Politisches Feuilleton
Politisches Feuilleton
Montag bis Samstag • 7:20
23.2.2005
Der Fall Joseph Fischer
Oder: Die Linke und die Macht
Von Alan Posener

Alan Posener (Bild: privat)
Alan Posener (Bild: privat)
Joschka Fischer. Was soll man da noch sagen? Es gehört inzwischen zum guten Ton, den Außenminister zu kritisieren. Doch was zu weit geht, geht - nun ja - zu weit. In der linksliberalen "Süddeutschen Zeitung" zum Beispiel wird Fischer vom Stellvertretenden Chefredakteur Kurt Kister als "größter Amtierender Außenminister aller Zeiten" apostrophiert. Die Anspielung ist klar. Es geht um den größten Feldherrn aller Zeiten, den Gröfaz, um Adolf Hitler.

Im selben Leitartikel, - wohl nach dem Motto: wenn schon, denn schon - bezeichnet Kister die FDP als "Westerwelles Freikorps". Die Liberalen werden also gleichgesetzt mit den marodierenden Mördern, die 1919 den weißen Terror nach Berlin und München trugen. Man stelle sich vor, ein Edmund Stoiber, immer für dumme Vergleiche gut, hätte Fischer mit dem Gröfaz verglichen. Man stelle sich vor, ein Guido Westerwelle hätte Kisters "Süddeutsche" mit irgendeinem völkischen Freikorps-Blättchen verglichen. Die Empörung wäre allgemein. Und zu recht. Aber Linke dürfen das.

Sie dürfen das, weil sie ja die Guten sind. Dass die NPD am 8. Mai am Brandenburger Tor vom "Bomben-Holocaust" schwadroniert - Unmöglich! Demos Verbieten! Bannmeile erweitern! Anständige aufgestanden! Schlagstöcke raus! Dass die Relativierung des Holocaust zuerst von den Linken betrieben wurde, die durch Deutschlands Straßen mit dem Ruf "USA-SA-SS!" stürmten - das gehörte, wie Antje Vollmer gesagt hat, zur "Zivilisierung" dieses faschistisch verseuchten Landes.

Ist ja auch lange her. Aber so lange her ist es wieder nicht, dass der deutsche Kanzler am ersten Tag des Irak-Kriegs im Fernsehen zur Nation sprach und den gewaltsamen Sturz des Diktators Saddam Hussein mit der Begründung ablehnte, gerade wir Deutschen wüssten, was der Krieg für Leid über unschuldige Menschen bringe. Was ja entweder hieß, den Irak-Krieg mit Hitlers Krieg gleichzusetzen, wie es Gerhard Schröders Justizministerin tat, oder den Krieg gegen den Diktator Hitler mit dem Verweis auf die Leiden der Zivilbevölkerung nachträglich delegitimieren. Linke dürfen das.

Man stelle sich vor - und damit sind wir wieder bei Fischer: Man stelle sich vor, eine konservativ-liberale Regierung, also ein von Guido Westerwelle geleitetes Außenministerium, hätte zu verantworten, dass über Jahre hinweg unter dem Motto "im Zweifel für die Freiheit" Lohnsklaven nach Deutschland gebracht, auf dem Arbeiterstrich angeboten und von skrupellosen Unternehmern ausgebeutet würden, die anschließend ihre unversteuerten Profite bei Huren verjubelten - Huren, die ebenfalls von Schleusern ins Land geschleppt und wie Sklavinnen gehalten würden. Würde ein Joschka Fischer es sich nehmen lassen, diesen Rückfall in den brutalsten Frühkapitalismus zu geißeln, den Begriff "Freiheit" weidlich auszuschlachten, und schließlich den Außenminister der Zuhälterei zu bezichtigen? Natürlich nicht. Linke dürfen das.

Und natürlich darf Joschka Fischer sein Amt behalten. Nicht, weil es an Beweisen fehlte, dass er in der Visa-Affäre grob fahrlässig gehandelt hat. Schon gar nicht, weil er als Außenpolitiker so erfolgreich wäre: Amerika ist verärgert, die NATO geschwächt, Europa gespalten, der EU-Sitz im Sicherheitsrat - immerhin in der rot-grünen Koalitionsvereinbarung als Ziel festgelegt - zugunsten deutscher Sonderambitionen aufgegeben. Wie Frankensteins Monster taumelt das renationalisierte Land durch die Weltpolitik, und niemand kann so recht erklären, was es will, am wenigsten der Außenminister.

Aber für Gerhard Schröder ist Joschka Fischer unverzichtbar. Nicht wegen der Außenpolitik. Es geht ja 2006 um den Kampf zwischen der ostdeutschen Protestantin Merkel und dem Leichtmatrosen Westerwelle einerseits und dem Gerd und dem Joschka andererseits, nicht wahr. Und der Gerd mit seinen fünf Millionen Arbeitslosen und der Joschka mit seinen Sklavenarbeitern, die sind ein Bollwerk gegen den unsozialen, neoliberalen Kurs von CDU und FDP. Aber Spaß beiseite: Können Sie sich Claudia Roth als Außenministerin und Spitzenkandidatin vorstellen? Eben. Andrea Fischer musste gehen, weil sie einen Brief übersehen hat, Rudolf Scharping musste gehen, weil er sich ein paar Anzüge schenken ließ. Joschka Fischer aber ist alternativlos, und deshalb wird Fischer bleiben, ganz gleich, was beim Untersuchungsausschuss herauskommt. Es geht ja nicht um die Wahrheit, es geht um die Macht. Ja, aber darf man so denken? Linke dürfen das.

Alan Posener, 1949 in London geboren, aufgewachsen in London, Kuala Lumpur und Berlin, studierte Germanistik und Anglistik an der FU Berlin und der Ruhr-Universität Bochum. Er arbeitete anschließend im Schuldienst, dann als freier Autor und Übersetzer. Von 1999 bis 2004 war er Mitarbeiter der "Welt", zunächst als Autor, dann als Redakteur. Seit März 2004 ist er Kommentarchef der "Welt am Sonntag". Posener publizierte neben Schullektüren unter anderem Rowohlt-Monographien über John Lennon, John F. Kennedy, Elvis Presley, William Shakespeare und Franklin D. Roosevelt, die "Duographie" Roosevelt-Stalin und den "Paare"-Band über John und Jacqueline Kennedy.
-> Politisches Feuilleton
-> weitere Beiträge