Politisches Feuilleton
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2.3.2005
Methusalem im Disneyland
Von Reinhard Kreissl

Alt sind sie geworden, die 68er (Bild: AP)
Alt sind sie geworden, die 68er (Bild: AP)
Wenn Sie älter als 50 sind, kennen Sie noch den Spruch: Traue keinem über 30! Dieser Slogan der 68er zeigt, wie so vieles, eine ironische Dialektik. Aus dem Repertoire der Studentenrevolte wanderten Sprüche und Praktiken mit den Jahren durch die Institutionen und tauchen heute vor denjenigen, die sie als Original in Erinnerung haben, in befremdlicher Form wieder auf. "Unter den Talaren …", oder "Wer zweimal mit der Gleichen pennt ...". Sie erinnern sich doch? Solche Aufrufe zur juvenil überschäumenden Mobilität treten uns heute in der Gestalt von Notwendigkeiten einer Ökonomie unter den Bedingungen des globalisierten Weltmarkts entgegen. Biographisches vermischt sich mit Historischem: die Jungen Wilden von damals würden es heute, kurz vor dem Rentenalter, gern etwas ruhiger angehen, aber sie werden mit dem Pflichtenheft neoliberaler Flexibilität oder spätpubertärer Hyperaktivität konfrontiert.

Der Jugendlichkeitswahn wird zum Wahn dann, wenn er von den Älteren propagiert wird. Jugend ist die Droge derjenigen, die nicht alt werden können. Wer keine Zeit hat, Oscar Wilde zu lesen, lässt sich liften. Das geht schneller. Der grobstoffliche Hintergrund dieser Entwicklung ist schnell skizziert. Der Übergang von der schweren Moderne der großen Fabriken, dem so genannten Fordismus, zur flexiblen Kleinserie in Fabrik und Feuilleton, vom ehernen Industriezeitalter zum modischen Chic mit eingebautem Verfallsdatum, befördert eine Ideologie der Mobilität, Beweglichkeit und Anpassung, eine Haltung des Vorläufigen und Provisorischen. Das gilt für die Arbeitswelt wie für die Beziehungen, für die Verträge wie für die Versprechen.

Hinzu kommt: Die Jungen sind billiger und williger. Hinter dem heuchlerischen Begriff des Praktikanten verbirgt sich heute die kostengünstige Arbeitskraft. Sie bekommen zwar keine Anstellung, aber Sie können schon mal als Praktikant bei uns anfangen. Da verdienen Sie zwar nichts, aber Sie sammeln Erfahrung und vielleicht werden Sie auch übernommen - es sei denn, wir ziehen mit dem ganzen Laden nach China um. Das macht der Jugendliche, der entweder noch gutgläubig oder schon zynisch ist. Wer dann als Junior Facility Manager mit Diensthandy die Position eines Hausmeisters mit einem Gehalt knapp oberhalb des Hartz IV Limits ergattert hat, wird das bis auf Weiteres akzeptieren, solange es noch für die Tube Haargel und den Alkopop am Wochenende reicht. Da ist noch keine Vorstellung einer zur Karriere verdichteten beruflichen Biographie, die Widerstand fördern könnte. Da sind auch noch keine kritischen Fragen nach dem Übermorgen. Im jugendlichen Alter herrscht die Vorstellung, dass es immer so weiter gehen kann oder die Hoffnung, dass es irgendwann besser werden wird. Leistung soll sich doch lohnen - fragt sich nur für wen? Nicht immer für diejenigen, die sie erbringen.

Was vor 30 Jahren als Vatermord in anti-autoritärer Manier begann, rächt sich heute mit feiner Ironie durch den Ausschluss der über 50-jährigen vom Arbeitsmarkt. Mit Wehmut hört man dann den schnell gebleichten Jungdynamiker seine Sprüche klopfen, die immer auch einen kritischen Unterton gegen die Alten enthalten. Ach Junge, wart nur noch ein Weilchen, möchte man ihm zurufen, in fünf oder zehn Jahren erwischt auch Dich die nächste Welle, gerade wenn du hoffst, vom Junior zum Senior Consultant aufzusteigen.

Dieser kaum kaschierte Darwinismus der Affenhorde macht sich breit, wenn die durch kulturelle Traditionen gesicherte Ordnung der Generationen zerbröckelt. Die Ökonomisierung der Verhältnisse sieht die Rolle der Senioren nur mehr als Kunden im gleichnamigen Wohnheim vor. Hier wird den Alten dann ihr sauer erspartes Vermögen über hohe Tagessätze bis zum Tag des sozial verträglichen Ablebens abgeknöpft.

Der beste Beleg für diese These findet sich dort, wo Tradition und Ordnung noch zählen, wo die kleinen Funktionäre der ökonomischen Orthopädie noch nicht zugeschlagen haben. Schauen wir auf unsere Religionsgemeinschaften, wo weit über dem Rentenalter in unkündbarer Stellung noch alte Männer sich aufopfern und Führungsaufgaben für die Gemeinde der Gläubigen übernehmen. Weisheit als Wert, Alter als achtbares Kapital, und der Dienst für die Sache als lebenslanger Kreuzweg auf den Stufen der heiligen Hierarchien. Ach wünschen wir uns manchmal nicht zurück in den Schoß der Mutter Kirche, die wir damals so übermütig verlassen haben.

Dr. Reinhard Kreissl, geb. 1952, ist Soziologe und Publizist. Studium in München, Promotion in Frankfurt/Main. Habilitation an der Universität Wuppertal. Kreissl hat u.a. an den Universitäten San Diego, Berkeley und Melbourne gearbeitet. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Publikationen verfasst und schrieb regelmäßig für das Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung". Letzte Buchpublikation: "Die ewige Zweite. Warum die Macht den Frauen immer eine Nasenlänge voraus ist".
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