Politisches Feuilleton
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9.2.2005
Nomadentum als Chance
Agenten der Modernisierung
Von Karl Schlögel

Türkischer Frieseursalon in Köln. Sind Migranten Agenten der Modernisierung? (Bild: AP)
Türkischer Frieseursalon in Köln. Sind Migranten Agenten der Modernisierung? (Bild: AP)
Es war Velém Flusser, der aus Mitteleuropa nach Lateinamerika vertriebene Emigrant, der darauf bestanden hatte, in den Migranten nicht nur die passiven Opfer zu sehen, die sie oft genug waren, sondern auch die Akteure, als die sie immer noch nicht erkannt sind. "Wir, die ungezählten Millionen von Migranten (seien wir Fremdarbeiter, Vertriebene, Flüchtlinge oder von Seminar zu Seminar pendelnde Intellektuelle), erkennen uns dann nicht als Außenseiter, sondern als Vorposten der Zukunft." Hier kündet sich die Geburt eines neuen Geschlechts an, das aus dem "Zusammenbruch der Sesshaftigkeit" hervorgeht und sich anschickt, die Reflexe, die der Mensch sich in der Kultur der Sesshaftigkeit und des Ackerbaus antrainiert hat, abzustreifen.

Auch bei Vladimir Nabokov, einem Flüchtling vor der Oktoberrevolution, finden wir so gar keinen jammernden oder larmoyanten Ton, sondern eher die Arroganz des durch Emigration von allem und zu allem frei gewordenen Migranten. Der Migrant als neuer Typ! Nomadentum nicht als Schicksal, sondern als Chance! Vieles spricht dafür, dass dem so ist und dass dieses Lob des Nomaden nicht bloß ein Versuch ist, aus der Not des Flüchtlings die Tugend des zu allem freien Nomaden zu machen. Der neue Mensch ist unterwegs, und er scheint überall am Werk, wo sich in den letzten Jahren etwas getan hat.

Die Migration hat Folge für die Aufnahmeländer, sie verändert die ethnische sprachliche, kulturelle Balance. Migranten sind beweglich. Sie sind - wie das Beispiel der Hugenotten, der Juden, der Armenier, der Inder in Ostafrika oder der Hongkong-Chinesen zeigt - die Avantgarde der Innovation und Modernisierung.

Refugee mentality ist ein Plus, nicht ein Defekt. Sie sind es vor allem, die Innovationen, risikoreiche Unternehmen initiieren. Auf sie ist die Rolle, die Max Weber den Protestanten bei der Entstehung des modernen Kapitalismus zugeschrieben hatte, übergegangen. In ihnen mischt sich die Situation des Neu-und-ganz-von-unten-anfagen-Müssens, des Traditionsbruchs, mit dem Improvisieren-können, mit der Fähigkeit, eine Zeitlang in Provisorien leben zu können.

Nachkriegs-Westdeutschland, aber auch Korea mit seinen Millionen von Kriegsflüchtlingen sind Bespiele für gelungene Modernisierung, die auf Entwurzelung basiert. Innovation, Improvisationsfähigkeit, ethnisch und kulturell bedingte Kohäsion der jeweiligen Diaspora, Elastizität, Anpassungsfähigkeit und Durchsetzungskraft und nicht zuletzt Vielsprachigkeit - all das macht die Migranten zu den idealen Agenten sozialer und kultureller Modernisierung. Schon heute sind sie das Rückgrat der wachsenden Gemeinde von transnationals, ohne die die globale Ökonomie der global cities nicht funktionieren würde.

Migranten verdienen Geld, viel Geld. Die Geldtransfers machen in einigen Staaten wie zum Beispiel Pakistan heute schon den Großteil des Nationaleinkommens aus. Erst recht nicht unterschätzen darf man die molekularen kulturellen Transfers und Modernisierungseffekte, die mit jeder neuen Reise, mit jeder Rückkehr nach Hause, mit jedem neuen mitgebrachten Geschenk bewirkt werden. Die Migranten sind die Zersetzer auch der Milieus, aus denen sie kommen. Sie kommen aus den Städten, in denen sie arbeiten, zurück in die Dörfer, die sie verlassen haben. Aber sie werden nichts so lassen, wie es war, als sie fort gingen.

Das patriarchalische System, das seit Urzeiten geherrscht hat, bröckelt und stürzt, je länger die Abwesenheit des Familienoberhaupts andauert, unweigerlich ein. Die Migration unterminiert unweigerlich die alten Hierarchien und Autoritäten. Sie setzt die Herkunftskultur dem Vergleich und dem Druck der Ankunftskultur aus und zwingt die Migranten, sich in beiden zu bewegen und zu Bürgern der Welt im buchstäblichen Sinne zu werden. Die modernen Verkehrsverhältnisse haben Pendelbewegungen und eine Art ubiquitärer Existenz möglich gemacht, die es erlauben, je nach Lage der Dinge oder der Konjunktur den Lebensmittelpunkt zu wählen - und sei es die Wahl zwischen Hongkong und Kalifornien.

So steht am Ende ein nach Millionen zählender neuer Phänotyp, der mühelos in beiden Welten lebt. Er ist kein marginales Phänomen. Ein jeder braucht sich nur in seiner Umgebung und unter seinen Bekannten umzusehen: Die transnationale Pendelbewegung, die wie selbstverständliche Kommunikation selbst über große Entfernungen hinweg, ist ein Teil unserer Alltagsroutine geworden, so sehr wie die gemischten Gesellschaften in unseren Großstädten. Es braucht nicht romantisiert zu werden, was schon da ist, und es bedarf keines Kitsches, um die Reibungen, die damit gegeben sind, zu entschärfen. Je mehr die Welt in Bewegung und die Menschströme im Fluss sind, umso wichtiger ist der Halt, der in stabilen und festen Institutionen liegt. Das Lob der Migranten ist daher ohne ein Lob der Ordnung nicht zu haben.

Der Publizist und Historiker Karl Schlögel zählt zu den renommiertesten deutschen Osteuropa-Experten. Er ist Professor für die Geschichte Osteuropas an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Einem breiteren Publikum wurde Schlögel bekannt durch seine zahlreichen Veröffentlichungen und Bücher, darunter "Go East oder Die zweite Entdeckung des Ostens"' "Chronik russischen Lebens in Deutschland 1918-1941" und "Berlin, Ostbahnhof Europas". Zuletzt erschien "Promenade in Jalta".
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