Bürgermeisters, es sei gut so, dass er von den sexuellen Durchschnittspräferenzen abweiche, ist nur ein Beispiel dafür. Denn im Grunde kann er ja nur gemeint haben: Zu einer Minderheit zu gehören, ist genau so gut, wie der Mehrheit zu entsprechen.

Um dieses Gefühl zu unterstützen, werden allenthalben Anti-Diskriminierungs-Gesetze verabschiedet. Die Europäische Union legt Programme auf, um ethnische und kulturelle Minderheiten zu schützen. Wer gälisch spricht oder friesisch, hat ebenso Anspruch auf Beihilfe zur Identitätspflege wie andere Minoritäten: die Vertriebenen in der dritten und vierten Generation, die Leistungssportler oder die Bauern.

Und damit sind wir beim politischen Kern des Aufstiegs der Minderheiten. Denn all die genannten Gruppen haben überhaupt nur zweierlei gemeinsam: dass sie sich, weil sei Minderheiten mit klar überschaubaren Interessen sind, gut organisieren können. Und: dass aus ihrem Minderheitenstatus politisch ein Recht auf Unterstützung hergeleitet wird. Die einen werden durch öffentliche Aufmerksamkeit unterstützt, die anderen durch den Wohlfahrtsstaat und manchen Minderheiten wird sogar beides Glück zuteil.

Das ist pauschal auch gar nicht zu kritisieren, und man wird im Einzelfall stets gute Gründe dafür finden. Interessant ist aber ein Effekt dieser Karriere des "Otto Normalabweichers". Gesellschaften, heißt es, werden durch Gemeinsamkeiten ihrer Mitglieder gestärkt, durch die Fähigkeit also der einen, sich in die anderen hineinzuversetzen. Ist das noch möglich, wenn Normalität nicht mehr die Norm ist? Es hilft nicht, darüber zu klagen, denn wer könnte von Minderheiten schon verlangen, anders zu sein als sie eben sind? Es gehört also offenbar zu den Risiken, die eine moderne Gesellschaft auf sich nimmt, dass sie ihren Mehrheiten mitunter das Gefühl vermittelt, selber nur eine Minderheit zu sein.

Jürgen Kaube, geboren 1962, studierte Wirtschaftswissenschaften, Philosophie, Germanistik sowie Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin und war Hochschulassistent für Soziologie an der Universität Bielefeld. Seit 1998 ist er Redakteur im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", wo er für Fragen der Bildung, Wissenschafts- und Gesellschaftspolitik zuständig ist.
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