Politisches Feuilleton
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11.2.2005
Der Rechtsextremismus im Urteil der politischen Klasse
Von Josef Schmid

Josef Schmid (Bild: Maurer-Hörsch)
Josef Schmid (Bild: Maurer-Hörsch)
Hier folgt keine Einmischung in einen tagespolitischen Streit. Denn Streitereien und Schuldzuweisungen immer nach Wahlerfolgen rechtsextremer Parteien sind so etwas wie ein Stück politischer Kultur des Nachkriegsdeutschlands. Somit verfügen wir doch über einige Erfahrungen - sowohl mit dem vielschichtigen Phänomen Rechtsradikalismus, als auch mit der Nervosität der politischen Führungsklasse angesichts des plötzlichen Auftauchens rechtsradikaler Abgeordneter in Landesparlamenten.

In der alten Bundesrepublik war 1966 das erste kurze Krisenjahr und zugleich ein Erfolgsjahr der NPD. Der Zusammenhang war so eindeutig, dass man noch Jahre danach den Rechtsextremismus als "Schlechtwetterparasiten" bezeichnen konnte. Er kam, wenn die großzügige Wachstumsmaschinerie einmal ins Stocken geriet und verschwand mit dem Aufschwung am Arbeitsmarkt. Man soll nicht zu mechanisch denken, aber bis heute sehen wir rechtsradikale Wahlerfolge geknüpft an wirtschaftliche Zustände und Aussichten für bestimmte Schichten, und die waren nur selten schlecht. Um angeblich die Welt zu beruhigen, wurde davon immer mehr Aufhebens gemacht, als die Sache verdient hätte. Wie aufgeschreckt die politische Klasse auch reagierte, dies zeigte nur an, dass sie sich längst einer gewissen Geruhsamkeit hingibt, denn der Extremismus stärkt die demokratischen Normenkontrollen, worauf er wieder aus den Landesparlamenten verschwindet. Gute Wirtschaftspolitik war Kampf gegen Rechtsradikalismus.

Die derzeitige Führungsklasse gehört einer Generation an, die die größten Wohlstandsgewinne der deutschen Geschichte eingefahren, aber ideologisch nach der linken Seite ausgeschlagen hatte - ein viel größeres Rätsel als der vergleichsweise plumpe Rechtsradikalismus. Sie sind die Kinder des Wirtschaftswunders. In der Buchhaltungssprache könnte man sagen: sie haben die Aktivposten des Deutschseins auf dieser Welt eingestrichen und nun leisten sich öffentliche Karrieren und Deutungseliten einen moralischen Gewissensausgleich, indem sie sich den Passiven der nationalen Buchhaltung nähern.

Nicht verwunderlich, dass es auch hier Extremisten und Fundamentalisten gibt: die nationale Verbrechensgeschichte wird zum narzistisch besetzten Job, zur Obsession, zum Erlösungswissen.
Diesen ausgeglichenen Seelenhaushalt, in dem sich nationales Gut und Böse die Waage halten, wird die bald einrückende Generation nicht übernehmen. Sie würde Schlange stehen um eine Einlasskarte, während die Vorstellung längst zu Ende ist. Nachdem heimische Arbeitsmärkte nicht mehr Auskommen und bequemen Lebensabend garantieren, werden auch sonstige Karrierevoraussetzungen der vorhergehenden Generation an Bedeutung verlieren. Für die nächste Generation sieht das eigene Land und die Welt draußen anders aus. Was für die derzeitige Regierungsklasse noch skandalös, erschreckend und unsensibel erscheint, wird für die kommende Generation Alltag sein. Sie wird nicht mehr dem politischen Moralismus der Jetzigen folgen, sondern den gleichaltrigen Europäern und im Umgang mit ihnen ihr Selbstverständnis bauen. Sie muss auf Herausforderungen reagieren, über die sich die Jetzigen noch hochnäsig erheben können:

Es ist der Kampf der Kulturen um ihren Eigensinn und um ihr Überleben; Menschen sind bereit, den globalen und neuliberalen Auflösungstendenzen zu trotzen. Die heraufziehende Generation wird die Grenzen Europas bestimmen.

Es ist als nächstes das Aufflackern der Religionen und ihre vertrauensbildende Rolle in einer entgrenzten Welt zu nennen. Sie reizen den aufgeklärten Europäer so lange, bis er sich wieder seiner eigenen Religion erinnert. Wer dann behauptet, er sähe von seiner Wohnung in Frankfurt, München oder Hamburg aus seelenruhig mit multikultureller Miene einem Moscheebau zu, lügt schlechterdings.

Die Sorge, die einzelnen Lebensstadien zu bewältigen, war eine Angelegenheit des Wohlfahrtsstaats. Sie wird zur ökonomischen Sorge werden; die alternde und schrumpfende Bevölkerung wird sich selbst korrigieren müssen, will sie einem schleichend vergrößerten Desaster entgehen.

Diese Fakten lösen Reaktionen aus, hinter denen die derzeitige politische Klasse den Anfangsverdacht nationalistischer Entgleisung und Rückfälligkeit wittert; aufgrund ihrer Mentalität, die sich in lange zurückliegenden Luxusphasen gebildet hat, können sie sie nicht als Weltbewegung begreifen. Die junge Generation wird das Verhältnis von Gesellschaft und Rechtsextremismus neu bestimmen. Das wird und darf nicht nachsichtiger ausfallen, was seine Worte und Taten anlangt. Die Inhalte werden sich aber deutlich verschieben.

Josef Schmid, Bevölkerungswissenschaftler, geboren 1937 in Linz/Donau, Österreich, zählt zu den profiliertesten deutschen Wissenschaftlern auf seinem Gebiet. Er studierte Betriebs- und Volkswirtschaft sowie Soziologie, Philosophie und Psychologie. Seit 1990 ist Schmid Inhaber des Lehrstuhls für Bevölkerungswissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Seine Hauptthemen: Bevölkerungsfragen der industrialisierten Welt und der Entwicklungsländer, Kulturelle Evolution und Systemökologie. Schmid ist u.a. Mitglied des Kuratoriums des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, Wiesbaden, Mitglied der International Union for the Scientific Study of Population (USSP) und der European Association für Population Studies (EAPS). Veröffentlichungen: Einführung in die Bevölkerungssoziologie (1976); Bevölkerung und soziale Entwicklung (1984); Das verlorene Gleichgewicht - Eine Kulturökologie der Gegenwart (1992); Bevölkerung - Umwelt - Entwicklung. Eine humanökologische Perspektive (1994); Sozialprognose - Die Belastungen der nachwachsenden Generation (2000). Außerdem zahlreiche Veröffentlichungen in Fachzeitschriften, in der Presse und im Rundfunk.



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