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16.2.2005
Trittin: Kyoto-Protokoll nur der erste Schritt
Interview mit Jürgen Trittin, Bundesumweltminister
Moderation: Birgit Kolkmann

Jürgen Trittin, Bundesumweltminister, Bündnis90/Die Grünen (Bild: AP)
Jürgen Trittin, Bundesumweltminister, Bündnis90/Die Grünen (Bild: AP)
Kolkmann: Heute dürfte viel gejubelt werden. Das Kyoto-Klimaschutzabkommen tritt endlich weltweit in Kraft. Nach Jahren des Streits, des US-Boykotts hatte Russland schließlich den Weg frei gemacht. Doch tief durchatmen können die Menschen trotzdem nicht, denn der Erfolg ist wahrscheinlich eher ein politischer, als ein ökologischer. Denn die Ziele, bis zum Jahr 2012 den Ausstoß von Treibhausgasen um mindestens fünf Prozent gegenüber 1990 zu verringern, dürften kaum zur Hälfte erreicht werden. Zum Interview begrüße ich nun Bundesumweltminister Jürgen Trittin von den Grünen. Willkommen in der OrtsZeit.

Trittin: Guten Tag.

Kolkmann: Herr Trittin, schlägt heute Ihr Umweltschützerherz höher?

Trittin: Ich freue mich. Wir haben nach acht Jahren schweren politischen Kampfes gegen den Versuch der Blockade, haben sich 141 Staaten darauf geeinigt, dass die Hauptverursacher für den globalen Klimawandel erstmal einen Deckel auf ihre Treibhausgas-Emissionen völkerrechtlich verbindlich zu schrauben haben.

Kolkmann: Nun müssen aber die Bürger in den einzelnen Staaten auch mitmachen. Speziell auch in der Bundesrepublik. Mit Umweltschutz haben aber viele Bundesbürger nicht viel am Hut, das hat eine neue Emnid-Umfrage ergeben, denn nur jeder zweite kann mit dem Kyoto-Protokoll etwas anfangen. Ist das nicht mehr so weit her mit dem Umweltbewusstsein hier in Deutschland?

Trittin: Ich glaube, dass der Begriff natürlich immer Schwierigkeiten macht. Wenn man die Menschen fragen würde, halten sie es vernünftig, dass wir tatenlos einer Entwicklung zusehen, wo aufgrund der globalen Erwärmung es zu immer häufigeren Stürmen und Extremwetter, zu höheren Anteilen von Überschwemmungen und ähnlichem kommt, dann fällt die Antwort eindeutig aus, einer solchen Entwicklung muss vorgebeugt werden. Deswegen sagen wir, wir müssen alles dafür tun, dass die globale Durchschnittstemperatur nicht um mehr als zwei Grad steigt. Dafür ist das, was heute verabschiedet worden ist, nicht hinreichend. Aber es ist eben der notwendige erste Schritt, den wir tun müssen, erstmal einen Deckel auf die Treibhausgas-Emissionen, um sie dann perspektivisch deutlich zu senken.

Kolkmann: Brauchen Sie jetzt aber gerade die Bereitschaft der Bürger, damit auch die Klimaziele erreicht werden, sprich Einsparungen beim Verkehr, beim Autoverkehr vor allem, und im Hausverbrauch bei der Heizung?

Trittin: Wir haben hier in den letzten Jahren sehr positive Erfahrungen gemacht. Bis '98 stiegen die Emissionen gerade des privaten Verkehrs und der Haushalte extrem an. Wir haben diesen Trend umgekehrt. Mit der Einführung der Ökosteuer ist es gelungen, die jährlichen CO2-Emissionen aus dem Verkehr wieder schrittweise runterzubringen. Diese Tendenz wird sich verstärken durch die jetzt eingeführte Maut für LKWs auf unseren Autobahnen und besonders gut sieht es im Bereich der privaten Haushalte aus. Wir haben mit der neuen Energieeinsparverordnung und dem aus der Ökosteuer finanzierten CO2-Einsparprogramm für Gebäude hier tatsächlich eine Absenkung bis weit unter das Niveau von 1990 hinbekommen. Gerade solche Programme, wie etwa CO2-Einsparungen im Gebäudebereich werden massiv nachgefragt. Und ich freue mich, dass in den letzten fünf Jahren es gelungen ist, die Zahl der Sonnenkollektoren auf deutschen Dächern um fast das Vierfache zu steigern. Inzwischen gibt es vier Millionen Quadratmeter Fläche. Das spart richtig Öl und CO2.

Kolkmann: Alternative Energien sind aber nicht alles. Das meiste kommt eben immer noch aus Wärmekraftwerken. Es gibt ja nun Kritik an Ihrem Haus, das Umweltministerium habe keine Pläne erarbeitet mit konkreten Maßnahmen. Im Verkehrsministerium gibt es sie auch nicht, auch nicht im Wirtschaftministerium. Wird da jetzt der schwarze Peter hin und her geschoben, wer das bitte ausarbeiten soll?

Trittin: Nein, das ist alles ziemlicher Blödsinn, was da in einigen Briefen drin steht. Es ist so, dass gerade im industriellen Bereich wir dieses Jahr begonnen haben mit dem System des Emissionshandels. Da gibt es sogar eine feste Vorgabe. Auf diese Weise sparen wir zu den Zweihundert Millionen Tonnen CO2, die Deutschland inzwischen eingespart hat, das sind zwei Drittel der Emission der gesamten Europäischen Union, noch mal zehn Millionen weitere sehr konkret ein. Also von Maßnahmelosigkeit und schwarzem Peter kann hier überhaupt keine Rede sein. Was richtig ist, wir erwarten allerdings auch von anderen Ressorts, dass die sich über die Erreichung der von ihnen akzeptierten Reduktionsziele Gedanken machen und dafür Maßnahmen vorschlagen. Da bin ich aber ziemlich ruhig, dass die das tun werden.

Kolkmann: Es gibt ja Umweltverbände, sehr renommierte, wie der BUND, wie der WWF, die sagen, wenn das so weitergeht und Deutschland möglicherweise diese Ziele nicht erreicht, dann werde es seiner Vorreiterrolle im Klimaschutz nicht gerecht werden.

Trittin: Das wäre richtig, wenn das so wäre. Aber noch mal, wir haben 200 Millionen Tonnen eingespart. Kein Land in Europa hat soviel eingespart. Ohne uns wäre die klimapolitische Bilanz der Europäischen Union negativ. Wir hätten keine Senkung, sondern eine Steigerung in Europa gehabt. Und wir sind eines der wenigen Länder, das nicht nur sein Ziel fast schon erfüllt hat, wir liegen nur wenige Prozentpunkte davon entfernt von den 21 Prozent, und die sind gleichzeitig das höchste Reduktionsziel von allen anderen Staaten.

Kolkmann: Nun muss man aber auch sagen, dass diese schönen Prozentpunkte dadurch zustande gekommen sind, weil die Industrieanlagen, die Altanlagen in der DDR, stillgelegt worden sind.

Trittin: Da frage ich ja immer im Gegenzug, hätten wir die weiterlaufen lassen sollen?

Kolkmann: Das nicht aber das war schon mal ein guter Brocken.

Trittin: Wenn wir also die schlechten Braunkohlekraftwerke, die wir heute durch neuere ersetzt haben, laufen lassen sollen ... Im übrigen können Sie ganz ruhig sein, zwei Drittel der Reduktion sind in Westdeutschland entstanden und in den Bereichen Haushalt und Verkehr. Insofern sollte man die Klimaschutzbemühungen, die ja im Osten durchaus nicht ohne Konflikte abgegangen sind, Deutschlands nicht runter machen, wie es einige Umweltverbände tun. Man muss aber festhalten, selbst wenn man das alles abziehen würde, hätte Deutschland immer noch mit Abstand die meisten Reduktionen von allen europäischen Staaten gemacht. Ich kann dieses Gerede, dass die angebliche klimaschutzpolitische Vorreiterrolle Deutschlands infrage stellt, ehrlich gesagt vor dem Hintergrund der internationalen Leistungen auch nicht nachvollziehen. Die wird von den Umweltverbänden auch übrigens bei Besuchen im Ausland nie erhoben, sondern da werden die anderen Länder immer deutlich darauf hingewiesen, wie gut das in Deutschland wäre. Gelegentlich würde es gut sein, das, was man im Ausland erzählt, auch zu Hause zu erzählen.

Kolkmann: Sie sind ja optimistisch. Wenn wir jetzt noch mal ganz kurz über das Ausland sprechen, hoffen Sie da auch auf die Initiative des britischen Premiers Blair, der ja den G8-Gipfel in Schottland im Sommer ganz ins Zeichen des Klimaschutzes setzen möchte?

Trittin: Ich glaube, das ist eine gute Initiative, insbesondere die Vereinigten Staaten an ihre Pflichten zu erinnern, die sie selber jenseits ihrer Ablehnung von Kyoto eingegangen haben. Die USA haben sich verpflichtet, im Rahmen der Klimarahmenkonvention, ihren CO2-Ausstoß auf dem Niveau von 1992 zu stabilisieren. Davon sind sie weit entfernt. Und hier muss mit allem Nachdruck darauf gedrungen werden, dass die USA ihren Verpflichtungen im eigenen Land, auch wenn sie Kyoto nicht mögen, endlich nachkommen und sich nicht ständig mit Forschungsbedarf und anderen Ausreden behelfen. Es bedarf keiner Forschung, um zu wissen, dass es klüger ist, ein Gebäude mit Isoliermaterial zu dämmen, anstatt es über eine teure stromfressende Klimaanlage zu temperieren. Das ist eben nicht akzeptabel, dass in den gleichen Lebensverhältnissen, auf der Ebene des gleichen Lebensstandards wie in Europa, zweieinhalb mal so viel Treibhausgase pro Kopf emittiert werden. Schon die in Europa sind zu hoch, was muss man dann erst von den USA sagen?

Kolkmann: Heute tritt das Kyoto-Klimaschutzabkommen in Kraft. Das war ein Interview mit Bundesumweltminister Jürgen Trittin im DeutschlandRadio Berlin. Vielen Dank dafür.
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