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12.11.2004
"Italienische Sozialisten"
Vor 10 Jahren beschloss die sozialistische Partei Italiens ihre Auflösung und Neugründung unter neuem Label
Von Henning Klüver

Bettino Craxi, Ex-Spitzenpolitiker der Sozialistischen Partei Italiens (Bild: AP Archiv)
Bettino Craxi, Ex-Spitzenpolitiker der Sozialistischen Partei Italiens (Bild: AP Archiv)
Aus vollem Hals und ein wenig trotzig, so war in Presseberichten zu lesen, sangen die Delegierten der Sozialistischen Partei Italiens zu Beginn ihres 47.Parteitages die Hymne der internationalen Arbeiterbewegung. Trauer lag über der Veranstaltung, die vor zehn Jahren im Palazzo dei Congressi von Rom stattfand, denn die rund 600 Delegierten wussten, dass dies nicht das "letzte Gefecht", sondern der letzte Kongress in der Geschichte der ältesten italienischen Partei sein würde. Auf der Tagesordnung standen die Auflösung der Partei und die Gründung einer neuen politischen Formation.

Der Partito Socialista Italiano, die traditionelle Arbeiterpartei des Landes wurde 1892 in Genua gegründet. Aus ihr ging 1921 bei einer Abspaltung auch die Kommunistische Partei hervor, die bald die stärkste Partei der italienischen Arbeiterbewegung wurde. In der Nachkriegszeit näherten sich die Sozialisten dem bürgerlichen Regierungslager an. Mit Bettino Craxi stellten sie in einer Koalition mit den Christdemokraten und anderen bürgerlichen Parteien zwischen 1984 und 86 sogar den Ministerpräsidenten des Landes. Doch unter Craxi gerieten sie, wie ihre Koalitionspartner, in den Strudel von Korruption und illegaler Parteienfinanzierung. Als mutige Richter Anfang der neunziger Jahre unter dem Schlagwort "mani pulite" die kriminellen Machenschaften aufdeckten, brach der Parteiapparat in kürzester Frist zusammen. Giorgio Bocca, einst Widerstandskämpfer auf Seiten der Sozialisten und heute der große alte Mann der italienischen Publizistik, erinnert sich:

In Mailand gab es 37 Parteilokale und alle waren verwaist. Die Mitglieder hatten sie spontan aufgegeben, man ging nicht mehr zur Partei. Es blieben nur die geöffnet, in denen es vielleicht ein Café-Bar gab, oder wo man Karten spielen konnte. Ansonsten war der Rest der politischen Organisation buchstäblich verschwunden.

In der Bevölkerung machte sich Hass auf die korrupten Politiker Luft, der sich bald gegen das gesamte Parteiensystem richtete. Alberto Grancini, der heute das Amt für Innere Sicherheit der Provinz Mailand leitet, war einer der Delegierten auf dem letzen Parteikongress der Sozialisten in Rom.

Damals sah ich eine Ära zu Ende gehen und gleichzeitig endete ein Stück meines Lebens. Aber da war auch Trauer darüber, dass die Teilnahme der Bevölkerung unseres Landes an der Politik immer geringer wurde. Ich sah diesen Groll gegenüber den Parteien, gegenüber der Politik als ein Zeichen von weniger Demokratie in unserem Land.

Vor zehn Jahren, so sagen Historiker, endete die italienische Nachkriegsgeschichte, die Geschichte der so genannten ersten Republik. Bereits zwei Jahre zuvor hatten sich die Kommunisten unter dem Eindruck des Falls der Mauer als demokratische Linkspartei neu definiert und ideologisches Gepäck abgeworfen. 1994 zeigten sich dann die Folgen des Korruptionsskandals. Bereits im Januar löste sich die Democrazia Cristiana auf. Ein sozialistischer Spitzenpolitiker wie Bettino Craxi entzog sich durch Flucht ins Ausland einer mehrjährigen Haftstrafe. Giorgio Bocca kommentiert:

Das war das Ende der ersten Republik. Alle Einrichtungen, alle Organisationen, die die erste Republik bildeten, gerieten in eine Existenzkrise. Und es kam eine neue Partei hervor, die von Silvio Berlusconi, die viele aufnahm, die von den anderen Parteien flohen.

Die Sozialisten beschlossen auf ihrem letzten Parteitag vom 11. bis zum 13. November 1994 formell die Auflösung ihrer Partei. Es entstand eine neue Formation, die sich heute SDI, Socialisti Democratici Italiani, nennt und im linken Lager angesiedelt ist. Sie ist aber politisch ebenso unbedeutend wie eine kleine Gruppe ehemaliger Craxi-Anhänger auf der rechten Seite. Einer wie Alberto Grancini von der SDI möchte dabei auf traditionelle Werte nicht verzichten, auch nicht auf die "Internationale":

Die Internationale stellt ein Leben dar, diese Symbole gehören doch zu uns selbst, weshalb sollen wir sie vergessen?
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