Politisches Feuilleton
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1.3.2005
Das lahme Land
Von Gert Heidenreich

Was lahmt nicht alles in unserem Land. Die Konjunktur. Der Binnenmarkt. Die Nachfrage. Die Nation hinkt. Die Arbeitslosigkeit galoppiert. Gegensätzliche Tempi: Das kann nicht gut gehen. Darum werden wir täglich mit Angst überschüttet. Angst vor noch mehr Arbeitslosigkeit. Angst vor noch weniger Wachstum, Angst vor der Rentenfalle, den Gesundheitskosten. Angst vor Nazis. Und was tut die Angst? Sie lähmt. Mit dem Angstsack auf dem Buckel lahmt die Nation noch mehr, wird noch ängstlicher, hortet Euro und Cent für noch schlechtere Tage und bejammert sich selbst.

Außen - außerhalb von Schengen - fragt mancher sich, ob die Deutschen krank geworden seien; ob ihre schöne Melancholie sich in eine unschöne Depression verwandelt habe, wirtschaftlich wie mental. Die deutschen Tugenden? Perdu! Der deutsche Hochmut? Eigenhändig zu Fall gebracht. Die deutsche Gründlichkeit? Durch Grübelei ersetzt. Was haben sie nur, diese Deutschen?

Kaum ist das Glück, Europas Wunderkind zu sein, verspielt, stellt sich heraus, dass von Solidarität keine Rede mehr sein kann. Die einen leben in der Krise, die anderen leben von ihr, und das nicht schlecht. Die Superreichen raffen, was nur geht, und bringen das Geraffte außer Landes, die Mittelständler jammern und japsen, die Ausgegrenzten dürfen an Hartz IV lecken. Alles und jedes, Wirtschaft wie Wissenschaft, Kultur wie Kommerz, Gesundheit wie Geschäft, wird auf Kosten und Gewinn durchgekämmt - man nennt das hochtrabend "Evaluierung".

Selbstverständlich werden wir mit guten Argumenten dafür zugeschüttet. Das demagogische Zeitalter, das erst heraufdämmert, hat seine Instrumente schon aufgestellt und prüft mit ersten Vokabeln unsere Dummheit: "Globalisierung." Eine zugleich listigere und idiotischere Ausrede hatte die politische Klasse nie, um sich der eigenen Verantwortung für Entscheidungen und ihre Folgen zu entwinden. Eineinhalb Jahrzehnte zurück hörten wir an derselben rhetorischen Stelle den Begriff "Sachzwänge". Die Behauptung lautet, der Welthandel und seine Pfade machten es nötig, bei Spitzenquoten an Kapitalgewinnen auch Spitzenquoten an Personalverlusten zu produzieren.

In der merkantilen Gesellschaft wird jeder Rest von Menschlichkeit in eine pragmatische Rechnung verwandelt, durch die am Ende der Lebensgleichung nicht mehr das Glück des Menschen, sondern sein Einkommen steht. Zweifelsohne gibt eine gewisse Beziehung zwischen Einkommen und Glück. Aber unser Land steuert - ausgerechnet unter einer rot-grünen Koalitionsregierung - auf einen kollektiven Geisteszustand zu, den man als geldverblödet bezeichnen kann. Die Nachrichtenprogramme treiben uns Börsenvokabeln wie Nägel ins Gehirn. Wo sie treffen, stirbt ein Wort für Lebensfreude. Wer sich vom Aktienjahrmarkt fernhält, wird für geisteskrank erklärt.

Wo aber ist das Glück geblieben? Wo der Lebensmut? Wo die Zuversicht?

Man soll das Land nicht schlecht reden, höre ich in regelmäßigen Abständen von unserer Berliner Hauptverwaltung. Gut gebrüllt. "Nehmt doch mal eure eigenen Programme ernst!", möchte man zurückbrüllen in die Zentralen aller demokratischen Parteien. Dann könnten vielleicht Würde und Selbstachtung in die Politik zurückkehren, würde die Panik vor den heranrumpelnden Nazis abnehmen.

Die geistige Nullsumme aus NDP und Konsorten ist relativ leicht zu durchschauen: Sozialtrompetenstöße zur Übertönung anderer, krimineller Absichten. Neonazis? Nein, daran ist nichts neu. Größenwahnsinnige Feiglinge bleiben sich immer gleich. Man verdrängt sie übrigens nicht mit Bannmeilen auf dem Asphalt, sondern mit meilenweiter Distanz im Geiste. Der Kopf ist der Ort der Demokratie, nicht die Straße vor dem Brandenburger Tor. Und es ist auch nicht unser Bild im Ausland, um das wir uns sorgen sollten, sondern das Bild von uns in uns selbst.

Die Grundfrage, die dem lahmenden Land zu stellen ist, heißt nicht: Arbeiten wir billig genug? Sondern: Warum starren wir so sklavisch auf die Vermehrung des Geldes? Warum lassen wir uns den Zynismus bieten, mit dem Spitzenversager im höheren Management Entlassungsprämien einstecken, die ein gutverdienender Mittelständler höchstens als Lebenssumme erarbeiten kann? Von Arbeitern ganz zu schweigen ...

Werden die Zumutungen zu hoch, entsteht durchaus Bewegung im Lande. Der sehr bewegte Streik der Opelarbeiter gegen das offensichtlich unfähige Management von General Motors wurde offiziell nie als das bezeichnet, was er zweifellos war: ein spontaner, ein wilder Streik.

Wäre es nicht Zeit, solche Aufbrüche, statt sie zu kanalisieren, ernst zu nehmen und zu Politik zu machen? Wer sagt übrigens, dass die Jugend unseres Landes, der wir ja ausschließlich sinnfreie Lebenslust unterstellen, nicht demnächst nach Lebenssinn verlangt und als gesellschaftliche Maxime einfordert, was derzeit noch als Hindernis der Profitmaximierung gilt: Menschlichkeit und Glück? Dann könnte durchaus ein Ruck durch die Gesellschaft gehen - aber es wird nicht der Aufbruch der Kaufleute sein.

Der Schriftsteller Gert Heidenreich wurde 1944 in Eberswalde bei Berlin geboren. Nach dem Abitur in Darmstadt studierte er Germanistik, Philosophie, Geschichte und Theaterwissenschaften. Er arbeitete als Dramaturg, Schauspieler und Runkfunksprecher. 1991 wurde er Präsident des PEN-Zentrums der Bundesrepublik und trat 1995 nach Auseinandersetzungen um die Fusion mit dem PEN-Zentrum der ehemaligen DDR zurück. Heidenreich veröffentlichte neben mehreren Hörbüchern u. a. "Der Geliebte des dritten Tages. Erotische Mysterien", die Romane "Abschied von Newton" und "Der Mann, der nicht ankommen konnte" sowie den Gedichtband "Im Augenlicht". Kürzlich erschienen sind "Nährstoff des Neides - Eine Kanzelrede" und "Thomas Gottschalk - Die Biographie".
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