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26.2.2005
Reiter: Deutsch-polnische Beziehungen sind "relativ ruhig" aber "noch fragil"
Interview mit Janusz Reiter, ehemaliger polnischer Botschafter

Janusz Reiter (Bild: privat)
Janusz Reiter (Bild: privat)
Für den ehemaligen Botschafter und jetzigen Direktor des Zentrums für internationale Beziehungen in Warschau, Janusz Reiter, sind die Auswirkungen durch die Europäische Erweiterung kein "bilaterales Thema", sondern ein gesamteuropäisches. Man könne sich nicht nur die angenehmen Seiten der europäischen Integration auswählen und die anderen außer Kraft setzen.

Vor der Rede des polnischen Präsidenten Aleksander Kwasniewski über die Zukunft Europas hat der ehemalige Botschafter und jetzige Direktor des Zentrums für internationale Beziehungen in Warschau, Janusz Reiter, die deutsch-polnischen Beziehungen als "relativ ruhig" aber "noch fragil" bezeichnet.

Man habe in den letzten Jahren auch Phasen erlebt, in denen die Beziehungen große Aufregung weckten, besonders auf polnischer Seite, sagte Reiter im DeutschlandRadio Berlin. Dennoch warnte er bei der derzeitigen Ruhe davor, dass es kein richtiges Vertrauen gebe und dass dieses nicht gefestigt sei.

"Man muss sich fragen, wann es eine neue Krise geben wird."

Missstimmungen wie beispielsweise wegen Arbeitsplatzverlustes in Deutschland seit der Erweiterung der Europäischen Union nannte Reiter "kein bilaterales Thema". In Folge der Dienstleitungsfreiheit in der EU sind tausende von Arbeitsplätzen in Deutschland an polnische Arbeitgebern gegangen.

"Es sind die Spielregeln, die in der ganzen Europäischen Union gelten. Und diese Spielregeln sind nicht immer nur angenehm für die Mitgliedsländer, auch für Polen."

Man könne sich nicht nur die angenehmen Seiten der europäischen Integration auswählen und die anderen außer Kraft setzen. Deshalb sei das Problem ein europäisches, auch wenn es in der Wahrnehmung ein deutsch-polnisches Problem sei.

"Das ist Teil der normalen wirtschaftlichen Prozesse, die in Europa stattfinden. Im Grunde auch der Globalisierung", unterstrich der Direktor des Warschauer Zentrums für internationale Beziehungen.

Darüber hinaus betonte Reiter, dass die engen Beziehungen zwischen dem deutschen Bundeskanzler und dem russischen Präsidenten Polen nicht irritiere. Hier komme es sehr stark darauf an, "dass man in Polen aber auch in anderen Ländern die Gewissheit hat, diese Beziehung ist transparent." Vor allem dann, wenn alle verstünden, welche Ziele Bundeskanzler Gerhard Schröder bei einem Treffen mit dem russischen Präsidenten verfolge. Und wenn Gewissheit herrsche, er vertrete die deutschen aber auch die europäischen Interessen, "dann kann man sich darüber eigentlich nur freuen".

Außerdem könne man damit leben, dass die deutsche Politik eine besondere Kompetenz in Sachen Russland habe. Und die polnische Politik eine Kompetenz in Sachen Ukraine. Gefragt nach Polens künftigem Platz in Europa, erklärte Reiter, dass Polen sicherlich großen Wert auf ein intaktes transatlantisches Verhältnis legen werde.

Zum Gesundheitszustand von Papst Johannes Paul II. äußerte sich der ehemalige Botschafter besorgt. Viele seiner Landsleute neigten dazu, gar nicht zur Kenntnis zu nehmen, dass das Leben des Papstes eines Tages zu Ende ginge. "Da sind alle gar nicht darauf vorbereitet." Reiter wörtlich:

"Es gibt kaum eine Persönlichkeit, die das Leben des polnischen Volkes emotional und auch politisch so stark geprägt hat in den vergangenen Jahrzehnten, wie dieser Papst."

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