Politisches Feuilleton
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15.2.2005
Das Ende des deutschen Sonderweges: sogar im Fußball
Von Norbert Seitz

Norbert Seitz (Bild: privat)
Norbert Seitz (Bild: privat)
Seit drei Wochen zieht die Schiedsrichteraffäre immer weitere Kreise. Der Imageschaden für den Veranstalter der nächsten WM 2006 ist beträchtlich.

Die Schadenfreude prustet aus vielen auswärtigen Gazetten. Endlich ist auch der ewig als Musterknabe sich gerierende deutsche Fußball auf dem Boden der korruptiven Tatsachen gelandet.

Kein Wunder also, dass sich mittlerweile auch der für Sport zuständige Innenminister Schily mahnend eingeschaltet hat und vom Deutschen Fußballbund mit Blick auf das Großevent im nächsten Jahr eine lückenlose und rasche Aufklärung verlangt.

Ganz gleich, wie die Affäre auch enden mag, ihre juristische wie publizistische Aufarbeitung hat bislang deutlich gemacht, wie hier öffentliche Skandale abgewickelt werden.

So reicht der Fall des betrügerischen Referees Robert Hoyzer von der Verdrängung erster Verdachtsmomente über die hektische Schadensbegrenzung bis zur Resozialisierungsshow bei Johannes B. Kerner.

Als der Verdacht gegen Hoyzer bekannt wurde, wiegelten Teile des DFB ab. Leise Zweifel an Spielergebnissen mochten die Saubermänner des größten Sportverbandes der Welt nicht gelten lassen.

Gemeinschaftlich wurden Verdachtsmomente verschleppt und dabei offenbar Ignoranz mit Treuepflicht und Verdrängung mit Patriotismus verwechselt.

Nach Hoyzers Geständnis jedoch kam der Hinweis auf eine dubiose "kroatische Wettmafia" gerade recht, um die Schuld solange wie möglich externalisieren zu können.

Hektik und Aktionismus brachen aus, die Beweisaufnahme fand plötzlich wie zum Alibi der eigenen Versäumnisse auf allen privaten Nachrichtenkanälen statt.

Und auf einer live ausgestrahlten Pressekonferenz versuchte sich ein beschuldigter Schiedsrichter per Video wie ein Sektenprediger aus der Affäre zu ziehen.

Mitunter drängte sich der schlimme Eindruck auf, dass die Fußball-Offiziellen bei der Aufklärung einen ähnlich hilflosen Eindruck machen wie die Politik bei der aufgeregten Bekämpfung des Neonazi-Sumpfes.

Der Hauptschuldige indes zog alle Register der medialen Zerstreuung. Nach einem "Geständnis unter Tränen" versuchte ihn seine Anwaltskanzlei als Kronzeugen aufzubauen, ohne dessen Insiderwissen der Skandal nicht aufgeklärt werden kann.

Bei Johannes B. Kerner in der Talkshow schämte sich Robert Hoyzer 45 Minuten lang so effektvoll, dass man meinen konnte, der arme verführte Junge sei da in irgendeine unangenehme Sache hineingeraten.

Sogar ansonsten als seriös bekannte Kommentatoren erbarmten sich seiner und sprachen "von einer Mischung aus öffentlichem Beichtstuhl und stalinistischem Schauprozess", die Hoyzer bei Kerners bohrenden Fragen habe über sich ergehen lassen müssen.

Doch noch ehe der gewiefte Ex-Schieri weiter auf Mitleids-Tournee gehen konnte, schlug die Staatsanwaltschaft zu und ließ ihn festnehmen.

Die Affäre beweist, wie der hiesige Fußballbetrieb stets von Neuem zur Verabschiedung seines deutschen Sonderwegsdenken getragen werden muss - erst der fragwürdige WM-Zuschlag für Deutschland, danach die Daum-Affäre, der aufgeflogene Pakt des FC Bayern mit Leo Kirch, der Münchener Stadion-Bestechungsskandal, der Finanzruin der einst als hochseriös geltenden Dortmunder Borussia.

Noch vor kurzem wurde damit geprahlt, dass die Bundesliga im internationalen Vergleich zwar nicht mehr die spielstärkste Klasse in Europa stelle, wie früher gern behauptet, dafür ginge es aber zwischen Rostock und München immer noch am seriösesten zu - wenn man die notorischen Schiebereien im Ostblock oder Italien zugrunde lege - vom Korruptionssumpf in Südostasien nicht erst zu reden.

Auch Überreaktionen von Seiten der Opfer machen deutlich, wie sehr man bei uns den Fußballbetrieb als ein alles in allem immer noch vorbildliches Familienidyll anzusehen scheint.

So vergaloppierte sich der inzwischen abgefundene HSV-Präsident, als er herumpolemisierte, dass die Nation mit dem Niedergang des Urvertrauens in den deutschen Schwarzkittel endgültig zur "Bananenrepublik" verkommen sei.

Irrtum, sagt uns da Staatsanwalt Wolfgang Schaupensteiner: "Der Mensch ist geldgierig und rachsüchtig. Wo investiert wird, wird geschmiert. Wo viel investiert wird, wird viel geschmiert." Offenbar sei der ganz banale Grundsatz noch nicht in der heilen deutschen Fußballwelt angekommen: Wo es um viel Geld geht, ist die Bestechung meist nicht fern.

Hinzu kommt, dass die Sportwette auf dem besten Weg ist, zu einem legitimen Wirtschaftszweig aufzusteigen. Deshalb vermutet auch der Publizist Harry Nutt, der gegenwärtige Fußballskandal könne für die Wetter auf dem Markt eine geradezu kathartische Wirkung nach sich ziehen. Denn - so Nutt - in der Wirtschaftstheorie gebe es veritable Stimmen, die längst von der Kultur schaffenden Kraft der Korruption ausgingen.

Norbert Seitz, geboren 1950 in Wiesbaden, promovierter Politologe, ist verantwortlicher Redakteur der politischen Kulturzeitschrift "Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte"; schreibt u.a. für den "Tagesspiegel", die "Frankfurter Rundschau" und verschiedene Magazine. Letzte Buchveröffentlichung: "Doppelpässe - Fußball & Politik", 1997.
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