Politisches Feuilleton
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24.2.2005
Ästhetisiert, entpolitisiert, banalisiert
Die endgültige Erledigung der RAF
Von Joachim Güntner

Verharmlosung - das war das Erste, was besorgten Gemütern einfiel, als ruchbar wurde, dass die RAF in Berlin zum Thema einer Kunstausstellung werden sollte. Mittlerweile läuft die Ausstellung, die Aufregung hat sich gelegt, aber für viele bleibt der Einzug der Terroristen in das Spiegelkabinett der Kunst anstößig. Als Spielball des Ästhetischen ist die RAF auch in die Mode vorgedrungen. Ihr Logo brachte es zu einem Eigenleben als "cooles" Zeichen auf T-Shirts, und der Slogan "Prada Meinhof", der anfangs als Satire auf die Verwandlung des Terrorismus in Pop-Kultur gedacht war, schmückte zuletzt gar Unterwäsche. Man könnte in dieser durch Kunst und Mode betriebenen, also doppelten Ästhetisierung eine Tendenz am Werke sehen, die auf Verflüchtigung terroristischer Schrecken drängt. Doch als Verharmlosung wäre der Zug der Zeit falsch beschrieben.

Die zeithistorische Publizistik nämlich schlägt ganz andere, sehr harsche Töne an. Was konservative Bürger schon immer gesagt haben - die RAF sei eine fanatisierte Mörderbande mit letztlich niederen Instinkten - kann man sinngemäß jetzt auch in eher linken Publikationen lesen. Gänzlich nackt steht die RAF schließlich da: brutal, atavistisch, psychopathisch, ohne jenes Fünkchen Legitimität, das den Terroristen solange eignete, wie man sie für irregeleitete Weltverbesserer hielt. Nachgerade eine Vorreiterrolle bei der Schrumpfung der RAF auf eine Bande gefährlicher Idioten hat Jan Philipp Reemtsma übernommen, der Mäzen und Leiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Reemtsma findet im Umgang mit der RAF "zu viel Kitsch" und ein zu großzügiges Hinwegsehen über die Brutalität, er zieht gar eine Parallele vom deutschen 70er-Jahre-Terror zum 11. September.

Seine Botschaft: Zum mörderischen Terroristen wird nur der, den ohnehin der Reiz des Tötens lockt. Auch die kürzlich erschienene dickleibige RAF-Geschichte von Butz Peters liest sich wie eine Auflistung von Gewaltverbrechen, für deren Ausführung etwaige politische Ideale eigentlich keine Rolle mehr spielen.

Insbesondere vom Terroristen-Macho Andreas Baader lassen die jüngeren Analysen nur seine Lust an Gewalt, Waffen und schnellen Autos übrig. Nun hat freilich kein intellektueller Sympathisant der RAF jemals auf Baader abgehoben, wenn er sich um Verständnis für den Weg in die Gewalt bemühte. Es waren die Frauen an Baaders Seite, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof, die moralischen Kredit erhielten. Beide hatten einen Pfarrer zum Vater bzw. zum Großvater, wuchsen auf mit Kirchgang, Bibellektüre und Tischgebet. Ihre frühen Begriffe von politischem Ethos kamen von Vätern, die Kritiker der Nazis gewesen waren. Lehrer und Jugendfreunde bescheinigen ihnen Begabung, Redlichkeit, soziales und kirchliches Engagement. Zu Beginn ihrer Politisierung war Ulrike Meinhof eine christliche Pazifistin.

Kein Wunder, dass ihr terroristischer Werdegang lange Zeit als Rätsel erschien. Doch mittlerweile ersetzen einfache Lösungen das ewige Rätselraten: Vor zwei Jahren noch war es die Behauptung, ein nie entfernter Tumor in Meinhofs Gehirn sei schuld. Nun folgt auf die medizinische die sexualkundliche Analyse. Baaders Macht über Frauen sei, dass er deren phallische Wünsche ernst nahm, schreibt die Sozialwissenschaftlerin Karin Wieland. Wenig fehlt, und von der Gründergeneration der RAF bleibt nur eine Menage à trois. Baader-Ensslin-Meinhof: die Geschichte einer Hörigkeit.

Ein Fazit drängt sich auf: Die scheinbar verharmlosende Ästhetisierung der Terroristen in Kunst und Mode einerseits und ihre endgültige moralische Vernichtung durch die jüngere Publizistik andererseits sind gar kein Gegensatz. Beide Male geschieht dasselbe: Die RAF wird ihrer politischen Attribute entkleidet. Dass damals auch helle Köpfe wähnten, Deutschland brauche eine Revolution, weil eine autoritäre Staatsmacht in Kontinuität mit der Nazivergangenheit stehe - all dies spielt in den aktuellen Betrachtungen keine Rolle mehr, es sei denn als leerer Wahn. Doch auch Wahnhaftes kann politische Befindlichkeiten bestimmen.

Die begrüßenswerte Entmystifizierung der RAF muss sich hüten, die Zeitstimmung, in welcher die Bonner Republik um 1970 befangen war, zu unterschlagen. Ausgerechnet der ehemalige FAZ-Herausgeber Joachim Fest erinnert sich an den "Entscheidungsdruck", unter welchem Ulrike Meinhof bei ihrer letzten Begegnung stand, und er sieht sie als Gefangene einer ebenso realitätsfernen wie unerbittlichen Logik, "wonach man für das als richtig Erkannte alles einsetzen dürfe und sogar müsse". Den Bruch mit der bürgerlichen Welt mit einem Gehirntumor zu erklären, lehnt Fest ab, und von "phallischen Wünschen" ist erst recht keine Rede bei ihm. Anscheinend muss man, um von solchen Verkürzungen verschont zu bleiben, heute statt linksliberaler Sozialwissenschaftler besser konservative Skeptiker vom Schlage Fests lesen. Kurios!

Joachim Güntner, Jahrgang 1960, studierte Philosophie und Literaturwissenschaften, bevor er in die freie Publizistik ging. Er war zunächst künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Kunsthochschule für Medien in Köln und schrieb für die Feuilletons überregionaler Zeitungen, für Zeitschriften und für den Hörfunk. Seit 1997 ist Güntner der für Deutschland zuständige Kulturkorrespondent der "Neuen Zürcher Zeitung".
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