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18.10.2004
Im Gespräch mit Steffen Jacob
Diplompsychologe, Geschichtenschreiber

Im März 1990, kurz nach Maueröffnung, macht sich der Ostberliner Steffen Jacob, damals 38 Jahre alt, gemeinsam mit seinem Vater auf eine Reise. Sie fahren nach Israel, zu einer Schwester des Vaters. Gleichzeitig mit den beiden treffen zahlreiche Verwandte aus Israel und den Niederlanden ein.

"Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben gespürt, wie wunderbar es ist, in einer großen Familie zu leben", sagt Jacob über das Familienfest, das sie gemeinsam feiern. Gleichzeitig merkt er, dass er fast nichts über die eigene Familie weiß.

Seine Eltern, beide Vertriebene des Nationalsozialismus, sprechen kaum über die Vergangenheit. Für ihren Sohn ist dieses Treffen nun eine Art Initialzündung. Sechs, sieben Jahre lang sucht er nach Spuren, interviewt Verwandte aus allen Familienzweigen, die auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in verschiedene Länder zerstreut wurden. Die Gespräche dokumentiert er auf Tonband. Und er schreibt auf, was er erfahren hat. Bis sein privates Familienbuch fast 700 Seiten lang ist. Seine jüdische Herkunft ist in gewisser Weise neu für Steffen Jacob. In seiner Kindheit, sagt er, kamen die Wurzeln seiner Familie nur "als Kolorit" vor: Die Großmutter backt ab und an Plätzchen nach überlieferten Rezepten. Mehr nicht.

Prägend für den Jungen ist der Glaube der Eltern an den Kommunismus. Beide sind, wie auch Steffen Jacob später, SED-Mitglieder, überzeugte DDR-Bürger. Nach ihrem Willen studiert Jacob nach dem Abitur in Moskau Physik, ein Jahr lang, dann muss er zur Volkarmee. Danach bricht er das Physik-Studium ab - zu damaliger Zeit in der DDR sehr ungewöhnlich - und bekommt - auch das ein eher seltenes Privileg - 1973 sogar einen neuen Studienplatz, im Fach Psychologie an der Uni Jena. Dort lernt Jacob auch seine Frau kennen, 1976 und 1978 werden ihre beiden Söhne geboren. Nach dem Diplom arbeitet Jacob zunächst kurze Zeit in einem Krankenhaus, dann als Betriebspsychologe beim VEB Berlin-Chemie. Kurz vor dem Fall der Mauer wechselt er an die Hochschule für Ökonomie in Berlin-Karlshorst, seit 1990 hat Jacob, mittlerweile geschieden, als Berater und Trainer für verschiedene Beratungsstellen, Firmen und Organisationen gearbeitet.

In Zukunft aber will er sich stärker auf den Schwerpunkt konzentrieren, den die Erforschung seiner eigenen Familiengeschichte ihm beschert hat: Er will nun am Liebsten die Lebensgeschichten anderer Menschen anhören, und sie - gegen Geld - für sie aufschreiben.

Literatur: Steffen Jacob: Leben danach. Lebensgeschichten zweier jüdischer Familien aus Deutschland. Edition Löwe-Goldbeck, ISBN 3-937556-00-1, 681 Seiten, Teile der Texte in Englisch. Preis: 48 Euro
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