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17.9.2004
In West-Berlin wird die Amerika-Gedenkbibliothek eingeweiht
Vor 50 Jahren
Von Marianne Weil

Bibliothek  (Bild: AP)
Bibliothek (Bild: AP)
So wie damals werden die deutsch-amerikanischen Beziehungen nie wieder sein. Die Bundesrepublik wusste, dass sie im Kalten Krieg auf den Schutz der Amerikaner angewiesen war - ernsthafte Meinungsverschiedenheiten wurden da nicht ausgetragen. Vor allem in West-Berlin wurden die Amerikaner als Schutzmacht geradezu verehrt. Die USA garantierten nicht nur die Freiheit West-Berlins, sie investierten auch in die Entwicklung West-Berlins: So wurde vor 50 Jahren, am 17. September 1954, mit demonstrativer Feierlichkeit die Amerika-Gedenkbibliothek eingeweiht.

Wenn man in Berlin auf der Linie 1 am Halleschen Tor vorbeifährt, sieht man in Richtung Süden einen frei stehenden modernen Bau, auf dem mit großen Buchstaben GEDENKBIBLIOTHEK steht. Das ist die "Amerika-Gedenkbibliothek", die am 17. September 1954 eingeweiht wurde. Der SFB-Reporter Eberhard Kruppa besichtigte damals die in Gestalt und Konzept sensationell moderne Bücherei.

Wir stehen im Lesesaal, im Ausleihsaal dieser Bibliothek. 82 Meter ist er lang, weit, licht gebaut, trägerlos, in die Decken Lichtraster eingebaut und viele, viele Leuchten, die diesen Saal erhellen, abgegrenzt wird er von weiten Fensterfronten. Man kann viele, viele Wissensgebiete finden: Humanistik, Soziologie, Politik, Recht und Wirtschaft, Naturwissenschaft, Technik, Film, Tanz, Theater, Musik, schöngeistige Literatur in großem Umfang. 110.000 Bände stehen gegenwärtig zur Verfügung, aber diese Bibliothek soll auf einen Bestand von 600.000 Bänden kommen. Jeder Leser bekommt gegen Vorlage seines Personalausweises eine Lesekarte und darf die Bücher dann vier Wochen behalten.

Der Bau wurde mit fünf Millionen DM aus amerikanischen Steuergeldern finanziert als Anerkennung für die tapfere Haltung der West-Berliner während der Blockade 1948/49. Die moderne Architektur, das völlig neue Konzept der Bibliothek, ihre Lage mitten im traditionellen Kreuzberger Arbeiterbezirk und vor allem die unmittelbare Nähe zur Sektorengrenze gaben dem Projekt einen hohen politischen Stellenwert. Zwar ließ sich Bundeskanzler Adenauer vertreten, doch der amerikanische Hohe Kommissar James Bryant Conant sprach zur Eröffnung.

Das Gebäude, das wir heute einweihen, ist ein Symbol. Diese Bibliothek soll die Bedeutung Berlins als eines der großen geistigen Widerstandszentren gegen die Unfreiheit dokumentieren. Wir alle sehen mit Zuversicht dem Tage entgegen, an dem Berlin als Hauptstadt eines in Frieden und Freiheit wiedervereinigten Deutschlands seinen gebührenden Platz einnehmen wird. Bis zu diesem Tage bleibt es die Aufgabe der freien Welt, alles zu tun, um Berlin, ein Symbol der Freiheit, zu stärken und zu unterstützen und zwar nicht nur auf wirtschaftlichem und militärischem, sondern auch auf geistigem Gebiet.

Vorbild für die neue Bibliothek war die Idee der amerikanischen public library, die keine Trennung zwischen wissenschaftlicher und populärer Literatur kennt, die ihre Bestände nicht in Magazinen sichert, sondern frei zugänglich für jedermann aufstellt. Claudia Lux, die heutige Leiterin, über das damals revolutionär Neue: die Freihandaufstellung.

Freihand heißt, dass man direkt an die Medien rankam und dass man sie selbst in die Hand nehmen kann. Sie müssen überlegen, dass in den 50er Jahren die meisten Öffentlichen Bibliotheken noch Thekenbibliotheken waren, na die wissenschaftlichen sowieso, d. h. man sollte an einem Katalog etwas heraussuchen oder man fragte eine Bibliothekarin: ich möchte gerne einen schönen Roman lesen und dann hat sie einem drei, vier Sachen angeboten und daraus wählte man dann aus.

Am ersten Tag der Öffnung war der Ansturm des Publikums so groß, dass die Polizei für Stunden den Vorplatz sperren musste. Tausende wollten eine Lesekarte. Viele testeten die moderne Rohrpost, die innerhalb von wenigen Minuten das gewünschte Buch aus dem Magazin nach oben transportierte. Die Angst davor, dass der Freihandbestand die Berliner zum Diebstahl verleiten würde, erwies sich als unbegründet.

Der Mauerbau 1961 war ein Schlag für die Ostberliner und es gibt rührende Geschichten von Lesern, die im November 1989 ihre im August 1961 entliehenen Bücher zurückbrachten.

Mit dem Fall der Mauer drängte sich die Idee auf, die beiden großen Öffentlichen Bibliotheken in Ost- und West-Berlin zu vereinigen. Per Gesetz entstand 1995 aus der Amerika-Gedenk-Bibliothek und der Berliner Stadtbücherei im Marstall die "Zentral- und Landesbibliothek Berlin": eine Institution, zwei Häuser, zwei Traditionen, eine Leitung und ein Konzept, in dem sich die Ideen der deutschen Bildungsreformer von 1900 mit dem Prinzip der freien Informationsgesellschaft verbinden.

Es ist die Idee der public library geblieben, des offenen Zugangs zur Information, was wir nun vom Buch natürlich auch auf andere Medien ausgedehnt haben. Das war auch schon der Ansatz der Amerika-Gedenkbibliothek - Jazzmusik in den 50er Jahren, ganz wichtig für diese Stadt, Neue Musik - und wir waren eine der ersten Bibliotheken, die Videos als eine selbstverständliche Aufgabe für die Bibliothek gesehen hat, die natürlich auch Hörbücher und Ähnliches im Bestand hat und die sich der digitalen Welt sehr weit geöffnet hat. Und wir sind der Meinung, und das ist wichtig für eine Zentral- und Landesbibliothek wie unsere und hier spielt auch die Idee der Amerika-Gedenkbibliothek eine Rolle, dass Internet für alle heute existieren muss. Wir dürfen niemanden in der Gesellschaft ausgrenzen aus dieser Informationsgesellschaft und das ist die Aufgabe, die wir mitbekommen haben mit dieser Idee, diese Bibliothek so offen zu gründen und ich glaube, das ist die amerikanische Idee, die wir auch weiter hier betreiben.

Die Amerika-Gedenkbibliothek steht heute unter Denkmalschutz und wird ihren 50. Geburtstag komplett renoviert feiern können: dieselben Farben, dieselben Lampen und Stühle, auch die schwarzen Resopaltische sind wieder da. Und wie vor 50 Jahren wird der amerikanische Botschafter zum Festakt erwartet. Die Sicherheitsmaßnahmen allerdings werden ungleich schärfer sein.
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