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18.1.2005
Luftfahrtindustrie erwartet großen Erfolg des neuen Airbus A380
Interview mit Hans-Joachim Gante, Präsidialgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI)
Moderation: Birgit Kolkmann

Das jüngste und größte Mitglied der Airbus-Familie ist der A380, hier in einer Computer-Animation (Bild: Airbus Industries)
Das jüngste und größte Mitglied der Airbus-Familie ist der A380, hier in einer Computer-Animation (Bild: Airbus Industries)
Kolkmann: Auf seinen Tragflächen haben sechs Eigenheime Platz oder siebzig Pkw. Im Bauch des fliegenden Riesen können 555 Passagiere Platz nehmen. Der Airbus A380 ist das größte Passagierflugzeug der Welt und heute wird in Toulouse mit Laser- und Tonshow und 5000 prominenten Gästen der Prototyp vorgestellt. Eine neue Ära in der Luftfahrt soll mit ihm beginnen und eine neue Erfolgsstory. Derweil fiebern die Techniker unter größtem Druck dem Jungfernflug entgegen. Noch im März soll der A380 über dem Atlantik getestet werden und da soll und darf nichts schief gehen. Zum Interview begrüße ich nun den Präsidialgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie. Guten Morgen Hans-Joachim Gante.

Gante: Schönen guten Morgen, ich grüße Sie.

Kolkmann: Herr Gante, Sie werden auch dabei sein in Toulouse. Haben Sie angesichts eines solchen Quantensprungs in der Flugzeugtechnik schon Schmetterlinge im Bauch?

Gante: Etwas auf jeden Fall, weil man, ich sage einmal, so ein Erlebnis in seinem ganzen beruflichen Leben wahrscheinlich nur ein einziges Mal erlebt. Insofern wird es unglaublich spannend.

Kolkmann: Kinderkrankheiten und Sicherheit sind ja sicher ein großes Thema bei Ihnen. Technisches Neuland wird betreten. Fliegt da ein hohes Risiko mit?

Gante: Ich denke, das Risiko ist auf ein Minimum reduziert dadurch, dass bereits im Vorfeld über Simulationen am Rechner alle möglichen Flugbewegungen erarbeitet und simuliert worden sind. Letztendlich bleibt irgendwo natürlich, was einen Erstflug angeht, der im März erfolgen wird, natürlich ein Restrisiko bestehen. Aber ich denke, man hat alles daran getan, um dieses Restrisiko so klein wie irgend möglich zu halten.

Kolkmann: Schauen auch die Assekuranzen und vor allen Dingen auch die finanzierenden Regierungen deshalb ganz besonders genau hin, denn für sie ist es ja auch ein hohes Risiko?

Gante: Ich denke mal, dass sie nicht mit besonderer Sorge hinschauen, weil ja sicherlich alle davon überzeugt sind, dass die Ingenieure alle einen hervorragenden Job gemacht haben und ich sage mal, alles Know-how, was es an Sicherheit auch gibt, dort eingebaut haben. Insofern ist es ein ganz übliches, normales Zittern vor einem Erstflug. Das ist ganz normal.

Kolkmann: Wie ist es denn für die Techniker in den Werkshallen? Die können sich zum Feiern heute wahrscheinlich nicht sehr viel Zeit nehmen, denn sie müssen ja das erste Flugzeug, das dann fliegen wird, auch sehr schnell fertig stellen.

Gante: Ja, klar. Der ganze Hochlauf hat natürlich in den Produktionswerken von Airbus, aber auch bei den Zulieferern natürlich schon begonnen und der Hochlauf von der A380, der ist sehr steil, sodass die Produktionsraten doch sehr hohe Anforderungen stellen. Insofern ist das für alle Mitarbeiter von Airbus oder auch von den Zulieferern eine riesige Herausforderung.

Kolkmann: Nun soll ja schon im nächsten Jahr der erste Airbus A380 fliegen bei der Singapore-Airlines, dann folgen 2007 Air France und Lufthansa. So ist es geplant. Muss Airbus da noch enorm viel Personal einstellen, um das alles herstellen zu können?

Gante: Ich denke, das ganze A380-Programm ist für die gesamte Branche von der Luftfahrtindustrie in Europa, aber auch in Deutschland eine richtige Jobmaschine. Insofern wird nicht nur Airbus zusätzliches Personal einstellen, sondern die gesamten Zulieferer, Ausrüster, sodass wir mit dem Hochlauf insbesondere einen gesamten Beschäftigungseffekt in Deutschland mit allen Zulieferern, mit allen mittelbar betroffenen Branchen einen Effekt von 40.000 Arbeitsplätzen hier haben werden.

Kolkmann: Ein solches Flugzeug muss man sich auch leisten können, am Boden und in der Luft. Wie gesagt, es soll ja schon im nächsten Jahr losgehen. Klingelt dann die Kasse mit dem so genannten fliegenden Sparschwein, was der A380 ja sein soll?

Gante: Für wen muss man fragen.

Kolkmann: Für wen, ja?

Gante: Ich denke mal, dass es für den Hersteller und die Zulieferer insbesondere ein durchaus profitables Geschäft sein wird, die A380. Aber ich gehe auch davon aus, dass die Passagiere mit der A380 auch Preisvorteile haben werden. Wobei sich allerdings der Preis selber am Markt bildet und nicht unmittelbar eins zu eins von dem fliegenden Gerät abhängig ist.

Kolkmann: Man muss sich vorstellen, 281 Millionen Euro kostet die Grundversion des A380. Unvorstellbare 149 Stück sind schon verkauft vor dem Jungfernflug. So etwas hat es noch nicht gegeben vor einem Erstflug eines anderen Flugzeuges. Das setzt aber auch voraus, dass genug Passagiere kommen, die sich trauen?

Gante: Ich denke, dass der ganze Luftverkehr in den ganzen nächsten Jahren wieder ein Wachstumsmotor auch sein wird. Der Drang zur Mobilität, sowohl vom Business her, vom Geschäft, aber auch von privaten, von touristischen Vorstellungen her, ist also ungebrochen, sodass wir mittelfristig von einem jährlichen Wachstum von fünf bis sechs Prozent ausgehen werden. Davon wird natürlich auch die ganze Luftfahrtbranche entsprechend profitieren.

Kolkmann: In Deutschland gibt es nur zwei Flughäfen, Frankfurt Main und München, die angeflogen werden können vom Riesen. Weltweit rüsten sich 60 Airports. Ist das eine gewisse Einschränkung?

Gante: Nein, Einschränkung meine ich nicht, weil die großen Streckenverbinder, die werden sich halt in Deutschland auf zwei, maximal drei Flughäfen konzentrieren. Düsseldorf ist ja auch noch in der Diskussion. Insofern ist das keine Einschränkung, sondern das sind die heutigen "Hubs", wie man das nennt, die Verbindung. Die werden sich auch in Zukunft entsprechend mit dem A380 entwickeln.

Kolkmann: Fragt sich, wie steht es um den Umweltschutz? Der A380 wird heftige Wirbel erzeugen und zwar in Orkanstärke, das wird sich auswirken auch auf den Luftverkehr und natürlich auch auf die Umwelt insgesamt. Nutzt solche Gigantomanie wirklich?

Gante: Die Wirbelschleppen werden natürlich von jedem startenden Flugzeug erzeugt und es ist klar, dass bei der A380 die Wirbelschleppen etwas größer sein werden als zum Beispiel beim Jumbo bisher. Aber mit den entsprechenden Abständen, das betrifft ja hier im Wesentlichen die Startkonfiguration, ist dieses Risiko für andere Flugzeuge auf ein Minimum auch beschränkt. Insofern gibt es dort nichts Ungewöhnliches. Ansonsten ist der A380 vom Umweltthema her der umweltfreundlichste Flieger, den es überhaupt gibt. Sowohl was die Abgaswerte angeht, die Treibstoffreduzierung. Das ist ein Flugzeug, was 2,9 Liter Kerosin auf 100 Kilometer praktisch verbraucht. Also, quasi das Drei-Liter-Auto in der Luft. Insofern glaube ich, dass es sehr umweltverträglich gebaut wird und auch umweltverträglich ist. Auch was die Lärmentwicklung angeht, ist es das geräuschärmste Flugzeug gegenüber zum Beispiel dem Jumbo gemessen, was wir dann zukünftig in der Luft fliegen haben.

Kolkmann: Heute wird der Prototyp des neuen Airbusriesen in Toulouse vorgestellt. Das war der Präsidialgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie. Danke für das Interview, Hans-Joachim Gante.
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