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13.11.2004
Vor 100 Jahren wurde Peter Graf York von Wartenburg geboren
Der Widerstandskämpfer gehörte dem Kreisauer Kreis an und war verwandt mit Claus Schenk Graf von Stauffenberg
Von Bernd Ulrich

Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der am 20. Juli 1944 versuchte, Hitler in die Luft zu sprengen, wurde von seinem Vetter Peter Graf York von Wartenburg unterstützt. (Bild: AP)
Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der am 20. Juli 1944 versuchte, Hitler in die Luft zu sprengen, wurde von seinem Vetter Peter Graf York von Wartenburg unterstützt. (Bild: AP)
Anders als seine Mitstreiter sieht man ihn auf den wenigen publizierten Fotografien zumeist schmunzeln, ja, dem Betrachter offen entgegen lachen: Peter Graf Yorck von Wartenburg, geboren am 13.November 1904, Jurist und Reserveoffizier, und spätestens seit 1938 dem deutschen Widerstand verbunden. Er war, so jene, die ihn kannten, das "Herz" eines lockeren Gesprächskreises von adeligen, aber auch von sozialistischen Regimegegnern. Der Sozialist Carlo Mierendorff gehörte ebenso dazu wie Helmuth James Graf von Moltke, der die Treffen gemeinsam mit Wartenburg organisierte und leitete. "Kreisauer Kreis" wurde diese Runde in den Akten der Gestapo genannt, nach dem Familiensitz der Moltkes im schlesischen Kreisau. Dort trafen sich die Teilnehmer indessen nur dreimal, ansonsten kamen sie in der Wartenburgschen Wohnung in der Berliner Hortensienstraße zusammen. Den inneren Zusammenhalt des Kreises hat später die Witwe des Grafen Yorck, Marion von Wartenburg, zu charakterisieren versucht:

Ich würde sagen, eine merkwürdige Freundschaft verband sie. Das gemeinsame Interesse und das gemeinsame Denken gegen Hitler, das war eben doch eine ganz starke innere Verbindung, und wenn man damals Menschen fand, die so, genauso dachten und auf derselben Spur liefen wie man selbst, war das schon ein Geschenk.

Seit Ende 1940 wurden in diesem Diskussionszirkel christlich und sozialistisch inspirierte Erneuerungsvorschläge für das Deutschland nach Hitler besprochen. Sie waren geprägt von den schon vor 1933 lebendigen Ideen der konservativen Revolution, antiliberal in der Gesinnung und auf einen autoritären Staat vertrauend. Einzig das heute vergessene Konzept eines geeinten Europas wies darüber hinaus. Dazu gehörte, wie der Historiker Hans Mommsen formulierte,

das konsequente Eintreten für einen europäischen Bundesstaat, die entschiedene Frontstellung gegen den Nationalismus, die Rückbesinnung auf die im Christentum und Humanismus liegenden Werte der Europäer ebenso wie der Ruf nach spontaner Solidarität aus christlichem Geiste.

Anders als sein Freund Moltke bekannte sich Wartenburg nach längerem Zögern entschieden zur Notwendigkeit des "Tyrannenmordes". Er unterstützte die Attentatspläne seines Vetters Claus Schenk Graf von Stauffenberg und sollte in der neuen Regierung einen Staatssekretärsposten übernehmen. Am 8.August 1944, gut zweieinhalb Wochen nach dem missglückten Attentat, stand von Wartenburg vor dem Volksgerichtshof. Gedemütigt durch die Haft, gewiss in der Erwartung des Todes, sah er sich nun mit dem berüchtigten Präsidenten des Volksgerichtshofes, Roland Freisler, konfrontiert, einem zynisch-fanatischen Schergen, dem es vor Verkündigung des Urteils darum ging, den Angeklagten zu "atomisieren", wie er einmal bemerkte.

Freisler: Ende Juli - Ende Juno haben Sie wieder eine Besprechung!
Wartenburg: Jawohl!
Freisler: ... gehabt. Da hat er wieder eine Frage an Sie gerichtet. Welche Frage?
Wartenburg: Er hat noch mal die Frage gestellt, ob ich zur Verfügung stände
Freisler: Ja! Und was hat er noch für eine Frage gestellt?
Wartenburg: Und ob ich besondere Wünsche für eine eigene Verwendung hätte.
Freisler: Ob Sie besondere Wünsche für eine eigene Verwendung hätten!
Dann, was hat er noch für Namen genannt?
Wartenburg: Dann wurde über das Außenministerium gesprochen
Freisler: Ja!
Wartenburg: und gesagt, dass da von Hassel oder der Graf Schulenburg den Vertrag
Freisler: Ja!
Wartenburg: Dabei blieb aber völlig offen, ob mit den Herren überhaupt verhandelt worden
Freisler: Ja ja!


Am selben Tag wurde Peter Graf Yorck von Wartenburg in Berlin-Plötzensee gehängt. Noch im Verhörprotokoll, das unmittelbar nach seiner Verhaftung entstand, hatte er mutig bekundet, die Verfolgung der Juden sowie die Praktiken deutscher Besatzungsherrschaft im Osten hätten seine Widerstandsbereitschaft wesentlich motiviert. Allerdings hat er selbst seit Juli 1942 in leitender Funktion im Wirtschaftsstab Ost gearbeitet, einer Organisation, die sich in großem Stil der wirtschaftlichen Ausbeutung der besetzten sowjetischen Gebiete widmete.

Diese Gleichzeitigkeit von Verstrickung in den NS-Terrorapparat und bedingungslosem Widerstand findet sich in den Biographien vieler adeliger Verschwörer. Die Anerkennung ihres persönlichen Mutes und ihrer Entschlossenheit kann das nicht mindern. Aber ihre moralische "Größe" ist ohne ihre ambivalente Haltung in der Diktatur nicht zu haben.
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