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2.2.2005
Senkung der Lohnnebenkosten gefordert
Interview mit Ulrich Blum, IWH

Im Wartebereich der Anklamer Agentur für Arbeit sitzen Arbeitssuchende der Region (Bild: AP)
Im Wartebereich der Anklamer Agentur für Arbeit sitzen Arbeitssuchende der Region (Bild: AP)
Angesichts der Zahl von mehr als fünf Millionen Arbeitslosen hat der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Ulrich Blum, eine drastische Senkung der Lohnnebenkosten gefordert.

Das Wachstum sei nicht groß genug, um letztlich Menschen in Arbeit zu bringen, sagte Blum im DeutschlandRadio Berlin. Dafür brauche man 2,5 Prozent oder inzwischen sogar drei Prozent. Durch die Öffnung seit 1990 seien über eine Milliarde Menschen zusätzlich in den Wettbewerb getreten. "Diese Erhöhung der Wettbewerbsintensität ist besonders kritisch für die einfachen und wenig qualifizierten Beschäftigten in unserem Land."

So verursache ein einfacher Arbeitnehmer mit einem Nettolohn von drei, vier Euro dem Arbeitgeber Kosten um die 20 Euro. "Das heißt die Person braucht die fünffache Arbeitszeit, um eine Arbeitsstunde selbst zurück zu kaufen", erklärte Blum. "Dieser Keil ist einfach zu groß."

Eine von den Arbeitgebern geforderte Lockerung der Regeln müsse man intelligenter machen. Sie müssten den Menschen eine Perspektive geben, dass das, was sie lernen und wofür sie investieren im Sinne einer Ausbildung, ertragreich verwendet werden könne. "Das ist die Janusköpfigkeit des Systems." Auf der anderen Seite forderte Blum eine Flexibilität in den Betrieben, "damit diese atmende Betriebe" werden und sich damit der Nachfragesituation anpassen" könnten.

Die so genannten Mini-Jobs und Ein-Euro-Jobs bewertete der IWH-Präsident durchaus positiv, warnte allerdings deutlich vor den Konsequenzen. Immerhin seien sie die ersten Jobs, die sozialversicherungsfrei seien. Allerdings habe er Angst vor dem "Drehtür-Effekt", der in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Hamburg stattfinde. So würden beispielsweise Schule mit Ein-Euro-Jobs renoviert, weil man es sich sonst nicht leisten könne. Damit verliere aber langfristig der Handwerker seinen Job. "Da nimmt man lieber das gesamte Geld und gibt den Auftrag dem Handwerker", so Blum.

Für die Bundesländer im Osten Deutschlands forderte er "eine Beschäftigungsförderung über Industrialisierung". "Wir werden den gewerblichen Bereich weiter fördern müssen. Nur vielleicht intelligenter, d.h. kompetenzorientierter." Wenn die ostdeutschen Haushalte mit dem Solidarpakt-Geld für den Aufbau-Ost ihre Schulden tilgten, dann stünden sie "vor einem Haushalts-Notstand". "Das große Problem ist, dass das Kind haushaltstechnisch in den Brunnen gefallen ist, dass man eigentlich mit einer gezielten Entschuldung der Ostländer beginnen muss, um langfristig eine solide Haushaltsplanung zu machen."

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