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12.1.2005
Dialog zwischen evangelischer Kirche und Muslimen
Interview mit Wolfgang Huber, EKD-Ratsvorsitzender

Wolfgang Huber, EKD-Ratspräsident (Bild: AP)
Wolfgang Huber, EKD-Ratspräsident (Bild: AP)
Marie Sagenschneider: ...das wird zwar gefordert, ist aber so einfach nicht, jedenfalls nicht auf hoher kirchlicher Ebene. Denn da stellt sich ganz schnell die Frage, mit wem redet man eigentlich auf muslimischer Seite. Schließlich gibt es keine oberste Instanz, die für alle Muslime sprechen könnte, also muss man sich mit mehreren Verbänden ins Einvernehmen setzen. Und genau dies hat man gestern versucht beim ersten Spitzentreffen von der EKD, also der Evangelischen Kirche Deutschlands, mit mehreren deutschen Muslimverbänden. Eingeladen hatte Bischof Wolfgang Huber, der Ratsvorsitzende der EKD. Guten Morgen Herr Huber.

Wolfgang Huber: Guten Morgen.

Sagenschneider: Vor Jahresfrist hatte man sich noch gegenseitig mit Vorwürfen traktiert, da war die Stimmung nicht so besonders gut gewesen. Hat sich das gestern auf die Gespräche niedergeschlagen? Oder ging es dann doch einigermaßen entspannt zu?

Huber: Es ging einigermaßen entspannt zu. Man ist fair und offen miteinander umgegangen. Beide Seiten wussten um die Schwierigkeiten, beide Seiten wussten auch um die ungeklärten Fragen, die besonders einer Bearbeitung bedurften. Das ist natürlich noch nicht vertieft geschehen, sondern man hat zunächst einmal das Feld, über das man reden will, abgetastet. Man hat sich verständigt darüber, welche Verbände auf der muslimischen Seite in den Blick genommen werden müssen, wenn man zu einem regelmäßigen Gespräch kommen will. Aber der Kernpunkt ist doch, wenn man schwierige Fragen klären will, dann muss man auch eine Form finden, miteinander zu reden und nicht nur übereinander. Und das kann nicht nur auf der jeweils örtlichen Ebene passieren, sondern das muss auch auf der Bundesebene in Gang kommen.

Sagenschneider: Der Zentralrat der Muslime war zum Beispiel nicht dabei. Ist das ein Ziel, dass der auch teilnimmt an den nächsten Gesprächen?

Huber: Er ist selbstverständlich bei den nächsten Gesprächen auch eingeladen. Mit der Entscheidung, jetzt nicht teilzunehmen, damit musste er selber umgehen.

Sagenschneider: Wie schwierig ist eigentlich der Dialog mit so vielen verschiedenen Gruppen, die ja durchaus auch unterschiedliche Haltungen haben?

Huber: Das war natürlich sehr spannend zu beobachten, welche inneren Spannungen es auch zwischen diesen Organisationen gibt. Das wirkt sich auf eine ganze Reihe von praktischen Fragen aus. Es gibt einen innerislamischen Pluralismus, auch im deutschen Islam, und diesen Pluralismus natürlich auch weit über diejenigen Positionen, die nun gestern an dem Tisch vertreten waren. Denn der islamistische Extremismus, den es auch in Deutschland beklagenswerterweise gibt, den kriegt man natürlich nur ganz schwer an den Tisch. Und die Frage, wie sich innerislamisch die Auseinandersetzung mit diesen Positionen vollzieht und wie man solche Strömungen innerhalb des Islam in Deutschland eindämmen kann, das war natürlich eine derjenigen Fragen, die zwar angesprochen wurden, auf die es aber bei weitem noch keine klaren Antworten gegeben hat.

Sagenschneider: Die muslimischen Verbände haben ja seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ein großes Problem, denn sie fühlen sich unter Generalverdacht gestellt und sagen, jetzt haben wir uns bereits so oft von Terror und Gewalt distanziert, dass wir gar nicht mehr wissen, was wir noch tun sollen, dass man uns glaubt. Was sollen sie denn noch tun?

Huber: Zunächst mal war das wichtig, dass auch das ausgesprochen worden ist, genau dieses Problem des Generalverdachts und die Verunsicherungen, die daraus entstehen. Das ist zum Thema gemacht worden. Das ist ganz wichtig. Aber der Punkt, in dem wir natürlich mehr Klarheit brauchen, ist die Frage, ob das Verständnis des Islam, das gelebt, gelehrt und praktiziert wird, klar ist hinsichtlich der Frage, dass es keine religiöse Legitimation von Gewalt und Gewaltanwendungen enthält und enthalten darf. Und dafür ist es sehr wichtig, wie sich das Verhältnis von Islam und Bildung entwickelt. Also, wie es mit dem islamischen Religionsunterricht ist, was eigentlich in islamischen Freitagsgebeten gepredigt wird und wie die Imame ausgebildet werden, die diese Predigten halten. Und das ist ein Kernbereich, mit dem wir uns gestern schon beschäftigt haben und der in einem Fachgespräch weiter vertieft werden soll. Das halte ich für einen fruchtbaren und weiterführenden Ansatz.

Sagenschneider: Und wie schätzen Sie das ein, bezogen auf die Gruppen, mit denen Sie gestern gesprochen haben. Glauben Sie den Versicherungen, dass man Terror und Gewalt ablehnt, nicht toleriert oder Verständnis dafür hat. Oder glauben Sie dem nicht?

Huber: Das ist gestern in einer überzeugenden Weise von denjenigen gesagt worden, die da bei uns am Tisch gesessen haben. Das ist zu akzeptieren. Aber die Frage bleibt, wie sich das eigentlich zu einer Richtung in der Auslegung des Islam verhält, die eben doch auf die kämpferische Selbstdurchsetzung des Islam gerichtet ist, und die einschließt, dass Menschen, die auch als Selbstmordattentäter handeln, einer göttlichen Belohnung sicher sein sollen. Das ist eine Frage im Selbstverständnis des Islam, die dann wirklich auch eine inhaltliche Auseinandersetzung braucht. Da sind wir erst noch unterwegs.

Sagenschneider: Worin bestehen eigentlich die größten Gemeinsamkeiten zwischen den christlichen und den muslimischen Kirchen?

Huber: Die größte Gemeinsamkeit ist, dass es sich um eine monotheistische Religion handelt. Die größte Gemeinsamkeit besteht darin, dass der Islam sich auf die jüdische und christliche Tradition beruft. Sie ist die jüngste dieser drei Religionen und setzt die beiden anderen voraus. Und ein beeindruckender Zug am Islam ist die intensive und geregelte Form von Frömmigkeit, von Gottesverehrung, von Verbindung zwischen Glaube und Alltag. Das ist ja auch bei Christen eine Herausforderung, sich die Frage zu stellen, wie es in dieser Hinsicht eigentlich mit dem eigenen Glauben steht.

Sagenschneider: Herr Huber, ich danke Ihnen. Bischof Wolfgang Huber war das, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands.

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