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23.2.2005
Kornblum: Bemerkenswerte Schritte im europäisch-amerikanischen Verhältnis
Interview mit John Kornblum, ehemaliger US-Botschafter in Deutschland
Moderation: Marie Sagenschneider

John C. Kornblum, EX-Botschafter der USA in Berlin (Bild: AP)
John C. Kornblum, EX-Botschafter der USA in Berlin (Bild: AP)
Sagenschneider: Das Harmoniebedürfnis ist groß, man betont die Gemeinsamkeiten, über Differenzen wird, öffentlich zumindest, kaum noch gesprochen, dafür ist viel von Schulterschluss die Rede. Das ist schon eine andere Stimmung zwischen Europa und den USA als weiland während des Irakkriegs. Bei dem Besuch des amerikanischen Präsidenten erst in Brüssel, heute in Deutschland sollen alle Streitigkeiten offenbar begraben werden. Aber natürlich gibt es viele Themen, bei denen man sich nur mühsam oder kaum annähert, der Irak gehört nach wie vor dazu, die Atompolitik des Iran, das Waffenembargo gegen China, um nur einige zu nennen. Was also hat sich wirklich verändert außer der Tonlage? Auch darüber wollen wir nun hier im Deutschlandradio Berlin mit John Kornblum sprechen, dem früheren amerikanischen Botschafter in Deutschland. Guten Morgen, Herr Kornblum.

Kornblum: Guten Morgen.

Sagenschneider: Ist das also tatsächlich ein Aufeinanderzugehen, was wir da derzeit zwischen Europa und den USA erleben oder werden die Differenzen im Grunde nur zugeschüttet in einem sehr freundlichen Tonfall?

Kornblum: Ich finde, die Schritte, die von beiden Seiten unternommen worden sind, doch sehr bemerkenswert. Das Problem ist folgendes: es gibt immer Differenzen, hat es immer gegeben, wird es weiterhin geben. Das ist sozusagen, wie eine solche wichtige Beziehung funktioniert. Die Frage ist mehr, ist man bereit, die Differenzen auf der Basis von Gegenseitigkeit auszutragen oder kommen Emotionen und einseitige Ziele und so nach vorne. In den letzten drei Jahren haben Emotionen regiert. Jetzt haben beide Seiten verstanden, dass sie sachlich und vor allem zielbewusst arbeiten müssen, trotz Differenzen. Ich finde das einen wichtigen, bedeutenden Fortschritt.

Sagenschneider: Das heißt, Sie gehen auch davon aus, dass George Bush, der ja nun dieser Tage auch davon gesprochen hat, dass er auf ein starkes Europa setze, dass er dieses starke Europa auch will und es stärker in seine Entscheidungen mit einbeziehen wird?

Kornblum: Ja, aber natürlich gibt es da einen Haken. Er will von einem starken Europa auch starke Entscheidungen und da sind Unterschiede, da wird es auch Unterschiede geben. Wichtig wird jetzt der Prozess sein, das heißt, ist man jetzt bereit, wirklich sachlich die Fragen zu bearbeiten und hoffentlich zu pragmatischen Schlüssen zu kommen?

Sagenschneider: Worin sehen Sie denn die größten Differenzen zwischen der Regierung Bush und Europa?

Kornblum: Ich glaube, allgemein ist, und das ist auch der Grund, warum es eine gewisse Aufregung über Bush gegeben hat, die Amerikaner sind nicht mehr Status-Quo-Macht. Die wollen die Welt ändern. Die Europäer sind immer noch vor allem Status-Quo-Staaten, sie wollen die Welt behalten, wie sie ist. Das klingt vielleicht sehr einfach, aber es ist sehr kompliziert. Die Europäer wollen die EU vertiefen, ohne dass es zu viele Störungen von draußen gibt. Die Amerikaner meinen, die Störungen sind schon da, man muss ihnen aktiv entgegentreten. Das sind doch ziemlich große Unterschiede in der Handhabung der Probleme.

Sagenschneider: Das heißt, es geht im Grunde um die Frage, für George Bush, das ist ja relativ klar, um die Frage, wie demokratisiert man die Welt. Europa verhält sich da möglicherweise zu abwartend?

Kornblum: Europa meint, man muss Europa zuerst demokratisieren. Auf dieser Basis kann man auch weiterarbeiten. George Bush sieht sich als Revolutionär, das muss man verstehen und um ihn richtig zu verstehen, muss man auch die Innenpolitik sehen. Er hat sich eine Umwälzung der amerikanischen Politik als Ziel gesetzt, weg von dem rooseveltschen New Deal, der sehr basiert war auf, kann man sagen, Soziallösungen, hin zu, er nennt das immer eine Ownership-Society, also eine Gesellschaft der Besitzer, Menschen, die ihre eigene Zukunft besitzen. Das sind ziemlich starke philosophische Unterschiede und sie sind natürlich ziemlich verschieden zu den sozialen Zielen auch in Europa.

Sagenschneider: Das sind Unterschiede, die auch weiterhin für Spannungen sorgen werden?

Kornblum: Wahrscheinlich. Aber da kommen wir wieder auf unseren ersten Punkt. Versteht man, dass es diese Unterschiede gibt, handelt man jetzt auf der Basis von Gegenseitigkeit und sucht auch nach Lösungen oder wird man wieder emotionell werden? Das kann man nicht sagen, aber man kann hoffen, dass beide Seiten verstehen werden, dass es genug Streit gegeben hat, jetzt muss man eigentlich an die Tagesordnung ran.

Sagenschneider: Das wird interessant werden im Falle des Iran, beziehungsweise dessen Atompolitik. Denn nach wie vor sagt ja George Bush, wir schließen hier keine Option aus, was ja eben auch die militärische beinhaltet, sagt aber gleichzeitig, derzeit planen wir da nichts. Auf der anderen Seite: So richtig mag man die diplomatische Offensive der Europäischen Union auch nicht unterstützen. Warum eigentlich nicht?

Kornblum: Ich glaube, da ist ein riesen Missverständnis vor allem seitens der Europäer. Wenn man in einen diplomatischen Prozess eintritt, dann sagt man nicht von vorneherein, dass man auch härtere Optionen ausschließt, dann spielt die Diplomatie keine Rolle. Ich glaube, hier haben wir tatsächlich nur einen Unterschied in Nuancen. Die Amerikaner wollen sagen, wir schließen keine Optionen aus, um den Iranern klar zu machen, dass der Prozess zum Erfolg führen soll. Die Europäer wollen sagen, das ist ein diplomatischer Prozess und wir denken nicht daran, militärisch voranzugehen, das ist bestimmt richtig. Aber dann kommt die wichtige Frage, ob man bereit ist, wirtschaftliche Kosten zu tragen. Europa ist wirtschaftlich im Iran viel mehr engagiert als die Vereinigten Staaten und es wird für Europa bestimmt schwieriger sein, sagen wir, wirtschaftliche Sanktionen zu verhängen als für die Vereinigten Staaten. Ich meine persönlich, da liegt eigentlich der Unterschied, nicht so sehr bei den militärischen Fragen.

Sagenschneider: Nun besucht George Bush heute Deutschland, das erste Mal seit dem Irakkrieg. Wie, Herr Kornblum, würden Sie denn das derzeitige deutsch-amerikanisch Verhältnis definieren?

Kornblum: Ich würde es definieren, wie ich es immer definiert habe, das ist das Kernverhältnis der westlichen Welt. Amerika und Deutschland sind sozusagen die Schiene, die entscheidet, ob die atlantische Welt praktisch und fortschrittlich zusammenarbeitet oder nicht. Alle verstehen das. Diese Beziehung hat eigentlich sehr gut funktioniert in den letzten Jahren, nur auf der politischen Ebene hat es Schwierigkeiten gegeben. Die Frage ist jetzt, ob man das besser machen kann und das ist die Aufgabe der Regierungschefs.

Sagenschneider: Glauben Sie, das kann gelingen?

Kornblum: Ja, ich bin sicher, dass es gelingt. Wie gesagt, ich bin immer einer, der sagt, dass die Beziehungen nicht auseinander gerissen sind, das sind nur große emotionelle Schwierigkeiten, die auch daher kommen, dass wir tatsächlich eine revolutionäre Entwicklung gehabt haben, weg vom Kalten Krieg, weg von der Teilung Europas und hin zu einem sehr diffusen, aber glücklicherweise demokratischen Europa. Das wird seine Zeit brauchen, bis die neuen Entwicklungen verdaut worden sind.

Sagenschneider: Herr Kornblum, ich danke Ihnen. John Kornblum, der frühere amerikanische Botschafter in Deutschland im Gespräch mit Deutschlandradio Berlin.
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