Politisches Feuilleton
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26.2.2005
Hals- und Beinbruch!
Die Illusion von der Beherrschbarkeit der inneren und äußeren Welt
Von Günter Franzen

Der neue Airbus A380 (Bild: AP)
Der neue Airbus A380 (Bild: AP)
Franz Müntefering, der Mann mit dem roten Schal und dem zeitlos akkuraten Messerformhaarschnitt, hat das vor uns liegende Jahr 2005 zum "Jahr der Entschlossenheit" erklärt und seitens der SPD in Aussicht gestellt, das melancholisch verdüsterte Wahlvolk bis zum Ende der Legislaturperiode aus dem Tal der Tränen zu führen. Dass er für diese markigen Worte von der Opposition erwartungsgemäß mit Hohn und Spott überschüttet wurde, hat den schlagfesten Parteisoldaten nicht zu irritieren vermocht und er sollte Recht behalten. Das Jahr 2005 begann im französischen Toulouse mit einem industriepolitischen Paukenschlag, der auch im fernen Berlin nicht zu überhören war.

Im Rahmen einer beeindruckenden postmodernen Darbietung, einer Mixtur aus Triumph des Willens, Circus Roncalli und Folies Bergères, öffneten sich die Hallentore für ein blau schimmerndes Wunder, für ein Flugzeug der Superlative. Da rollte er auf zweiundzwanzig Rädern lautlos herein, der Airbus 380. Größer, leiser, sparsamer, schneller und ausdauernder als alle bisherigen Fluggeräte, überquerte das europäische Gemeinschaftswerk die Bühne und kam am Rednerpult zum Stehen, wo die Regierungschefs der beteiligten Nationen nach dem Abklingen der Triebwerke der Zuschaltung ihres Mundwerks entgegenfieberten. "Mag sein", führte der Bundeskanzler im Hinblick auf den historischen Werdegang des Unternehmens aus, "dass wir nach den Sternen gegriffen haben, aber bezogen auf die Luftfahrt, haben wir heute einen wesentlichen Teil davon in der Hand."

Abgesehen davon, dass sich die betagte Metaphorik nicht ganz auf der Höhe des brandneuen Gegenstandes zu bewegen scheint, ist es keinem Politiker zu verdenken, dass er sein Schürzchen aufhält, wenn es dem Schicksal gefällt, ein wenig Goldstaub aus dem vorüberhuschenden Mantel der Geschichte auf ihn herabrieseln zu lassen.

Aus der Perspektive eines eher ängstlichen und wenig risikofreudigen Verkehrsteilnehmers, dem jeder Start und jede Landung als ein von Höllenqualen begleitetes Himmelfahrtskommando erscheint, drängt sich allerdings eine Reihe kleinlicher Fragen auf, die den im permanenten rhetorischen Steigflug befindlichen Staats- und Wirtschaftslenkern nachgerade lächerlich erscheinen müssen:

Hätte man mit der Jubelfeier nicht vielleicht doch warten sollen, bis dieser unförmige, am Großrechner entworfene Klops seine Flugtauglichkeit unter Beweis gestellt hat? Warum sollte ich mich plötzlich mit dem Airbus anfreunden, wenn ich ein halbes Leben gebraucht habe, meinen urlaubsreifen Leib dem Konkurrenzunternehmen Boeing anzuvertrauen? Was, außer verlängerten Wartezeiten, habe ich davon, wenn sich statt der gewohnten 200 mit einem Mal 1000 Pauschaltouristen vor dem Schalter meiner Chartergesellschaft gegenseitig angiften und die Kofferkulis in die Kniekehlen rammen? Wird der folienverschweißte Imbiss in Zukunft genießbarer, das Lächeln der Stewardessen wärmer und die Thrombosegefahr an Bord des A 380 geringer werden?

Natürlich tut der ständig um den Wirtschaftsstandort Deutschland bangende Kanzler gut daran, die gleichermaßen selbstbezüglichen wie defätistischen Zwischenrufe aus dem Galeerendeck des fliegenden Flaggschiffs zu überhören und sich an der Spitze seiner Landsleuten unbeirrt dorthin zu bewegen, wo die Globalisierung zum Tanz aufspielt: oben und vorn.

Die Menschheit, darunter auch die Deutschen, hat dem griechischen Halbgott Prometheus bekanntlich das Geschenk des Feuers und damit den Aufstieg aus den primitiven Niederungen zur Höhe der gegenwärtigen Zivilisation zu danken. Als ungleich kostbarer hat sich in der Geschichte des Abendlandes die zweite von Prometheus vermittelte, weniger bekannte Göttergabe erwiesen: das Vergessen.

Gerhard Schröder hat am 26.12.2004 zur Unterstützung der Überlebenden des verheerenden asiatischen Seebebens aufgerufen und am 25.1.2005, eine Woche nach der Taufe des Airbus, an den 60. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz erinnert. Das erste Ereignis steht für die den Menschen von außen bedrängende natürliche Gewalt, das zweite für die in den eigenen Reihen nistende, gegen die Gattung gerichtete Zerstörungsbereitschaft. Beide Ereignisse lassen es angeraten erscheinen, die Illusion der Beherrschbarkeit der inneren und äußeren Welt nicht allzu sehr ins Kraut schießen zu lassen, ein wenig behutsamer aufzutreten und bei der Feier einer begrüßenswerten technischen Errungenschaft das Mundwerk auf Zimmerlautstärke zu drosseln- so schwer es auch fallen mag.

Ansonsten: Hals- und Beinbruch!

Günter Franzen, Jahrgang 1947, lebt als freier Schriftsteller und Gruppenanalytiker in Frankfurt/Main. Buchveröffentlichungen u.a.: "Der Mann, der auf Frauen flog", Hamburg 1988. "Komm zurück, Schimmi!", Hamburg 1992. "Ein Fenster zur Welt. Über Folter, Trauma und Gewalt", Frankfurt/Main 2000.
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