Politisches Feuilleton
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4.3.2005
Darüber reden: Zukunftsthema Kinder
Von Florian Felix Weyh

Florian Felix Weyh, Schriftsteller und freier Journalist in Berlin (Bild: Katharina Meinel)
Florian Felix Weyh, Schriftsteller und freier Journalist in Berlin (Bild: Katharina Meinel)
Hoch konzentriert sitzt der Autor am Schreibtisch, darum bemüht, die Welt in Worte zu fassen. Da schrillt sein Telefon. Soll es ins Leere läuten, die Welt muss warten, wo der Geist regiert! Doch dann geht der Anrufbeantworter an, und eine Kinderstimme erklingt in höchster Not: "Hilfe, Hilfe! Wo bist du! Niemand außer dir kann jetzt noch helfen!" Und die Stimme erstirbt. Natürlich springt der Autor auf, denkt an Unfall, Krankheit, Brandkatastrophen und lässt alle Arbeit fahren; der Geist muss warten, wo die Welt in Panik erbebt. Dreißig Sekunden später ist der Fall geklärt: Die Putzfrau will, um zu wischen, die raumgreifende Holzeisenbahnanlage im Kinderzimmer einreißen, und nur der angerufene Vater kann das durch ein Machtwort noch verhindern.

Den meisten Menschen wird diese Anekdote als reine Literatur vorkommen. Eine mäßig komische Begebenheit, wie sie Illustrierte füllen mag, auf deren Titelblatt "Leben und Erziehen" oder "Young Family" steht. Special-Interest-Publikationen, die von der Mehrheit der Bevölkerung höchstens einmal beim Frisör oder Zahnarzt durchgeblättert werden. Nur eine Minderheit ist gerührt oder ergriffen, weil Anekdoten dieser Art sie für einen Moment damit versöhnen, dass sie ein Leben im medialen Niemandsland führt. Die Erfahrungen der Dichte, Tiefe, Fülle des Lebens mit Kindern, der Fröhlichkeit, des Ernstes, der Hingabe wird nirgends beschrieben; es existiert außerhalb des öffentlichen Bewusstseins. In der zeitgenössischen Belletristik kommen Kinder nicht vor, sondern nur neurotische Beziehungsprobleme mit ihrem ewig retardierenden Bäumchen-wechsel-dich-Elend, und wer sich ins vermeintliche Idyll der Kinderliteratur retten will, muss voller Erschrecken feststellen, dass die "heile Welt" auch dort vor zwei, drei Generationen abgeschafft wurde, weil es sich nicht ziemt, eine funktionierende Familie zu schildern, so lange es auch nur einen vom Alkohol zerrütteten Haushalt mit Kindern gibt. Das ist der Begriff "soziale Gerechtigkeit" monströs auf die literarische Ästhetik angewandt, eine der vielen Folgen falsch verstandener Aufklärungsarbeit nach 1968. Auf den Theaterbühnen sieht es noch schlimmer aus. Wer als Jungdramatiker etwas werden will, muss Familie denunzieren, dass sich die Bühnenbretter biegen. Familie - das ist belastendes Schicksal, verantwortlich für alles, was in unserem Leben schief läuft. Kurzum: das Böse schlechthin. Familie aber entsteht, wo Kinder zur Welt kommen. Wer dem Bösen einen Riegel vorschieben will, muss ergo alles tun, um Kinder zu vermeiden.

Da stehen wir - und nicht dort, wo der Medienbetrieb jetzt vor Eifer mit den Flügeln schlägt. Natürlich ist das Thema in den Zeitungen, im Radio und im Fernsehen, überall. Doch wie wird es behandelt? Als Wirtschaftsanalyse, als demographische Debatte, als Bildungs- und Chancendiskussion - abstrakt, zahlenorientiert, blutleer und erfahrungsarm. So lange das neudeutsche Modewort vom Agenda-Setting nicht durch den altehrwürdigen Begriff der Bewusstseinsbildung ersetzt wird, ist nichts gewonnen. Erfahrung vermittelt sich nur durch Erleben; daran ändern auch Erfahrungen speichernde Kulturprodukte nichts. Aber die Bereitschaft zum Erleben von nie geahntem, ungewohntem Glück mit Kindern wird nachhaltig vom kulturellen Klima geprägt. Ohne Frage müssen Familien radikal steuerlich entlastet werden, aber das wird die Kinderzahl nicht nach oben schnellen lassen. Der Mensch denkt nicht ökonomisch, wenn er Verhütungsmittel anwendet oder absetzt, sondern wird von Angstvorstellungen getrieben oder von Glücksbildern geleitet. Letztere muss er zur Zeit ganz aus sich selber schöpfen, die Medien - inklusive des feinen Kulturbetriebs - lassen ihn komplett im Stich. Nur Angstvorstellungen bekommt er frei Haus geliefert. Täglich, vom Aufstehen bis zum Schlafengehen.

"Es muss uns gelingen", schrieb kürzlich der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, "über etwas ganz Einfaches und Naheliegendes zu reden, etwas was nicht jeder hat, aber jeder einmal war. Reden wir über Kinder." Gute Worte, lobenswerte Vorsätze - doch folgen ihnen auch die entsprechenden Taten? Richtet das FAZ-Feuilleton wenigstens ein Jahr lang eine wöchentliche Seite ein, in der die besten Federn der Republik (sofern sie die nötige Elternkompetenz besitzen) so über Kinder reden, dass Nichteltern eine Ahnung davon bekommen, welch höchstes irdisches Glück sie von ihren Angstvorstellungen abtreiben lassen? Wo sind die neuen Zeitschriften aus den konservativen, familiendominierten Großverlagen Springer, Burda, Holtzbrinck, die sich nicht aufs debile Ratgeberformat zurückziehen, sondern den bestehenden Familien das lang entbehrte Gefühl vermitteln, kulturell, politisch und gesellschaftlich ernst genommen zu werden? Alarmismusdebatten kann jeder führen; sie sind billig und wohlfeil. Jetzt kommt es darauf an, Farbe zu bekennen - auch, wenn das etwas kostet! Denn alles kommt zurück. Für Manager: Der Kapitalertrag wird gewaltig sein. Für Menschen: Das Leben in diesem Land geht auch nach 2050 weiter. Vergessen wir die Zahlen und lauschen der Stimme auf dem Anrufbeantworter. Sie rief: "Niemand außer dir kann jetzt noch helfen!" Wer Ohren hat, der höre.

Florian Felix Weyh, Schriftsteller, geboren 1963, lebt als Autor und Publizist in Berlin. Preise und Stipendien für Drama, Prosa und Essay; seit 1988 arbeitet er regelmäßig als Literaturkritiker für den Deutschlandfunk. Verstreute Texte und weitere Informationen zur Person sind auf der Website von Florian Felix Weyh zu finden.

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