Politisches Feuilleton
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8.2.2005
Geschichte ist kompliziert
Bitte mehr historical correctness!
Von Bruno Preisendörfer

Bruno Preisendörfer (Bild: privat)
Bruno Preisendörfer (Bild: privat)
Stellen Sie sich vor, ein Familienmitglied sitzt beim Rate-Onkel Günther Jauch auf dem Millionärsstuhl und Sie sind der Telefonjoker. Sie werden gefragt: Wer hat beim Anblick der zerstörten Stadt Dresden gesagt, er sehe "die leidigen Trümmer zwischen die schöne städtische Ordnung hineingesät". War es a) Johann Wolfgang Goethe, b) Friedrich Schiller, c) Friedrich der Große, d) Albert Speer?

Vor der Auflösung erst noch ein anderer Satz: Die Bombardierung von Dresden - Zitat: "steht ursächlich weder im Zusammenhang mit dem 1. September 1939 noch mit dem 30. Januar 1933". Wenn ein NPD-Abgeordneter einen Satz wie diesen im Sächsischen Landtag sagt, wird dieser Satz nicht deshalb falsch, weil ein NPD-Abgeordneter ihn im Sächsischen Landtag sagt. So wenig, wie zwei und zwei aufhören, vier zu sein, wenn Hitler behauptet, zwei und zwei seien vier.

Der Neu-Nazi im Sächsischen Landtag sprach nicht von der "Bombardierung Dresdens", sondern vom "Bombenholocaust". Dieses eine Wort verwandelte den ganzen Satz mit seiner historisch korrekten Aussage in blanken Hohn. Trotzdem bleibt richtig, dass Hitler nicht für die Bombardierung Dresdens verantwortlich ist. Auch nicht irgendwie letztlich.

Ohne Hitlers Aggressionskrieg wäre es nicht zur Zerstörung Dresdens gekommen. Aber eine historische Voraussetzung ist etwas anderes als ein kausales Verhältnis. Der britische Doppelangriff auf Dresden in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 war keine kausale Folge der deutschen Verbrechen. Er war ein militärisches Experiment, um das Verhältnis zwischen der Zahl der eingesetzten Bomben und der Zahl der getöteten Menschen zu - ja, wie soll man sagen: zu "optimieren".

Ein anderes Beispiel: die Teilung Deutschlands und der Bau der Mauer. Aber auch das waren weder kausale noch moralische Folgen der deutschen Verbrechen, wie bis in die 80er Jahre immer wieder gesagt worden ist - und zwar vor allem im Westen, wo man die Wirkung dieser angeblichen Strafe viel weniger zu spüren bekam als im Osten. Die deutsche Teilung war weder eine Strafe der Alliierten noch eine Schuld Hitlers, sondern eine politische Folge des Kalten Krieges.

Hitler wird auch der Tod der 30.000 sowjetischen Soldaten angelastet, die beim Marsch auf Berlin an den Seelower Höhen gefallen sind. Aber an diesen Toten ist der sowjetische General Shukov Schuld, der mit seinem Rivalen General Konjev um die Wette lief. Stalin hatte befohlen: Die Stadt gehört demjenigen, der sie zuerst erreicht. Die Erstürmung der Seelower Höhen wäre militärisch nicht notwendig gewesen. Konjev marschierte bereits nach Berlin. Nur weil Shukov seinem Rivalen zuvorkommen wollte, ließ er die Seelower Höhen nicht umgehen, sondern erstürmen. Die 30.000 sowjetischen Soldaten ließen ihr Leben nicht für die Befreiung Berlins, sondern für den Ehrgeiz eines Generals. Shukov hat diese Menschen aufgeopfert.

Ein letztes Beispiel: Bei der Landung der amerikanischen Truppen an der Küste der Normandie gab es überdurchschnittlich viele schwarze Soldaten in der ersten Angriffswelle. Das lag nicht am Rassismus Hitlers, sondern am Rassismus der damaligen amerikanischen Apartheid-Gesellschaft und am Rassismus in der amerikanischen Armee.

Diese Beispiele sollten verdeutlichen: Die vollautomatische Verhitlerung aller Schandtaten und Verbrechen im Zweiten Weltkrieg und danach trägt nichts bei zum Verständnis komplizierter historischer Sachverhalte. Amerikanische Schriftsteller weichen diesen Kompliziertheiten viel weniger aus als die Deutschen mit ihrem Hitlertick: Joseph Heller zum Beispiel war selbst Bomberpilot und schrieb über die Perversionen des Luftkriegs den Roman "Catch 22".

Kurt Vonnegut wiederum überlebte als amerikanischer Soldat in deutscher Gefangenschaft die Bombardierung Dresdens und erzählt davon in seinem Buch "Schlachthof 5". In diesem Buch kommt der Satz vor, nach dessen Urheber am Anfang gefragt wurde. Die richtige Antwort lautet: Johann Wolfgang Goethe. Er schrieb seinen Satz, er sehe "die leidigen Trümmer zwischen die schöne städtische Ordnung hineingesät", etliche Jahre nach der Zerstörung Dresdens durch Artilleriebeschuss im Juli 1760. Damals war übrigens Friedrich der Große daran Schuld.

Bruno Preisendörfer, Jahrgang 1957, lebt als freier Publizist und Schriftsteller in Berlin. Er studierte Germanistik, Politikwissenschaft und Soziologie in Frankfurt am Main und Berlin, 1997 Promotion mit einer Arbeit über "Ästhetik und Herrschaft im preußischen Absolutismus". Preisendörfer hat viele Jahre als Redakteur gearbeitet. Seine literarischen Texte veröffentlicht er unter dem Schriftstellernamen Bruno Richard. Zuletzt erschien der Roman "Desaster".
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