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28.2.2005
Im Gespräch mit Dorothea Becker
Leiterin eines Hospizes in Berlin

"Die Maschinerie Krankenhaus" - so drückt es Dorothea Becker aus, wenn sie über ihren alten, langjährigen Arbeitsplatz redet. Becker, 1955 in Meichow in der Uckermark geboren, wurde nach der Oberschule Krankenschwester - eher aus Not als aus Leidenschaft, sagt sie heute. Auf der staatlichen Schule in der DDR wird ihr, die in einem Pfarrershaus aufgewachsen ist, das Abitur verwehrt, die kirchliche Schule verlässt sie ohne Abschluss.

Neun Jahre lang arbeitet sie in verschiedenen Krankenhäusern, in der Gynäkologie, auf der Intensivstation, mit Krebspatienten. 1987 wird ihr mit ihrem Ehemann gemeinsam gestellten Ausreiseantrag aus der DDR bewilligt, das Paar zieht mit den beiden Söhnen in die BRD, in den Odenwald. Doch auch hier macht Dorothea Becker in ihrem Beruf oft dieselben Erfahrungen: Das Gesundheitssystem verabschiedet Patienten meist genau zu einem Zeitpunkt, wo die Menschen mehr Hilfe denn je brauchen. Wenn die Patienten "austherapiert" sind, heißt es, so Becker: "Gehen Sie nach Hause, wir können nichts mehr für sie tun." Damals entsteht bei Dorothea Becker die Idee: Sie will einen Ort schaffen, "wo alles für die sterbenden Menschen da ist - und wo keine ungerechtfertigten Hoffnungen gemacht werden". Wo medizinisch Linderung und menschlich Geborgenheit geschaffen werden können - und sie will sich selbst damit auch einen Arbeitsplatz schaffen, an dem sie sich auf die Pflege konzentrieren kann und Zeit für die Patienten hat. Schlüsselerlebnis ist auch der Tod eines engen Freundes, den sie beim Sterben begleitet hat.

Dennoch sollte es danach noch acht Jahre Arbeit und einen Umzug nach Berlin brauchen, bis sich Dorothea Becker 1998, nach Verabschiedung des Hospizgesetzes, ihren Traum erfüllen und gemeinsam mit ihrem Mann das erste Berliner Hospiz gründen kann. 15 Betten hat das Haus, und zwar, so betont Dorothea Becker, für "Lebende". Denn, so ihre Erfahrung, sie pflegt "Menschen, die zwar nicht mehr viel Zeit haben, aber große Lust zu leben." Feiern und Konzerte sind deshalb häufig, Bewohner und Angehörige gewinnen Entlastung und Zeit miteinander, der "soziale Tod" vor dem Sterben bleibt aus. Und für Dorothea Becker wiegt die Erfüllung, die sie heute im einstmals ungeliebten Job findet, auch Zehn- bis Zwölf-Stundentage auf.
Im Gespräch mit Dorothea Becker ist Dieter Kassel.
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