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3.3.2005
Verlagerung von Arbeitsplätzen führt nicht aus der Krise
Interview mit Trigema-Chef Wolfgang Grupp

Wolfgang Grupp, Geschäftsführer und Inhaber des Textilunternehmens Trigema (Bild: AP Archiv)
Wolfgang Grupp, Geschäftsführer und Inhaber des Textilunternehmens Trigema (Bild: AP Archiv)
Der Chef der Firma Trigema, Wolfgang Grupp, hat die Verlagerung von Arbeitsplätzen aus Deutschland in Billiglohnländer scharf kritisiert. Wer in Deutschland Probleme habe und deshalb im Ausland zu billigeren Löhnen produzieren lassen wolle, habe noch nie Erfolg gehabt und werde auch in anderen Ländern keinen Erfolg haben, sagte Grupp.

Kolkmann: Es könnte sein, dass sich im schwäbischen Burladingen, 20 Minuten per Bahn von der Universitätsstadt Tübingen entfernt, die Menschen nicht so ganz viele Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen wie anderswo und das liegt am Affen oder besser an der Firma mit dem Affen. Trigema, Deutschlands größter T-Shirt- und Tennisbekleidungshersteller, ein echter Familienbetrieb alten Schlages und der Patriarch Wolfgang Grupp ist als persönlich haftender Unternehmer fast schon so etwas wie ein Dinosaurier unter den Managern in Deutschland. Ihn begrüße ich jetzt zum Interview, einen schönen guten Morgen.

Grupp: Einen schönen guten Morgen.

Kolkmann: 5,2 Millionen Arbeitslose, tatsächlich haben noch mehr Menschen keinen geregelten Job, viele sind auch gar nicht arbeitslos gemeldet. Klopfen auch bei Ihnen im Betrieb viele an, die Arbeit suchen?

Grupp: Selbstverständlich bekommen wir täglich Bewerbungen, die wir natürlich auch nicht einstellen können, denn wir haben eine Verpflichtung unseren Mitarbeitern gegenüber und deren Kindern und im Moment bei dieser starken Konsumschwäche sehen wir uns natürlich auch nicht in der Lage, neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Kolkmann: Wie sehen Sie denn die Entwicklung? Rechnen Sie auch mit noch mehr Arbeitslosen wie die meisten Bundesbürger?

Grupp: Ich kenne das System natürlich jetzt nicht ganz genau, es sind ja nun andere Zahlen, die Statistik ist anders geformt, das heißt, es ist die Frage, ob es tatsächlich mehr Arbeitslose sind als vorher, es sind ja Sozialempfänger in die Arbeitslosigkeit rübergekommen, ich nehme an, dass es vorher Sozialempfänger und Arbeitslose wahrscheinlich gleich viel waren oder vielleicht sogar noch mehr. Wir hoffen, dass dieses Konzept Hartz IV stimmt und dass wir endlich von dieser Arbeitslosigkeit wegkommen, zumindest den Schritt in die richtige Richtung getan haben, so dass es nur noch aufwärts geht und da sind wir alle gefragt, vor allem wir Unternehmer müssen schauen, dass wir die Arbeitsplätze hier halten und eventuell ausbauen.

Kolkmann: Ihr Unternehmen läuft ja gut, es ist profitabel und Sie produzieren alles in Deutschland. Wie kommen Sie um die Krise rum, ohne ins Ausland abzuwandern?

Grupp: Um die Krise herumzukommen hat mit der Auslandsfertigung nichts zu tun, wer ins Ausland geht, hat damit die Krise nicht bewältigt. Wer hier in Deutschland Probleme hat, ist kein Vorzeigeunternehmer fürs Ausland. Ich ziehe den Hut und habe Achtung vor Unternehmern, die hier ein Vorzeigeunternehmen haben und dann mit Stolz in China oder einem anderen Land eine Fabrik bauen, will sie dort dieses Land beliefern wollen. Wer aber hier Probleme hat und dann meint, er müsste hier die Arbeitsplätze abbauen und dann zu versuchen, im Ausland durch billige Arbeitskräfte diese zu ersetzen und dort zu produzieren hat noch nie Erfolg gehabt und wird auch in Zukunft keinen Erfolg haben, denn das Ausland braucht keine Versager von Deutschland sondern die vorbildlichen Unternehmer, die etwas geleistet haben und dann auch im Ausland etwas leisten.

Kolkmann: Was würden sie den Unternehmern empfehlen, die ins Ausland gehen, um dort billig zu produzieren, weil sie sagen, in Deutschland sei das alles viel zu teuer, die Arbeit als erstes?

Grupp: Man muss erstens die Arbeiter richtig einsetzen. Ich sage immer, der Lohn ist dann nicht zu hoch, wenn entsprechend auch die Leistung hinterm Lohn steht, wenn die Mitarbeiter motiviert sind und wissen, dass sie einen sicheren Arbeitsplatz haben, bringen sie auch sie Leistung. Deshalb brauchen wir von oben herunter die Vorbildfunktion. Ich als Unternehmer muss meinen Mitarbeitern vorleben das, was notwendig ist, Verantwortung, das muss wider zurück und so darf der Sozialstaat eben nicht ausgebeutet werden, auch vom Mitarbeiter nicht, wenn das nicht entsprechend notwendig ist. Und das ist das Wichtigste, dass wir mit Vorbildfunktion vorangehen, von oben nach unten.

Kolkmann: Was macht denn die Regierung eigentlich falsch und hat die Opposition bessere Konzepte?

Grupp: Das möchte ich nicht sagen, ich bin nicht so genau in medias res. Wir brauchen auf jeden Fall wieder die Verantwortung zurück, wir müssen denjenigen, die die Haftung für ihre Entscheidungen übernehmen, andere Steuern geben als denen, die entscheiden und dann die anderen haften lassen, da muss unterschieden werden. Die Politik ist natürlich machtlos, wenn die Unternehmer ihre Pflicht nicht erfüllen und immer mehr Arbeitslose schaffen. Dann haben die Politiker, egal welcher Couleur, natürlich keine Chance und können eine soziale Marktwirtschaft nicht weiter betreiben. Deshalb muss das Auslagern von Arbeitplätzen aufhören, man muss sie hier erhalten und schaffen und dann kann man mit Stolz ins Ausland gehen.

Kolkmann: Fordern Sie, die Steuern für persönlich haftende Unternehmer zu senken?

Grupp: Das auf jeden Fall, denn diese Entscheidungen, die die persönlich haftenden Unternehmer oder Manager treffen würden, die Manager auch mit ihrem Gehalt haften lassen, diese Entscheidungen sind sicher richtiger und überlegter als welche, die im Größenwahn gefällt werden ohne jegliche Haftung und wären sie zufällig richtig, wird kassiert und sind sie falsch, wird erst recht kassiert, indem Abfindungen in Millionenhöhe gezahlt werden für die Fehler, die dann andere ausbaden.

Kolkmann: Sie sind ja ein persönlich haftender Unternehmer, sind Sie so etwas wie eine aussterbende Art in Deutschland?

Grupp: Das kann ich so nicht sagen, ich glaube, dass im Mittelstand viele Unternehmer haften für ihre Betriebe. Gehen Sie in den kleinen Mittelstand, der zehn, zwanzig Leute hat, die Handwerker - alle müssen sie haften, die Banken verlangen ja im Prinzip auch, dass sie ihre Häuser oder Grundstücke zur Verfügung stellen, wenn sie Kredite haben, das ist nichts anderes als haften. Die überlegen anders und gehen natürlich sehr vorsichtig vor mit ihren Entscheidungen und wir dürfen auf keinen Fall im Größenwahn entscheiden, so wie wir es überall erleben wie zuletzt gerade in Augsburg mit Walterbau: Milliarden werden entscheiden, aber man hat selber kein Geld und die Banken geben es, dann wundert man sich nicht, wenn dann anschließend die Banken sagen, wir haben kein Geld mehr für den Mittelstand.

Kolkmann: Die Schwarzarbeit boomt in Deutschland, genug Arbeit scheint es also zu geben. Wie könnte man diesen Bereich integrieren, um den Standort Deutschland wieder nach vorne zu bringen?

Grupp: Das ist natürlich Aufgabe der Fachleute, da gibt es ja genug und das muss unbedingt geschehen, diese Schwarzarbeit muss abgebaut werden, denn die Sozialkassen brauchen diese Beiträge, die die Schwarzarbeiter nicht leisten. Das hat aber auch mit der Vorbildfunktion zu tun: wenn ich als Unternehmer eine Schwarzarbeit ausführe, ist das natürlich erstens mal mein Verschulden oder Versagen oder meine Unverantwortlichkeit und dann darf ich mich nicht wundern, wenn meine Mitarbeiter dasselbe tun. Wir müssen eben korrekt sein, die Werte müssen wieder zurück in unser Land, wir müssen dem anderen ins Auge schauen und sagen können: ich lebe hier, hier bezahle ich auch meine Steuern, hier arbeite ich auch und selbstverständlich muss ich auch etwas für die Gemeinheit tun, indem ich in die Sozialkassen oder meine Steuern bezahle.

Kolkmann: Anders als die Franzosen, die zum Beispiel auch mehr Kinder zu versorgen haben, kaufen die Deutschen zu wenig sein. Könnte das vielen Unternehmen den Garaus machen?

Grupp: Selbstverständlich, die Konsumschwäche ist für alle, ob große oder kleine Unternehmen, das große Manko. Das lesen wir ja gerade auch in der Automobilbranche: es kauft keiner mehr ein Auto, wenn er nicht weiß, dass sein Arbeitsplatz gesichert ist, das haben die auch zu spüren. Deshalb umso mehr brauchen wir wieder Zuversicht. Wir haben einen positiven Standort. Unsere Großväter haben das Wirtschaftswunder geschaffen und die haben es getan, indem sie Leistung gebracht haben und zueinander gestanden sind, miteinander das Wirtschaftswunder geschaffen wurde und das müssen wir auch können, wir dürfen nicht Egoisten züchten, sondern müssen mit unseren Mitmenschen hier am Standort unsere Probleme lösen und wenn wir das wieder bedenken, wir es auch schnell wieder aufwärts gehen.
Der Affe aus der Trigema-Werbung (Bild: trigema.de)
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