Politisches Feuilleton
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10.2.2005
Falsche Toleranz
Frucht der Verdrängung
Von Ralph Giordano

Ralph Giordano (Bild: AP)
Ralph Giordano (Bild: AP)
Ein in Deutschland weit verbreitetes Leiden heißt: falsche Toleranz. Sie zeigt sich nicht nur darin, dass inzwischen die extreme Rechte ihre taktische Zurückhaltung aufgeben und die Sprachschablonen des Dritten Reiches offen übernehmen konnte. Verstörenderweise bewirkt zugleich der aus dem Morduniversum der Nazizeit herrührende Schulddruck diese falsche Toleranz auf einem anderen Gebiet - dem der Ausländer- und Integrationspolitik. Etwas stimmt nicht, wenn deutsche Richter ausländische Straftäter sichtlich milder behandeln als deren deutsche Altersgenossen. Um dann hinter vorgehaltener Hand ihre Furcht zu bekennen, andernfalls in den Verdacht der Fremdenfeindlichkeit oder des Rassismus zu geraten. Diese bestürzende Insouveränität als Erbe unaufgearbeiteter Geschichte wirkt sich noch prekärer in der Sicherheitspolitik aus.

Ebenso unverbergbar äußert sich die falsche Toleranz beim so genannten "interreligiösen Dialog" zwischen Christen und Muslimen. Man muss das einmal mitgemacht haben. Sobald das Stichwort "Kreuzzüge" gefallen ist, zieht sich die christliche Seite in eine geradezu duckmäuserische Verteidigungsposition zurück - offensichtlich bar jeder Geschichtskenntnis, dass die Mittelmeerküsten und riesige Landflächen Europas bis vor die Tore Wiens jahrhundertelang von islamischer Expansion und Okkupation schwer bedroht waren. Die Rolle der Frau gar in islamischen Ländern wird in diesem "Dialog" so gut wie völlig ausgeblendet. Das Drama spielt sich hier ab, mitten in Europa und Deutschland. Welchen Unterschied es auch immer zwischen Islam und Islamismus geben mag - die Scharia, das Gesetzeswerk, entspringt dem Islam, und sie ist, unter anderem, ein Vergehen an der weiblichen Hälfte der Bevölkerung durch die männliche. Die Scharia ist sie im Sinne der Menschenrechtsdeklarationen inakzeptabel und sonst gar nichts.

Womit ich an jenes Problem geraten bin, das wie ein Unwetter über dem eben angebrochenen 21. Jahrhunderts schwebt - an die Krise des Islams bei der Anpassung an die Moderne. Ein revolutionsüberreifer Orbit, ein riesiger, interkontinentaler Teil der Menschheit mit dem arabischen Segment als Zentrum, droht an seiner eigenen Rückständigkeit zu explodieren. Diese Krise ist dabei, zur Initialzündung eines Terrorismus zu werden, wie ihn die Geschichte der Menschheit noch nicht erlebt hat.

Es ist Krieg, und die ihn uns erklärt haben, verkünden: "Ihr fürchtet den Tod - wir nicht!" Diese Kamikaze-Ideologie katapultiert die gesittete Welt in ein neues Zeitalter globaler Bedrohung - mit der niederschmetternden Aussicht auf einen abermaligen Totalitarismus. Der schickt sich an, eine neue Akte der Entmenschlichung aufzuschlagen, die auch den letzten geschützten Freiraum zu zerstören bereit ist.

Es zählt zu den Lebenslügen unserer Zeit, dass der gesamte arabisch-islamische Raum befriedet wäre, wenn es den Nahost-Konflikt nicht gäbe. Der wird aus historischer Sicht eines Tages beendet sein. Die Krise des Islams aber wird einen weit längeren Atem haben. Zu ihrer Charakteristik kann ich mich der eigenen Stimme enthalten, da die schärfsten Kritiker des Fundamentalismus wie auch des gesellschaftlichen Status quo selbst Muslime sind. Eine härtere Abrechnung kann man sich nicht vorstellen: kein Weißer - kein Europäer, Amerikaner, Israeli würde sich auch nur in die Nähe einer Kritik wagen, wie sie von dort formuliert wird. Da wird Schluss gemacht mit der üblichen Delegierung der Verantwortlichkeit nach außen - an "Europa", an den "Kolonialismus", an den "großen" und an den "kleinen Satan". Schonungslos wird die Unfähigkeit der islamisch-arabischen Gesellschaft zur Selbstreflexion vorgeführt und der durch die eigene Rückständigkeit ausgelöste tiefe Minderwertigkeitskomplex als die eigentliche Quelle des Terrorismus angeprangert.

Die muslimischen Massen in Deutschland können nur ein Interesse haben: Öffentliches Bekenntnis gegen den islamistischen Terrorismus, Integration, ein Leben nach dem Grundgesetz. Nur so können schwere Konflikte vermieden werden.

Ralph Giordano wurde 1923 in Hamburg geboren. Weil seine Mutter Jüdin war, wurde die Familie von den Nationalsozialisten verfolgt, die Mutter wurde deportiert. Giordano arbeitete seit 1946 als Journalist, seit 1964 auch als Dokumentarist. Seine Recherchen führten ihn in alle Teile der Welt. Giordano erhielt für seine Arbeiten zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Seine Bücher wurden Bestseller, so die Familiensaga "Die Bertinis", "Die zweite Schuld oder Von der Last Deutscher zu sein" und "Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte. Die Pläne der Nazis nach dem Endsieg".
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