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10.2.2005
Berlinale-Chef verteidigt geringe Anzahl von Hollywood-Filmen
Interview mit Dieter Kosslick, Leiter der Berlinale
Moderation: Marie Sagenschneider

Berlinale-Chef Dieter Kosslick bei der Vorstellung des Festivalprogramms in Berlin, 1.2.2005 (Bild: AP)
Berlinale-Chef Dieter Kosslick bei der Vorstellung des Festivalprogramms in Berlin, 1.2.2005 (Bild: AP)
Sagenschneider: Für Cineasten beginnt heute eine wunderbare, wenn auch reichlich anstrengende Zeit, denn die Berlinale startet und zwar zum mittlerweile 55 Mal. Fast 350 Filme aus rund 50 Ländern werden in den kommenden zehn Tagen am Potsdamer Platz in Berlin gezeigt. Der Kampf um die Bären allerdings, der findet im kleinsten Kreis statt: Im offiziellen Wettbewerb, in dem 21 Filme miteinander konkurrieren, sind 16 Weltpremieren zu sehen, fünf Debüts und immerhin drei deutsche Produktionen. Thematisch, das hat der Leiter des Festivals, Dieter Kosslick auf einen kurzen Nenner gebracht: Fußball, Sex und Politik. Herr Kosslick, ich grüße Sie.

Kosslick: Hallo.

Sagenschneider: Geht es nicht irgendwie immer um Sex, Politik und Fußball?

Kosslick: Ja, da sehen Sie mal, was wieder Massenkommunikation bedeutet. Sie müssen nur das sagen, um was es immer geht, und schon ist es ein Thema. Es geht tatsächlich um Fußball im Talentcampus. Wir haben ausgeschrieben, ein- bis dreiminütige Filme einzureichen. Wir haben über 600 bekommen aus der ganzen Welt. Dort wird eine Rolle gezeigt. Kaiser Franz wird da sein und das ist im Rahmen unserer Arbeit, die wir schon im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft 2006 machen. Das kann man sich also im Talentcampus angucken. Politik gibt es natürlich auch. Das ist Tradition der Berlinale, das ist ja auch nicht neu. Dieses Jahr Afrika. Wir haben alleine zwei Filme im Wettbewerb über Ruanda, über den Genozid vor zehn Jahren. Es gibt natürlich auch in allen anderen Sektionen harte Filme über das harte Leben. Über Sex, das kam vielleicht zufällig, aber tatsächlich beschäftigen sich Filmemacher auf der ganzen Welt mit dem Thema Sex, und wir haben viele von diesen Filmen nach Berlin bekommen und schon haben sie einen Schwerpunkt.

Sagenschneider: Wie sehr nervt Sie eigentlich die Frage nach den Stars?

Kosslick: Die Frage nach den Stars beantworte ich einfach so, indem ich sage, Kevin Spacey kommt, Kirstin Scott Thomas, Keanu Reeves kommt, Angelica Huston kommt.

Sagenschneider: Das haben Sie schon auswendig gelernt?

Kosslick: Da bin ich jetzt fit, vorher wusste ich das auch nicht. Es kommt aber auch Depardieu und es kommt Catherine Deneuve, es kommt Daniel de Luis und es kommen noch viele andere Überraschungen. Ich glaube, ich stehe nicht alleine auf dem roten Teppich, soweit ich das im Moment überblicken kann. Aber man weiß ja nie.

Sagenschneider: Ein solches Festival wie die Berlinale, das lebt ja auch immer von Experimenten. Entweder, dass man ein Thema in den Mittelpunkt rückt, von dem man weiß, dass es doch Kontroversen auslösen wird oder dass auch möglicherweise einmal eine neue Form gezeigt wird. Was bietet denn die Berlinale da in diesem Jahr?

Kosslick: Ich habe ja gelesen in irgendeiner Zeitung jetzt im Vorfeld, dass alles gut ist mit der Berlinale, aber ich soll einmal für ein paar Skandale sorgen.

Sagenschneider: Und, tun Sie es?

Kosslick: Das weiß ich nicht. Der Skandal entsteht ja eigentlich erst im Kopf des Betrachters. Wir haben Filme programmiert, die ich alle für skandalös halte. Wenn ich sehe, was mit Kindersoldaten in Uganda gemacht wird, was zwei Selbstmordattentäter in Palästina so treiben.

Sagenschneider: Aber das wird ja nicht wirklich Kontroversen auslösen, weil ja da alle derselben Meinung sind, nämlich, dass man das verurteilen sollte.

Kosslick: Ich meine, Kontroversen auslösen wird vielleicht so ein Film wie der taiwanesische Wayward Cloud, wo auch das Thema Sexualität im Mittelpunkt steht, aber auf eine ganz andere Art. Ich kann Ihnen das nicht sagen. Ich kann ja jetzt nicht einen Skandal programmieren und wenn sich heute hier am Potsdamer Platz bei sieben Grad Minus jemand die Hose auszieht, wie das letztes Jahr auf dem roten Teppich war, als die Studenten da rum turnten. Ich meine, da schauen alle auch nur hin und sagen, diese armen Buben.

Sagenschneider: Das stimmt, aber von solchen Skandalen hatte ich auch nicht geredet. Ich hatte es schon erwähnt, im Wettbewerb sind, wie schon im vergangenen Jahr, wieder drei deutsche Filme vertreten: "Gespenster" von Christian Petzold, "Sophie Scholl - Die letzen Tage" von Marc Rothemund und Hannes Stoers "One Day in Europe". Überhaupt ist der Anteil deutscher, auch europäischer Produktionen recht hoch, was ist der Grund dafür? Wir reden jetzt vom Wettbewerb.

Kosslick: Vom Wettbewerb. Wir haben sehr viele interessante Filme gefunden aus Europa, auch aus Asien übrigens, aber überwiegend auch aus Europa. Es gab einige Filme, die aufgrund der Oscarnominierung schon vorher ins Kino gekommen sind, großartige Filme wie Aviator. Von daher sieht es jetzt in dem Programm so aus, als ob die Mehrheit europäische Filme sind. Für den Wettbewerb, für das Gesamtprogramm ist das nicht richtig. Wir haben noch nie so viele unabhängige amerikanische Filme im Programm gehabt wie bei dieser 55. Berlinale. Dieses Jahr sind es starke Europäer und das ist ja auch mal was Schönes.

Sagenschneider: Woran liegt es denn, dass Filme wie Aviator oder Ray, bei denen man früher gedacht hätte, ganz klar ein Fall für die Berlinale, weil das natürlich auch ein geniales Werbeforum für solche Filme ist, dass die jetzt schon vorab in den Kinos laufen und auf der Berlinale dann gar nicht mehr zu sehen sind?

Kosslick: Glauben Sie eigentlich, dass sie die Leute aufhalten können, wenn seit Monaten diese Filme, die mit Hunderten von Millionendollarkrediten über Banken finanziert sind, dass die sie nicht ins Kino bringen, jetzt mal unabhängig vom Oscar. Das ist nur eine Geschichte für Leute, die nicht wirklich wissen, wie die Filmwirtschaft läuft. Wenn ein Film fertig ist, tickt die Uhr, und wenn der Film nicht ins Kino kommt, dann fallen jeden Tag gigantische Zinsen an. Also, darauf zu warten, auf irgendein Festival, um es dann zu machen, ist zwar eine schöne Sache, wenn es hinhaut und wenn es funktioniert, aber es gibt tausend andere Gründe, warum die Filme schnell ins Kino müssen. Einer ist: für die Oscarnominierung muss der Film in vielen anderen Ländern gezeigt werden wegen Piraterie. Wenn die Filme in anderen Ländern gezeigt worden sind, dann können sie bei uns nicht mehr laufen. Das ist ein klarer Zusammenhang und den, den ich gesagt habe, ein Film ein halbes Jahr aufzuheben, um ihn dann auf einem Festival zu zeigen, das ist filmwirtschaftlich, sage ich einmal, Blödsinn. Weil sie da unheimlich viel Geld verlieren. Nur können sie das natürlich nicht den Leuten klarmachen, aber dieses Jahr scheint es offensichtlich ein großes Thema zu sein. Jetzt ist es so. Ich kann nicht Filme auf der Berlinale spielen, die schon vorher im Kino gelaufen sind und nicht jeder wollte jetzt auf die Berlinale warten. Das muss man auch verstehen.

Sagenschneider: Der Verweis auf den Oscar bedeutet, dass die Oscarverleihung um einen Monat etwa nach vorne geschoben worden ist, was natürlich extrem ungünstig für die Berlinale ist.

Kosslick: Klar, das beeinflusst natürlich das schon. Aber jetzt warten wir erstmal die nächsten zwei, drei Jahre ab. Nächstes Jahr ist es schon wieder eine Woche später. Warten wir erstmal ab, was sich tut. Ich habe da im Moment noch keine Panik und ich bleibe da auch auf dem Teppich. Die Berlinale ist ein riesen Festival mit Hunderten von Filmen. Wir reden hier über ein, zwei Prozent, die natürlich dann, sage ich mal, in allen Zeitungen stehen, aber wir das ganz mit Bravour hier veranstalten. Ich hoffe, dass den Leuten auch dieses Programm gefällt, und wissen Sie, es kommen ja wieder 150 bekannte Stars und weniger bekannte Stars. Die Leute wollen ja eigentlich immer nur dieselben. Es muss immer George Clooney über den Teppich laufen und wenn der nicht kommt, ob der einen Film hat oder nicht, dann gibt es immer Ärger. Das sind auch in der Zwischenzeit Gesetze, die sie da befolgen müssen, die möchte ich nicht befolgen.

Sagenschneider: Welchen Film, Herr Kosslick, das ist jetzt, ich weiß, eine super gemeine Frage bei 300 oder fast 350 Filmen, welche Filme sollte man unbedingt gesehen haben?

Kosslick: Ich darf das gar nicht sagen, weil ich die Filme im Wettbewerb ja gar nicht bewerten darf. Aber ich denke schon, dass man sich mal einen oder vielleicht die beiden Filme über Ruanda anschauen soll. Nicht unbedingt jetzt aus filmexperimentellen Gründen, sondern weil dieses Thema ja so kompliziert ist und es eigentlich niemand richtig verstanden hat. In diesen beiden Filmen sieht man mal, was da eigentlich los war in Ruanda und dass sich nicht zwei schwarze Brüder den Kopf eingeschlagen haben, sondern dass die ganze Sache natürlich auch eine Folge der Kolonialpolitik war und der belgischen Politik in diesem Land. Schon allein das lohnt sich, wenn man darüber aufgeklärt wird, damit man endlich weiß, was da eigentlich los war.

Sagenschneider: Herr Kosslick ich danke Ihnen. Dieter Kosslick, der Leiter der Berlinale im Gespräch mit Deutschlandradio Berlin.
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