Politisches Feuilleton
Politisches Feuilleton
Montag bis Samstag • 7:20
14.2.2005
Was die Deutschen anrichten
Von Peter Frei

Peter Frei (Bild: SWR)
Peter Frei (Bild: SWR)
Stellen Sie sich für einen Moment vor: Jemand soll auf einem anderen Stern in einer fernen Galaxie deutsche Fernsehprogramme analysieren. Nach ein paar Beobachtungswochen gibt er seinen Bericht:

"Die Deutschen sitzen mit anderen Deutschen zusammen und diskutieren, meistens sehr heftig. In der übrigen Programmzeit kochen Meisterköche den Deutschen was vor, anschließend erteilen Fernsehärzte den Rat, das Gekochte nach Möglichkeit nicht zu essen."

Das ist eine etwas einseitige Darstellung der deutschen Fernsehlandschaft werden Nachrichtenredakteure und Entertainer wie Jauch und Gottschalk mit Recht sagen. Aber ganz falsch ist die knappe Zusammenfassung unseres Beobachters von der fernen Galaxie nicht. In unseren Programmen - um nur bei einer Sparte zu bleiben - wird gekocht und gekocht. Es vergeht kein Programmtag, an dem nicht zwei bis drei Köche und Köchinnen demonstrieren, wie Großmutter einst kochte mit viel guter Butter oder wie ein Früchtespieß auf Piniencouscous und an Balsamicovinaigrette angerichtet wird.

Da stehen die Sterne-Köche vor der Kamera und versuchen unseren Geschmack zu fördern und auch ihr eigenes Geschäft. Den selbst gemischten Essig hat der Sternekoch längst in den Regalen der Feinkostabteilungen im Angebot, mit seinem Namenszug auf der Flasche.

Im Winter frische Kräuter, importierte Erdbeeren, je nach Jagdsaison Wildschwein oder Reh, Keule vom Salzwiesen-Lamm im Frühling an chinesischem Lychie-Mus. Die Sterne-Köche sagen gerne "an" nicht "mit". Ganz billig sind diese kulinarischen Schöpfungen nicht, egal ob "an" oder "mit". Die Currywurst ist hier kein Maßstab.

Erstaunlich ist nur: Die Deutschen - zur anspruchsvollen Küche per Bildschirm animiert, ja geradezu erzogen - räumen nach einer neueren Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung GfK dem Preis gegenüber der Qualität Vorrang ein. Zwei von drei Deutschen kaufen lieber billigere Lebensmittel sobald sie sich zwischen Qualität und Preis entscheiden müssen. Die Italiener machen es genau umgekehrt, zwei von drei geben der Qualität den Vorrang.

Was ist mit den Deutschen los? Da werden sie täglich von den Fernsehköchen zur feineren Küche überredet, da leisten sie sich ganze Bibliotheken mit Kochbüchern und lassen gelegentlich Speisekarten in Restaurants und Menukarten bei Hochzeiten mitgehen. Und dennoch hecheln sie nach Sonderangeboten und ertränken jeden Zweifel an Qualität in einer Tütensoße.

Vielleicht verhilft eine weitere Untersuchung der GfK zur richtigen Einschätzung. Die Österreicher zum Beispiel gehen lieber und öfter in Restaurants oder Gaststätten als die Deutschen. Wir dümpeln irgendwo im unteren Mittelfeld der Befragten herum als Ausgehmuffel. Wir richten lieber zuhause an, verzehren unsere Sonderangebote, sparen das Geld für den Babysitter und verpassen auch nicht die Sendung mit dem Fernseharzt, der uns erklärt, wie wir das Übergewicht verlieren können, das wir uns mit Cheeseburgern angefuttert haben.

Kann es nicht ganz einfach so sein, dass die Mehrheit den Euro in diesen Zeiten zweimal umdreht, bevor er ausgegeben wird. Der immer wieder beobachtete selbstauferlegte Sparzwang der Deutschen in härteren Zeiten spricht dafür. Von ihren Urlaubsreisen haben sie zwar viele Erfahrungen im Umgang mit neuen exotischen Speisen mitgebracht. Wir wissen auch, dass sie dem kulinarischen Experiment durchaus mit Interesse gegenüberstehen und diese Aufgeschlossenheit zuweilen als ersten Schritt in die multikulturelle Gesellschaft empfinden; aber wenn sie sparen, dann sparen sie. Die Fernsehköche dürfen anrichten, um Illusionen zu nähren in Anlehnung ans Window-Shopping gewissermaßen Glotzen-Cooking Darüber könnte man noch lächeln, denn Geiz soll ja angeblich geil sein. Aber dieses Lächeln erstirbt schnell.

Da ist die Rentnerin vor mir an der Kasse im Supermarkt. In der Schlange am Fließband - ohne Datenschutz - sehe ich, was sie kaufen will, nämlich die billigsten der Sonderangebote. Ihr Speiseplan richtet sich nicht nach den Fernsehköchen und nicht danach, was sie am liebsten essen möchte, sondern danach, was am wenigsten kostet. Sie zählt ihre Cents Stück für Stück auf den Kassentisch. So geht es heute Millionen von Rentnern, Millionen von Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern. Sie finden sich auch in der Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung wieder. An dieser Wirklichkeit kochen die meisten Fernsehköche vorbei. Ein Programm für einen einfallsreichen Koch nach der Devise, mit Billigstangeboten Qualität kochen, könnte ein Quotenrenner werden.


Peter Frei, Jahrgang 1934, war zunächst Redakteur bei der NRZ. 1962 ging er zum Deutschlandfunk und 1967 nach Baden-Baden zum SWF. Er war zehn Jahre lang Korrespondent in London, danach in Bonn, von 1991 an Chefredakteur des SWF und von 1993 bis 1998 sein Hörfunkdirektor.

-> Politisches Feuilleton
-> weitere Beiträge