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1.2.2005
Primor: Kein Verständnis dafür, dass die NPD frei agieren kann
Interview mit Avi Primor, ehemaliger Botschafter Israels in Deutschland
Moderation: Hanns Ostermann

Avi Primor, ehemaliger Botschafter Israels in Deutschland (Bild: AP)
Avi Primor, ehemaliger Botschafter Israels in Deutschland (Bild: AP)
Ostermann : Heute hat sich Vieles normalisiert. Vor allem auch durch den Besuch von Johannes Rau im Jahr 2000. Rau fand Worte wie nie zuvor ein deutscher Staatsgast auf israelischem Boden für die ermordeten Juden. Sein Auftritt gilt als ein historisches Wegzeichen in den deutsch-israelischen Beziehungen. Heute nun kommt sein Nachfolger. Horst Köhler ist vier Tage lang zu Gast in Israel. Der Anlass: Vor 40 Jahren nahmen beide Staaten diplomatische Beziehungen zueinander auf. Am Telefon begrüße ich den früheren Botschafter Israels in Deutschland, Avi Primor. Guten Morgen, Herr Primor.

Primor: Guten Morgen, Herr Ostermann.

Ostermann: Auch Horst Köhler wird morgen vor der Knesset sprechen. Auch er übrigens in Deutsch. Was erwarten Sie von seiner Ansprache?

Primor: Viel Verständnis erwarten wir. Verständnis für unsere Empfindlichkeit, die gelegentlich auch übertrieben sein kann. Aber angesichts unserer Geschichte, unserer Vergangenheit, alles, was unser Volk durchlebt hat, muss man ja verstehen, dass wir manches Mal sehr empfindlich sind. Außerdem erwartet man von ihm ein Verständnis nicht nur für die Vergangenheit, sondern auch für die heutige Situation. Wir leben ja in einer schwierigen Situation, aber momentan gibt es neue Hoffnungen und diese Hoffnungen sollte man ermutigen. Ich gehe davon aus, dass Horst Köhler beides tun wird. So weit ich ihn kenne, hat er sehr viel Verständnis und sehr viel Empfindsamkeit für all dies.

Ostermann: Man könnte Verständnis und Empfindsamkeit ja auch mit Empathie, mit mehr Anteilnahme überschreiben. Haben Sie generell den Eindruck, dass sozusagen die Anteilnahme Deutschlands an der israelischen Zukunft zu kurz kommt?

Primor: Nein, ich glaube nicht. Aber ich glaube, dass die Deutschen schon sehr viel Verständnis für uns haben, Empathie für uns haben und letzten Endes sind sie ja auch unsere besten Freunde in der Welt nach den Vereinigten Staaten, wie wir es behaupten und wie wir es empfinden. Aber die Deutschen äußern auch gelegentlich Kritik gegen die israelische Politik und, wie gesagt, wir sind ja sehr empfindlich, also verstehen wir es nicht immer sehr gut. Dennoch ist diese Kritik meines Erachtens vollkommen legitim, eine Kritik der Freunde und nicht der Feinde. Freunde, die es eigentlich für uns besser haben wollen und uns deshalb gelegentlich kritisieren.

Ostermann: Sollte Köhler morgen auch etwas sagen zu den NPD-Ausfällen im sächsischen Parlament, um nur ein Beispiel zu nennen?

Primor: Vollkommen. Also, da gibt es in Israel überhaupt kein Verständnis dafür, dass die NPD frei agieren kann, frei herumlaufen kann, frei demonstrieren kann. Wir sehen überhaupt keinen Unterschied zwischen der Nationaldemokratischen und der Nationalsozialistischen Partei, das ist alles das Gleiche. Wir gehen davon aus, dass diese Geduld, die man den Nazis in den 20er Jahren gezeigt hat oder auch vielleicht Gleichgültigkeit demgegenüber, dass dies es den Nazis ermöglicht hat, die Macht letzten Endes zu ergreifen. Auf jeden Fall ihre Propaganda zu verbreiten, bis sie genug Unterstützung bekommen haben. Das sollte man jetzt nicht wieder zulassen und überhaupt muss man auch verstehen, Rechtsextremisten gibt es zwar überall, aber in Deutschland da wecken sie die Gespenster der Vergangenheit und deshalb gibt es erheblich viel mehr Empfindlichkeit, wenn es in Deutschland vorkommt.

Ostermann: Also, sieht man in Israel das Ganze nicht als eine Art neuen Antisemitismus in Deutschland, sondern es ist der alte in neuem Gewand?

Primor: Ich würde nicht sagen, dass man in Israel glaubt, dass die Deutschen insgesamt wieder antisemitisch werden. Das stimmt nicht. Es gibt einen islamischen Antisemitismus, der ist tatsächlich neu und es gibt noch Überreste des alten Antisemitismus, wie es in Sachen NPD und anderer Rechtsextremisten zum Ausdruck kommt. Das heißt nicht, dass die deutsche Bevölkerung in ihrer Mehrheit so ist. Das weiß jedermann hier.

Ostermann: Vier Jahrzehnte, Herr Primor, diplomatische Beziehung zwischen unseren Ländern. Trotzdem wird bei Besuchen in Israel immer noch auf jedes Wort, auf jede Geste geachtet. Wird sich das jemals ändern?

Primor: Ich habe schon längst die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel als eine Geschichte der Wunde und der Narbe beschrieben. Das heißt, unsere Beziehungen in der Nachkriegszeit haben sehr schwierig begonnen, wenn überhaupt und beruhten auf einer offenen Wunde. Diese Wunde hat sich mit der Zeit vollkommen vernarbt. Es gibt keine Wunde mehr. Aber eine Narbe ist ja auch empfindlich. Wenn sie sich mal am Körper kratzen und eine Narbe treffen, dann schmerzt es. Also, es ist eine gewisse Empfindlichkeit bestehen geblieben. Die Freundschaft ist echt, die ist sehr tief greifend. Die Zusammenarbeit ist wichtiger als mit irgendeinem anderen Land in der Welt außer den Vereinigten Staaten. Eine bestimmte Empfindlichkeit ist noch bestehen geblieben. Die braucht Zeit, die braucht schlicht und einfach Zeit. Nicht weil man die Deutschen heute mit irgendwas beschuldigt, keiner spricht mehr von Schuld, aber man kann die Vergangenheit nicht vergessen, man wird sie auch nicht vergessen.

Ostermann: Lassen Sie uns in die nächste Zukunft schauen. Die Köhlerreise findet in einem für den Nahost-Friedensprozess günstigen Klima statt. Kann die Bundesrepublik hier vermitteln zwischen Israelis und Palästinensern oder überschätzen sich die Deutschen, wenn sie ihre Dienste in dieser Frage anbieten?

Primor: Sie überschätzen sich keineswegs. Dennoch würde ich sagen, die Deutschen sollten im Rahmen der Europäischen Union arbeiten, wo die Deutschen sowieso unsere Befürworter sind und uns allgemein helfen. Was die Deutschen heute tun können, ist nicht unbedingt zu vermitteln zwischen Israelis und Palästinensern, es sieht so aus, als würde das nicht mehr nötig sein, zumindest vorübergehend.

Aber die Deutschen sollten nicht nur die israelische Regierung ermutigen, die israelische Regierung kann man ja kritisieren, aber momentan hat sie einen sehr wichtigen Schritt unternommen, der in die richtige Richtung geht, das sollte man ermutigen. Zweitens sollte man den Palästinensern Hilfe leisten. Ich glaube nicht, dass die neue palästinensische Regierung einen Friedensprozess übernehmen kann, wenn sie von der Unterstützung der Bevölkerung, der palästinensischen Bevölkerung nicht profitieren kann. Um von dieser Bevölkerung Unterstützung zu bekommen, Rückenstärkung zu bekommen, muss die Regierung irgendetwas für die Lebensbedingungen der Palästinenser tun. Die leben ja so sehr im Elend, besonders seit Anfang der Intifada vor vier Jahren, da brauchen sie wirklich Hilfe, damit die Palästinenser sehen, wenn sie auch nicht sofort die permanente Lösung vor Augen haben, zumindest sehen sie irgendeine Verbesserung und das ist eine materielle Verbesserung, wo die EU sehr nützlich sein kann.

Ostermann: Der frühere Botschafter Israels in Deutschland, Avi Primor.
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