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20.11.2004
1979 präsentierten schiitische Häretiker den Endzeit-Propheten der Welt
Von Sabine Korsukéwitz

Plakat von Ayatollah Khomeini  (Bild: AP)
Plakat von Ayatollah Khomeini (Bild: AP)
20.November 1979, der Neujahrstag des islamischen Jahres 1500. Mehr als 100.000 Pilger drängen sich unter der glühenden Nachmittagssonne Saudi-Arabiens im Hof der Großen Moschee in Mekka.

Plötzlich hört man Maschinengewehrsalven. Panik bricht aus. Rebellen bleiben mit Tausenden von Geiseln an der Kaaba zurück, jenem würfelförmigen, schwarz verhängten Gebäude, das den Heiligen schwarzen Stein enthält und als Zentralheiligtum des Islam gilt.

Mekka, für die meisten Ausländer ohnehin gesperrt, wird für Journalisten dicht gemacht. Hans Peter Germer, Korrespondent aus Kairo, ist auf Informationen arabischer Kollegen angewiesen...

48 Stunden nach dem Sturm auf die Al Haram Moschee von Mekka, steht noch nicht fest, wer die Angreifer sind, wie viele es sind, wie viele Geiseln sie in diesem höchsten Sanktuarium festhalten...

Später wird man hören, es seien 200 bis 400 schiitische Häretiker gewesen, die an diesem Neujahrstag den angekündigten Neuen Mahdi, den Endzeit-Propheten, der Welt präsentieren wollten; dass sie das Verbot von Rundfunk und Fußball forderten, den Stopp des Ölverkaufs und den Ausschluss von Frauen von allen geschäftlichen Tätigkeiten. Niemals offiziell bestätigt war die Forderung nach dem Rücktritt des saudischen Königs und seiner Regierung.

König Khaled war, wie alle saudischen Herrscher, gleichzeitig religiöses Oberhaupt und Beschützer der Heiligen Stätten. Um dort die Armee einsetzen zu können, musste er sich von den Gelehrten eine Fatwa einholen, ein Rechtsgutachten:

Der Allmächtige sagt: "Kämpft nicht in einer Heiligen Moschee gegen sie, wenn sie dort nicht zuerst gegen Euch kämpfen. Wenn sie aber dort gegen euch kämpfen, so erschlagt sie."

So war der Weg frei und die saudische Armee, verstärkt durch jordanische Elitesoldaten, konnte gegen die Rebellen im Heiligen Bezirk vorgehen.

Der Rest der islamischen Welt reagierte schockiert. Und während der Westen die Deutung bevorzugte, dass der frisch installierte Ayatollah Khomeini schiitische Pilger zu der Tat angestachelt habe, fand auch der Ayatollah bald einen Schuldigen.

Der Korrespondent Peter Brünner am 23. November aus Kairo:

Khomeini selber hat die Täter von Mekka verurteilt, aber er weist auf den amerikanisch-zionistischen Imperialismus, der für den Akt religiösen Terrors in Mekka verantwortlich sei. Und damit hat er die Herausforderung von Mekka mit seinem Kampf gegen die USA verbunden.

In Indien und Pakistan brannten amerikanische Einrichtungen, wurde Botschaftspersonal in Geiselhaft genommen für politische Vergehen ihrer Regierungen, die mittelbar mit der Tat von Mekka in Zusammenhang standen: Die immer währenden Intrigen um Petrodollars und Macht in der Region. Doch das saudische Königshaus ließ diesen Zusammenhang leugnen:

Seine königliche Hoheit, Innenminister Amir Najif Ibn Abd Al-Asis, hat erklärt, mit dem Angriff auf die Heilige Moschee habe kein ausländischer Staat etwas zu tun.

Tatsächlich galt der Angriff den saudischen Herrschern - doch mit ihnen ihren amerikanischen Freunden.

In Mekka trafen 2 Fraktionen aufeinander: Hier die Vertreter eines Heilswegs zurück in eine panarabische Klassik - dort die autoritäre Saudi-Regierung, die den Spagat zwischen Religion und Profit versuchte.

Der Neue Mahdi, Humeiman Ibn Saif al Otaibi dagegen, war Rechtsstudent an einer jener saudischen Universitäten, die einen Hort der islamistischen Opposition bildeten.

Man hat die Täter von '79 als religiöse Wirrköpfe abgetan, doch sie waren die Vorgänger eines Osama bin Laden. Was 1979 über Mekka hereinbrach, hatte sich seit langem angestaut: Im Versuch religiöse Grabenmentalität mit Geschäfts- und Machtgebaren des 20 Jahrhunderts zu vereinbaren.

Am 4.Dezember beendete die saudische Regierung die Besetzung der Moschee mit aus Frankreich geliefertem Reizgas. Wenige Wochen darauf wurden 63 der Rebellen auf verschiedenen Marktplätzen Saudi-Arabiens öffentlich enthauptet.
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