Politisches Feuilleton
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22.2.2005
Cowboy-Karikaturen werden langweilig
Bush und das "alte Europa" - entspannter?
Von Robert B. Goldmann

Der belgische Premierminister Guy Verhofstadt und sein US-amerikanischer Gast George W. Bush (Bild: AP)
Der belgische Premierminister Guy Verhofstadt und sein US-amerikanischer Gast George W. Bush (Bild: AP)
Wenn man Europas Zeitungen liest, stehen Amerika, und besonders George W. Bush, fast täglich auf den Titelseiten - und meistens kritisch. In scharfem Gegensatz hierzu spielt Europa in den amerikanischen Medien, selbst in der liberalen "New York Times", eine sehr untergeordnete Rolle.

Es handelt sich hier nicht um Feindschaft oder Nichtachtung. Vielmehr leben wir seit dem 11. September, und beginnend schon mit dem Zerfall der Sowjetunion, in einer anderen Welt mit neuen Prioritäten. Dazu kommen schwierige innenpolitische Fragen. Außenpolitisch deutet alles darauf hin, dass Bush der Diplomatie Vorrang geben will, um Freiheit und Demokratie - das Hauptthema seiner Antrittsrede - zu fördern.

Wenn man in Europa gebetsmühlenhaft Kritik übt und die amerikanischen Wähler, die Bush mit einer Dreieinhalb-Millionen-Mehrheit weitere vier Jahre im Weißen Haus behalten wollen, als dumm und ungebildet verhöhnt, mag es dem Gemüt gut tun, aber es ändert nichts an der politischen Wirklichkeit. Und die Amerikaner interessiert es nur am Rande.

Andererseits sollte Bush lernen zuzuhören, wenn traditionelle Partner und verantwortungsbewusste Kritiker sprechen. Dieser Prozess kam mit der Reise der neuen Außenministerin Rice in Gang, und soll jetzt mit den Besuchen des Präsidenten in Europa fortgesetzt werden. Ein ernster und realistischer Dialog zwischen Washington, Paris und Berlin, der die Bedeutung der beiden großen kontinentalen Mächte anerkennt, könnte die europäische Rolle wieder ins amerikanische Gespräch bringen.

Es wäre unrealistisch, eine Wandlung von heute auf morgen zu erwarten. Zuviel Ärger und überspannte Kritik, die den amerikanischen Präsidenten als einen Idioten oder Tolpatsch charakterisiert, hat die Atmosphäre vergiftet. Die Europäer wollen weniger von Amerika abhängig sein. Das Wort dafür ist "Multipolarität". Wenn man einen relativ gut informierten Amerikaner fragt, was das bedeutet, zuckt er mit den Achseln. Zu viele dringendere und konkrete Probleme fordern seine Aufmerksamkeit.

Kurzum, die Anti-Bush- und antiamerikanische Stimmung in Europa wirbelt in den USA wenig Staub auf. Wohl sind Demonstrationen gegen Bush einen oder zwei Tage lang eine "story", aber Europa ist kein bleibendes Thema; weil man keine Zeit hat, sich mit alten Partnern zu streiten, wenn neue Konflikte drohen, sei es im Mittleren oder im Fernen Osten.

In amerikanischen Regierungskreisen bedauert man zwar - und die Opposition gibt Bush die Schuld daran - dass sich zwei enge Freunde in Europa der Politik Washingtons widersetzen. Aber die Amerikaner sind nun im Irak, akzeptieren dafür die Verantwortung und haben nach der Wahl im Januar durchaus Grund, sich der demokratischen Anfänge dort zu erfreuen. Man muss den eingeschlagenen Weg weitergehen, um einem souveränen und demokratischen Irak eine Chance zu geben.

Doch es geht um mehr als den Irak. Man hat in Washington eingesehen, dass man es nicht bei Reibungen und Meinungsunterschieden belassen kann. Daher die Reisen von Frau Rice und Präsident Bush, die Europa wieder in den Vordergrund der Politik Washingtons treten lassen. Vielleicht wird die diplomatische Initiative Washingtons auch bei den Europäern neue Töne auslösen. Jedenfalls werden die Cowboy-Karikaturen auf die Dauer langweilig und uninteressant, und es liegt im Interesse beider Seiten, sich wieder aufeinander zu zu bewegen.

Die Amerikaner sollten nach Brüssel, Mainz und einem neuen Chirac-Bush-Treffen einsehen, dass es wohl hie und da ohne Europa gehen mag, aber nicht immer - und auf jeden Fall besser zusammen. Frau Rices Vorgänger Colin Powell hatte das von Anfang an so gesehen, sich aber im Weißen Haus nicht durchsetzen können. Auch seine Nachfolgerin sieht in der Diplomatie klar das Hauptwerkzeug politischen Handelns. Und sie findet, anders als Powell, Gehör bei ihrem Chef. Nicht mehr lange, und wir werden wissen, ob in den Beziehungen zwischen Washington und den Europäern eine neue Phase begonnen hat.

Robert B. Goldmann wurde 1921 als einziger Sohn eines jüdischen Landarztes in einem Odenwalddörfchen geboren. Er machte in Frankfurt am Main Abitur. Kurz darauf verließ die Familie Deutschland und kam 1940 über Großbritannien nach New York. Goldmann schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, um sein Studium zu finanzieren. Er war viele Jahre lang Journalist, bevor er sich sozial- und entwicklungspolitischen Aufgaben in der Dritten Welt widmete und schließlich ein Wegbereiter für die deutsch-jüdische Verständigung wurde. 1996 veröffentlichte er sein vielbeachtetes Buch "Flucht in die Welt", eine Lebens- und Familiengeschichte. Goldmann arbeitete lange für die Anti-Defamation League in New York und publiziert noch immer in amerikanischen und deutschen Medien.
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