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19.11.2004
Im Gespräch mit Helga Hengge
Mount-Everest-Besteigerin und Modestylistin

Helga Hengge liebt es, in 8000 Metern Höhe zu stehen: Sie ist die erste deutsche Frau, die den Mount Everest, den höchsten Berg der Welt, bestiegen hat, und von ihm zurückgekehrt ist. Dabei lässt ihr Beruf zunächst nicht vermuten, dass sie sich in plumpen Steppjacken und Bergsteigerstiefeln wohl fühlt: Die 37-jährige Münchnerin ist Mode-Stylistin.

Schon nach dem Abitur arbeitet sie als Moderedakteurin bei der Münchner Modezeitschrift "Miss Vogue". 1991 geht sie nach New York, ist dort elf Jahre lang freie Stylistin und studiert nebenbei Marketing, Philosophie und Film. Ihren Beruf sieht sie nicht unkritisch: "Der Modezirkus kann sehr oberflächlich sein."

Eines Tages entdeckt sie im Fitness-Studio eine Kletterwand - und beginnt mit 30 Jahren mit dem Bergsteigen, zunächst als Ausgleich zum stressigen Job. Ihre ersten Bergexpeditionen führen sie unter anderem nach Argentinien, Peru, Nepal und Ecuador.

Inzwischen aber ist Helga Hengge Profi-Bergsteigerin - und das ist noch immer nicht Normalität. Unter den 150 Bergsteigern, die im Mai 1999 mit Hengge im Basis-Lager ausharren und dort den Aufstieg zum Mount Everest vorbereiten, sind nur acht Frauen - eine "bärtige Männerdomäne" sei das gewesen, erzählt sie. Und fügt an, dass es von den acht Frauen fünf bis zur Spitze geschafft hätten - von den 140 Männern nur 25.

Die traurige Kehrseite der Medaille: Das Abenteuer Everest bleibt unberechenbar. Helga Hengge muss erleben, wie drei Männer aus ihrer Gruppe kurz vor dem Gipfel sterben. Hengges Vorreiterin Hannelore Schmatz erreicht zwar bereits 1979 als erste deutsche Frau den Gipfel, verunglückt aber beim Abstieg tödlich. Das Risiko bleibt, und zum Everest gehört auch die Begegnung mit den Menschen, die auf dem Weg dorthin gestorben sind: Ab dem letzten Camp in 8300 Metern Höhe kommt auch Helga Hengge an den sterblichen Überresten von toten Bergsteigern vorbei. Den Gipfel erreicht sie am 27. Mai 1999. Über ihre zehnwöchige Everest-Tour hat sie ein Buch geschrieben: "Nur der Himmel ist höher - mein Weg auf den Mount Everest" heißt es und ist momentan vergriffen.

Mit dem Erlös hat Helga Hengge eine Schule in einem kleinen Dorf in Tibet gebaut. Denn aus diesem Dorf stammt ein Sherpa, der sie auf den Everest begleitet hat: "Ich wollte den Menschen dort etwas zurückgeben", sagt sie.

Heute lebt Helga Hengge wieder in München und arbeitet dort als freie Stylistin. "Ich habe auch das Gefühl seit Everest, dass ich ein Glückskind bin. Denn es gehört sehr viel Glück dazu, auf diesen Berg zu steigen, einmal am Wohnsitz der Götter zu stehen."

Das Gespräch führte Sonja Schäfer
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