Politisches Feuilleton
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12.2.2005
Das unverwechselbare Ich
Jugend, Mode und Sampling
Von Hannelore Schlaffer

Jenseits der Modeindustrie - Jugendkultur (Bild: AP)
Jenseits der Modeindustrie - Jugendkultur (Bild: AP)
Ihre modische Individualität stellen Jugendliche heutzutage durch Mischung her, wofür sie den Ausdruck "Sampling", die Kopie akustischer Versatzstücke, aus der Unterhaltungsmusik beziehen. Die Jugendmode verzichtet weitgehend auf Modeschöpfer; sie "sampled" ihr Outfit selbst.

Jede Stadt hat heute ihren "Schülerboulevard", wo das Taschengeld ausgegeben wird. Das Samplen beginnt mit einem kalorienreichen Imbiss bei einer Fastfood-Kette, worauf die Musterschau bei "H & M", "S. Oliver", "Zappa", "Benetton" folgt. Wendige Mädchen und flinke Bürschchen huschen von einem Stapel Pullover zum nächsten, um herauszufinden, welches der Ton ist, aus dem sie ihr Ich kreieren können.

So entlässt die Mall Figuren, bei denen zur Jeans auch ein Spitzenoberteil gut aussieht, zum Hipster eine Strickjacke, zur Jalousie-Hose ein Radfahrerdress. Abenteurerhosen mit vielen Taschen, in denen der Surviving Kit unterzubringen ist, können die Knaben mit einem eng anliegenden Unterhemd kombinieren, so als frören sie bei ihren Landnahmen nie. Zum "Sampling" gehören auch die "Basics", die ausdrucklose Grundausstattung aus Shirt und Hose, und oft genügt ein Gag, um an die Allerweltskleidung einen exotischen Touch hinzuzaubern: ein freier Nabel erinnert an die indische Kultur, der frech über den Hosenbund herausschauende Tanga an Ferien in Afrika. Ohne Gürtel aber kommt keine dieser Ausstaffierungen aus. Die Taille bei den Buben, die Hüfte bei den Mädchen ist der Äquator, an dem die unzusammenhängenden Zonen von Oberteil und Unterteil aufeinander treffen.

Die individuelle Note muss über die Mischung hinaus noch einmal betont werden, und das geschieht durch die Gestaltung von Kopf und Fuß. Beim Hairdressing sind die Knaben - weil sie ja bald als Mann zu lebenslänglicher Sachlichkeit verurteilt sind - kühner als die Mädchen: kurz geschorene Rattenfelle, Glatzköpfe, in giftigen Farben getönte Stoppeln ergeben den schrägen Typ, der von sich glauben kann, über die Kopie hinaus gewachsen zu sein. An den Füßen Sneakers, Loafers, Keds, Joggingschuhe, Timberlands, Doc Martens, schwarze Stiefel mit Stahlkappen, aber auch elegante City-Stiefel machen aus der Markenware das Individuum.

In diesem Modemix kann man die Jugendlichen über ihre Boulevards flanieren sehen, und dem Erwachsenen, der der Prozession immer gleicher Schatten zusieht und wenig Nuancen erkennen kann, verwundert der zur Schau getragene Stolz. Für ihn war zeitlebens ein schönes Kleid der Inbegriff von Mode gewesen und Individualität die Kühnheit, eine ausgefallenen Kreation zu tragen. Sein Verständnis für das jugendliche Gehabe scheitert am gewandelten Begriff von Mode. Der Erwachsene geht von der Erscheinung aus, die heutige Jugend findet ihr Glück im "Machen", im Herstellen eines Gemischs. Sie genießt sich weniger als Produkt denn als Produzent und erinnert sich bei der Promenade des kennerischen Einkaufs, des künstlerischen Aktes, der die Erscheinung hervorbringt.

Deshalb verhalten sich in diesem Modeauftrieb Knaben wie Mädchen gleich. Frauen waren früher Schauobjekte gewesen, die sich zeigten, um beurteilt zu werden. Die Männer verhielten sich zurückhaltend und prüfend, die Frauen auffällig, bewegt, kokett. Frauen und Männer waren getrennt wie Schauspieler und Zuschauer. Heute genießen beide Geschlechter Einkauf und Auftritt, Bastelei und Schauspiel auf dieselbe Weise.

Die Moden vom Laufsteg sind auf den Straßen kaum je noch zu sehen. Teure Modemacher, wie Joop und Calvin Klein, müssen, wenn sie Erfolg haben wollen, das Sampling für die reiche Frau möglich machen. Viel nützt ihnen das nicht, denn am liebsten folgen die Mütter den Töchtern in die Kaufhäuser auf den Jugendboulevards in der Hoffnung, unter der Garderobe für die Nichtausgewachsenen ein Stück zu finden, in das ihre weiblich entwickelte Figur hineinpasst. Die reiche Frau im billigen Laden - das ist heute keine Seltenheit mehr. Trendsetter sind die jüngsten Mädchen mit dem kleinsten Taschengeld.

Selbst populäre Modezeitschriften wie "Brigitte", "Für Sie", "Freundin", sind auf dem Gebiet der Mode nur noch Einkaufsführer und Katalog. Selbst der Popstar, nach dessen Muster sich die Jugend ja gerade sampled, sieht ja so aus, als habe er gerade in derselben Kaufhauskette eingekauft wie sein Fan. Im Fernsehen liefert er den Umriss, das Kaufhaus stellt die Ware, die Musik gibt das Stichwort - und aus allem entsteht das unverwechselbare ICH.

Hannelore Schlaffer, geboren 1939, ist apl. Professor für Neuere deutsche Literatur an den Universitäten Freiburg (1982-1996) und München (1996-2001) und lebt als freie Schriftstellerin in Stuttgart. Sie ist ständige Mitarbeiterin mehrerer Zeitungen und Rundfunksender. In der Literaturwissenschaft hat sie Aufsätze und Bücher vor allem zur Literatur der deutschen Klassik und Romantik verfasst, zum Beispiel "Wilhelm Meister. Das Ende der Kunst und die Wiederkehr des Mythos" (198o); "Epochen der deutschen Literatur in Bildern. Klassik und Romantik 1770-1830" (1983); "Poetik der Novelle" (1993). Aus ihrer schriftstellerischen Tätigkeit bei Zeitungen und Rundfunkanstalten ging der Band hervor: "Schönheit. Über Sitten und Unsitten unserer Zeit" (1996).
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