Interview
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7.1.2005
Kritik an EU-Hilfe für Südasien
Interview mit Volker Hauff, Rat für Nachhaltige Entwicklung

Volker Hauff, Vorsitzender des Rates für Nachhaltige Entwicklung (Bild: Rat für Nachhaltige Entwicklung)
Volker Hauff, Vorsitzender des Rates für Nachhaltige Entwicklung (Bild: Rat für Nachhaltige Entwicklung)
Kolkmann. SPD-Politiker und Vorsitzender des Rats für nachhaltige Entwicklung in der Bundesregierung. Schönen guten Morgen.

Hauff: Guten Morgen.

Kolkmann. Ist das jetzt eine große Chance, vieles anders zu machen?

Hauff: Eine Chance ist es auf jeden Fall, das kann man schon rasch am Verhalten der Menschen erkennen, in unserem Land, in Europa, weltweit. Es ist ja wirklich unglaublich, wie groß diese Spendenbereitschaft ist, die Bereitschaft, mitzuhelfen, aber auch ein unglaubliches Engagement derjenigen, die dorthin fahren und unter wirklich sehr schwierigen Bedingungen eine großartige Arbeit leisten. Das ist sozusagen die aktuelle Situation, aber gleichzeitig muss es auch Anlass sein, darüber nachzudenken, wie wir die Dinge langfristig ändern. Nur zunächst einmal kommt es darauf an, Hilfe zu leisten und wir dürfen nicht meinen, dass wir jetzt mit einer Diskussion über ganz langfristige Entwicklungen darüber hinwegsehen, dass es im Augenblick noch in einem riesigen Umfang um die Rettung von Menschenleben geht.

Kolkmann. Das muss sich ja langsam aufbauen von der kurzfristigen schnellen Hilfe, die jetzt notwendig ist, hin zur mittel- und dann auch langfristigen. Ist schnell gespendet, aber das Bewusstsein dann noch lange nicht geändert?

Hauff: Das ist völlig richtig und dazu gehört auch, dass wir ein bisschen was darüber lernen aus dieser Krise. Es ist großartig, was da alles geleistet wird, aber insgesamt, wenn man es weltweit ansieht, macht Europa keine besonders gute Figur. Wir haben zu langsam reagiert. Ein gutes Beispiel vor einigen Tagen war Colin Powell, der amerikanische Außenminister, in Indonesien. Er hat sofort versprochen, die Zahl der Hubschrauber, die zum Einsatz kommen, zu verdoppeln. Zum gleichen Zeitpunkt war der europäische zuständige Kommissar dort und er hat mehr Geld in Aussicht gestellt. Das ist großartig und das sollte man gar nicht kleinreden, aber das ist schon ein denkwürdiger Kontrast: auf der einen Seite die doppelte Zahl von Hubschraubern, um jetzt unmittelbar Menschenleben zu retten und auf der anderen Seite gibt es Versprechen darüber, dass man langfristig mehr Geld zur Verfügung stellt. Das stört mich ein bisschen an der Diskussion, dass man im Augenblick im Begriff ist, zu vergessen, was es bedeutet, jetzt wirklich zu helfen, das heißt, Menschenleben zu retten, dafür zu sorgen, dass die Würde der Menschen beachtet wird, dass sie eine anständige Bestattung kriegen, dass man das Menschenmögliche tut, um sie zu identifizieren, um Kinder zu schützen, das alles muss jetzt geschehen und darüber darf man nicht weggehen und es über die längerfristige Perspektive sehen.

Kolkmann.: Das andere ist natürlich auch die Entwicklungshilfepolitik, die einen anderen Stellenwert bekommen könnte, sie hat ja auch viele Jahre in der Bundesrepublik ein Mauerblümchendasein gefristet. Das hat sich in den letzten Jahren schon geändert, der Etat ist auch groß im Ministerium, was im Außenministerium ja manchmal mit Neid gesehen wird. Tut sich da jetzt eine ganze Menge in dieser Richtung?

Hauff: Es muss sich schon was tun und das bezieht sich nicht nur auf Deutschland sondern vor allem auf Europa. Ich finde, dass wir aus dieser Katastrophe lernen sollten, dass wir als Europa mehr Handlungsfähigkeit brauchen und das heißt dann natürlich auch in Deutschland. Natürlich auch in der ganzen Welt, aber wir sollten da anfangen, wo wir unsere Hausaufgaben machen können und das ist zunächst mal Deutschland und Europa. Aber diese längerfristige Entwicklung, diese Bewusstseinsveränderung ist dringend notwendig, denn seit vielen Jahren wird darüber diskutiert, dass sich die Schere zwischen reich und arm vergrößert, die ist nicht kleiner geworden durch die Entwicklungshilfe. Das hat verschiedene Ursachen; eine der wesentlichen ist, dass man nicht zur Kenntnis nimmt, dass wir seit über 20 Jahren Schuldendienste dieser Länder haben und das sind dann im wesentlichen Transferleistungen ins Bankensystem. Im letzten Jahr lagen die etwa bei 39 Milliarden und gleichzeitig flossen in diese Länder Leistungen von 27 Milliarden. Ganz nüchtern gesprochen als Ökonom muss ich sagen, wir haben nach wie vor einen Kapitaltransfer aus den Entwicklungsländern in die Industrieländer. Trotz aller Entwicklungshilfe.

Kolkmann. Damit sind wir bei der Wirtschaft: die Tourismusindustrie ist enorm wichtig für die asiatische Region, um die es jetzt geht. Es gibt Vorschläge, dass man, wenn man aufbaut, auch gleich sozial verträglich aufbaut. Wenn das Hotel restauriert wird auch gleich das Dorf, das mit dazugehört. Wäre das jetzt eine Chance, manches ganz anders zu machen, wegzukommen vom Dumpingtourismus?

Hauff: Es ist weniger der Dumpingtourismus, der mich stört, sondern wenn man jetzt Aufbauhilfe leistet, dass nicht das passiert, was in manchen anderen Krisenregionen der Welt geschehen ist. Im Irak etwa, riesige Zahlungen, die aber im Wesentlichen wieder an die heimische Wirtschaft fließen. Wenn man jetzt Aufbauhilfe leistet, wird das Entscheidende sein, dabei darauf zu achten, dass dann auch lokale Wirtschaftsstrukturen entstehen und nicht nur Tourismusstrukturen, sondern dass man sich darüber Gedanken macht, welche Anteile von dem, was als Hilfe vorgesehen ist, sagen wir zu, dass es verbindlich in diesen Ländern bleibt, denn Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur Dauerhaftigkeit sondern langfristige Chancengleichheit der Menschen. Das ist das Entscheidende, dass man über kommende Generationen nachdenkt und nicht nur über anhaltende Zeiträume.

Kolkmann. Was glauben Sie, wie schnell wird es mit dem Mitleid wieder vorbei sein, wenn nicht mehr täglich des Schreckens auf die Fernsehschirme kommen?

Hauff: Ich mache mir da überhaupt keine Illusionen, dass das relativ rasch geschehen wird und zwar genau zu dem Zeitpunkt, wie Sie mit Recht sagen, wenn die Bilder nicht mehr da sind, denn das ist, was die Menschen richtig aufwühlt. Auf der anderen Seite, wenn wir es klug anfassen, ist es in der Tat auch eine erhebliche Chance, Bewusstsein zu verändern. Nur die augenblickliche Bereitschaft, sich für solche Probleme zu öffnen, wird in dem Umfang nicht vorhanden sein. Da wird man weiter daran arbeiten müssen und deswegen finde ich, es ist großartig, dass die Bundesregierung 500 Millionen zugesagt hat. Es wäre noch besser gewesen, wenn sie das sofort verknüpft hätte mit der Ankündigung, dass der Entwicklungshilfeetat steigt.
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