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24.2.2005
Künast: Kauf von Bioprodukten ist eine Frage der Überzeugung
Interview mit Renate Künast, Bundesverbraucherschutzministerin

Bundesverbraucher- schutzministerin Renate Künast (Bild: AP)
Bundesverbraucher- schutzministerin Renate Künast (Bild: AP)
Vor der Eröffnung der weltweit größten Messe für Bioprodukte "BioFach" hat die Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, Renate Künast (Bündnis 90/Die Grünen), erklärt, dass der Kauf von Bioprodukten weniger eine Frage des Geldbeutels als der Überzeugung sei.

Künast: Nein, nicht mehr. Ich glaube, dass wir mittlerweile auf einem ganz anderen Weg sind und zwar darf man es auch nicht mehr nur deutschlandweit betrachten, sondern muss sehen, dass das ein internationaler Markt ist, der sich da entwickelt, der über 30 Milliarden Euro umsetzt auf dem Weltmarkt und er wächst und boomt weiter. Whole Foods ist auf dem US-Markt an der Börse sozusagen neben Microsoft die bestgehende Aktie und je mehr wellness und Ernährungsbewusstsein, auch wegen der Übergewichtsprobleme, desto mehr wird sich in diesem Bereich bewegen, so dass wir also bei den Ökoprodukten dann als Argument nicht nur die Umwelt haben, sondern auch unsere Gesundheit und natürlich Genuss. Jetzt sind wir so aufgestellt, dass es immer größer werden kann.

Degenhardt: Sie sprachen von bewegen. Wie wollen Sie denn ganz praktisch bei der Ernährungsindustrie hier bei uns mehr Appetit auf Bio wecken?

Künast: Wir haben ein Bundesprogramm ökologischer Landbau, an dem wir so manches tun: den Forschungsbereich weiter entwickeln, so dass Probleme, die im Alltag bei der Herstellung, beim Anbau noch bestehen, gelöst werden, wir haben die Vermarktung und Verarbeitung auch regional weiter gefördert, weil gerade die mittelständischen Betriebe das nicht jeweils alleine tun können und wir haben ein Biosiegel mit jetzt 25.000 Produkten, also eine leichte Erkennbarkeit, die Sie überall in den Regalen finden und damit haben wir ein bisschen Angebot und Nachfrage mit einem Hin- und Herwiegen und einen gegenseitigen Sich-weiter-hochschaukeln in Bewegung gebracht und jetzt sieht auch der Lebensmittelproduzent, dass hier ein Markt ist. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass eine große deutsche Einzelhandleskette jetzt sagt, wir stellen nicht nur Bioprodukte ins Regal, was sie in den letzten drei Jahren angefangen haben, sondern wir machen Biosupermärkte auf.

Degenhardt: Genau diese entstehen vor allem in Groß- und Universitätsstädten. Sind also Bioprodukte vor allem etwas für Kunden mit höherer Bildung und höherem Einkommen?

Künast: Naja, man kauft ja Bio nicht nur im Supermarkt ein, sondern gerade in den Flächenländern gibt es Hofläden, Stände auf dem Märkten, wo Sie schöne frische Produkte bekommen. Das sehe ich nicht so. Wir haben auch keine Erkenntnis darüber, dass es am Ende nur die Reicheren wären, nein, Bio ist manchmal auch eine Frage der Überzeugung und es gibt auch viele Eltern, die sagen, das Bioessen meiner Kinder soll ja nicht mit dem Ende Gläschenzeit aufhören, wo ja fast alles auf Bio umgestellt ist, sondern wir machen bei Obst und Gemüse für unsere Kinder gleich weiter. Bio kostet natürlich ein bisschen mehr als konventionelle Produkte, aber wir wollen die Preisdifferenz dadurch reduzieren, dass wir den ökologischen Bereich unterstützen, damit er besser vermarkten kann zum Beispiel, die Kosten dadurch senken und jeder weiß ja, dass der Biobereich keine Umweltfolgekosten hat, die wir alle bezahlen müssen und dann ist da noch die reine Frage der Überzeugung. Es ist halt gesund, weil es keine Rückstände hat, wenn keine Chemie benutzt wird.

Degenhardt: Das ist alles unbestritten, aber wer weniger im Geldbeutel hat, weil er zum Beispiel keinen Job hat, kann sich Bio abschminken?

Künast: Nein, es essen ja auch nur zwei oder drei Prozent in dieser Republik nur Bio, jeder normale Mensch isst wohl gemischt. Es gibt auch ökologische Produkte, die Sie durchaus preiswert in größeren Mengen kriegen, Sie können sie saisonal einkaufen, wir haben festgestellt, dass es oftmals nicht eine Frage des Geldbeutels ist, sondern der Überzeugung, des Einkaufs. Gehen Sie mal zu Discountern in Deutschland und Sie werden feststellen, dass die regelmäßig auch Bioprodukte im Angebot haben. Aber ich sehe in Ihrer Frage noch etwas anderes stecken, nämlich ob das, was so richtig gut ist, nur für einzelne vorenthalten sein soll. Nein. Wir sorgen dafür, dass Bio in die Breite geht, jeder sich zumindest das ein oder andere kaufen kann. Dazu muss Bio überhaupt erreichbar sein und nicht nur in einigen Naturkostläden, wo man im Alltagseinkauf vielleicht nicht extra hingehen möchte. Ich wollte immer, dass Bio da ist, wo die Menschen sowieso einkaufen gehen können und zwar mit einem Einkauf und nicht drei, vier verschiedene Geschäfte ablaufen müssen. Und dann sorgen wir natürlich auch für eines: eine Ökologisierung der konventionellen Landwirtschaft. Auch dort wollen wir zum Beispiel den Pestizideinsatz massiv reduzieren, also Öko ausbauen, mehr Ökologie bei den Konventionellen und das ist dann nicht nur für die Umwelt, sondern für uns alle.

Degenhardt: Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Rot-Grün lenke den Verbraucher in Ihre ideologische Linie hinein und treibe damit einen keil zwischen den Biolandwirten auf der einen und den konventionell arbeitenden Bauern auf der anderen Seite?

Künast: Oh mein Gott, das sind glaube ich Debatten, in die ich mich gar nicht reinbegeben will. Das ist sozusagen eine Botschaft aus dem Mittelalter. Die Debatte ist längst woanders, das ist ein bisschen von CDU und dem deutschen Bauernverband angeschoben. Ich setze darauf, dass beide wie bei nachwachsenden Rohstoffen einige Jahre später auch endlich verstehen, dass das ein positiver Wirtschaftsfaktor ist. Vor drei, vier Jahren haben sie mich noch ausgebuht bei den nachwachsenden Rohstoffen als Einkommensmöglichkeiten, auch als Alternative zum Erdöl, heute tun sie so, als sei das ganz selbstverständlich. So wird es in drei, vier Jahren beim Ökolandbau sein. Und wie gesagt, die bestgehende Aktie auf dem US-Markt ist die einer Biosupermarktkette, hier in Deutschland haben Sie zehn, zwanzig, dreißig Prozent Wachstum im letzten Jahr gehabt im Handel in diesem Bereich. Wer nicht versteht, dass Öko gut ist, sollte vielleicht einfach den Wirtschaftsfaktor verstehen und Sie dürfen als Hörerin oder Hörer eines nicht verwechseln: Öko selbst und das Interesse, dass sie hier bei der Opposition gerne grüne Politiker anmachen, aber das hat in der Sache herzlich wenig mit dem zu tun, was wirklich passiert.

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