Politisches Feuilleton
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17.2.2005
Zweierlei Maß
Von Marianne Theil

Bundesaußenminister Joschka Fischer (Bild: AP)
Bundesaußenminister Joschka Fischer (Bild: AP)
Die Opposition arbeitet derzeit - mit Blick auf die Bundestagswahl 2006 - genüsslich an der Demontage des Außenministers, indem sie ihm Versäumnisse aus der jüngsten und der fernen Vergangenheit um die Ohren haut, die er nun keineswegs alle zu verantworten hat.

Wir sprechen hier nicht etwa vom Visa-Skandal, sondern von der neu verfügten so genannten Gedenkpraxis des Auswärtigen Amtes für seine verstorbenen Pensionäre, die früher NSDAP-Mitglieder waren. Diese Verfügung von Joschka Fischer ist, 55 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik, so deutsch wie es nimmer geht. Und unter den Ruheständlern des Amtes sorgte sie für helle Empörung und geradezu emotionalen Aufruhr.

Gehen wir einmal davon aus, dass Franz Krapf und Franz Nüßlein dem Auswärtigen Amt und damit der Bundesrepublik treu und brav gedient haben. Trotzdem kann in Nüßleins Fall eine tadellose Beamtenlaufbahn nicht aufwiegen, dass er als Nazi-Verbrecher verurteilt worden ist.

Anders der Fall Krapf, seit 1938 Attache im damaligen AA. Gewiss war er nicht nur ein einfacher Mitläufer des Hitler-Regimes. Seine Vita ist eine typisch deutsche Karriere der Vor- und Nachkriegszeit mit all den Widersprüchen zwischen seinen Angaben über seine Nazi-Zeit und den Akten des BerlinDocumentCenters.

Joschka Fischers Verfügung ist, 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, überfällig und ungerecht zugleich. Allein die Mitgliedschaft in der NSDAP kann nicht der Maßstab für die Beurteilung des persönlichen Verhaltens in der NS-Zeit sein, sondern nur die Prüfung des Einzelfalls.

Als Willy Brandt Mitte der sechziger Jahre Außenminister der großen Koalition wurde, verzichtete er weise auf Verfügungen a la Fischer. Er werde seine AA-Beamten nicht danach beurteilen, sagte er, "was sie in der Vergangenheit getan haben, sondern lediglich danach, wie sie sich jetzt verhalten".

Nun also will Fischer die Versäumnisse der fünfziger Jahre bei der Einstellung und Beförderung von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern mit einem Federstrich gutmachen. Das kann nicht gelingen und so wird ein toter Ex-Nazi selbst für einen Politiker der Nachkriegsgeneration zum Problem. Der ehemalige Antifa-Sponti Joschka Fischer will sich übereifrig von jedem Verdacht befreien, er gehe angesichts des bedrohlich Zulaufs zu den Neonazis zu lasch mit den Überresten des Nazi-Regimes um und dabei verheddert er sich in seinem Bestreben nach politischer Überkorrektheit.

Die Gedenkpraxis- Verfügung des Außenministers zeigt die moralische Hybris einer Generation gegenüber der vorhergehenden. Für sich selbst und für seine engsten Mitarbeiter beansprucht Joschka Fischer, früher immerhin als Verfassungsfeind eingeordnet und beim Steinewerfen erwischt, was er anderen verweigert: nämlich dazu gelernt zu haben, wörtlich Fischer: "das Recht, politische Auffassungen zu ändern".

Dürfen politische "Jugendsünden" mit zweierlei Maß gemessen werden? Wie sind die "Jugendsünden" der 68er-Generation mit ihren intellektuellen Spielereien heute zu beurteilen und wie die "Jugendsünden" von Nazis, die aktiv in den Organisationen eines verbrecherischen Regimes gearbeitet haben?

Zweierlei Maß und Doppelmoral auch bei der Wiedervereinigung: Kein einziges SED-Mitglied aus dem DDR-Außenministerium wurde ins Auswärtige Amt übernommen. Verständlich bei den älteren Diplomaten. Aber gab es nicht etliche etwa 30-Jährige, denen man die SED-Mitgliedschaft als "Jugendsünde" hätte nachsehen können, so, wie es die Altvorderen der AA- Pensionäre nun für ehemalige Nazis fordern?

Zu fragen ist ja auch, weshalb eigentlich kein AA-Ruheständler protestierte, als dem vorhin erwähnten Nüßlein, also einem verurteilten Kriegsverbrecher, nach dessen Tod in der Hauspostille des AA "Ein ehrendes Andenken" zugesagt wurde?

Dass ehemalige NSDAP-Mitglieder des AA fast nahtlos wieder die Macht- und Funktionseliten des westdeutschen Staates bilden konnten, das gehört zur Geschichte des Auswärtigen Amtes. Sie wurde bisher nicht geschrieben. Aber vielleicht passiert das wenigstens bis zum 65. oder zum 70. Jahrestag des Kriegsendes.

Marianne Theil, Journalistin, langjährige Korrespondentin für verschiedene Medien in Bonn, Wechsel in die Wirtschaftsredaktion des WDR Köln (Hörfunk), für WDR /ARD Korrespondentin in Brüssel, Washington D.C. und Berlin, jetzt freie Journalistin in Berlin.

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