Politisches Feuilleton
Politisches Feuilleton
Montag bis Samstag • 7:20
25.2.2005
Quel blamage
Wenn Politiker den Affen machen
Von Klaus Bölling

Klaus Bölling (Bild: privat)
Klaus Bölling (Bild: privat)
'Ich traue meinen Augen nicht.' Diese Redewendung charakterisiert, wie jeder weiß, eine Situation, die überhaupt nicht alltäglich ist, die uns ehrlich verblüfft, mehr noch, die etwas ganz Ungewöhnliches beschreibt, womöglich sogar etwas Anstößiges. Einige Millionen Konsumenten des Fernsehens trauten buchstäblich ihren Augen nicht, denn sie sahen, ohne sich das eine Auge zuzuhalten, einen der prominentesten, wenn auch, böses Wort, abgehalfterten Politiker, als Werbeträger, man könnte auch sagen, noch ein böses Wort, als Reklamefritzen, für einen Pharmakonzern auftreten. Er heißt Norbert Blüm.

Was dem seit seiner Wiederkehr nur noch den gesunden Schlaf stimulierenden Harald Schmidt erlaubt sein muss, müsste sich einem Bundesminister, wenn auch einem außer Diensten, eigentlich verbieten. Er müsste bei einem Anruf der gigantischen Pillendreher sofort den Hörer auflegen. Aber Norbert Blüm, einst bei Opel ein richtiger Malocher an der Werkbank, Mitglied der IG Metall, beherzter Anwalt der Erniedrigten und Gedemütigten, konkurriert neuerdings mit jenem fast schon vergessenen rheinischen Landsmann, einem Boxer namens Peter Müller. Der Faustkämpfer machte im Ring und außerhalb der Seile, wie die Kölner sagen: "de Aap". Nun ist es Norbert Blüm, der auf dem Bildschirm den Affen macht. Vor ihm steht, dem Zuschauer den Rücken zukehrend, ein baumlanger Kerl. Norbert Blüm, gut zwei Kopflängen kleiner, steckt seinen kahlen Kopf zwischen die Beine des hochwüchsigen Statisten, Großaufnahme und 'Nobbi', wie man ihn früher im Kollegenkreis genannt hat, lobt die preiswerten Erzeugnisse des Pharma-Riesen.

Wir trauen Augen und Ohren nicht. Es hatte schon verwundert, dass der allezeit brave Katholik Blüm in eher kindischen Ratespielen des Fernsehens herumturnte. Was ist nur aus dem Mann geworden, der, das sei nicht vergessen, mannhaft gegen Kinderarbeit und diktatorische Regime gestritten hat? Blüm, der Wort- und Anführer der 'Herz-Jesu-Sozialisten', wie man schon zur Adenauer-Zeit den Arbeitnehmer-Flügel der CDU verhöhnt hat, macht sich zum Gespött. Blüm ist es doch gewesen, der in seiner schier endlosen Ministertätigkeit die Interessen der 'kleinen Leute' gegen neoliberale Unionsfreunde zu verteidigen meinte. Sein zum geflügelten Wort avancierter Schlachtruf: 'Die Renten sich sicher.' Sie waren es in seiner Amtszeit nicht mehr und sind es auch heute nicht.

Politiker, auf deren Konto Gelder geflossen sind, für die sie keine Gegenleistung erbracht haben, hundert Mal ist es schon gesagt worden, verunreinigen die demokratische Kultur. Wenn sich aber ein sozusagen linker Christdemokrat zum Clown macht, um einem blendend verdienenden Unternehmen bei der Gewinnmaximierung behilflich zu sein, dann zerstört das die Würde, die eigene sowieso, und es provoziert die Wählerschaft zu dem Kommentar: 'Für Geld machen die alles, und um auf den Bildschirm zu kommen, verkaufen sie auch Pillen.' Ich weiß nicht, wie christlich Angela Merkel über ihren Parteifreund denkt. Vielleicht wird die Pastorentochter sogar etwas Schadenfreude nicht unterdrücken wollen, denn Blüm war einer von denen, die Merkels ursprünglich schlüssiges Konzept für eine Reform des Gesundheitssystems madig gemacht haben. Jetzt sehen ihn viele als einen Hanswurst. Selbst wenn er, wie es heißt, einen Teil seines Honorars der Caritas überweist, hat sich der Rentengaukler der Lächerlichkeit preisgegeben. Die muss nicht immer tödlich sein, aber Norbert Blüm hat sich bis auf die Knochen blamiert. Schade um den Mann, den man vor Zeiten tatsächlich als Sachwalter der sozial Schwachen erlebt hat.


Klaus Bölling, geboren 1928 in Potsdam, arbeitete für Presse und Fernsehen, war unter anderem NDR-Chefredakteur, Moderator des 'Weltspiegel', USA-Korrespondent und Intendant von Radio Bremen. 1974 wurde er unter Helmut Schmidt zum Chef des Bundespresseamts berufen, 1981 übernahm er die Leitung der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin. Zu seinen Buchveröffentlichungen zählen 'Die letzten 30 Tage des Kanzlers Helmut Schmidt', 'Die fernen Nachbarn - Erfahrungen in der DDR' und 'Bonn von außen betrachtet'.

-> Politisches Feuilleton
-> weitere Beiträge